In Remscheid festgesetzt

Deportationen: Dutzende jüdische Schicksale bleiben ungeklärt

Zum 80. Jahrestag gab es einen Rundgang ab Döppersberg: Von hier aus waren die Deportationen aus dem Bergischen geplant worden.rchivfoto: Andreas Fischer
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Zum 80. Jahrestag gab es einen Rundgang ab Döppersberg: Von hier aus waren die Deportationen aus dem Bergischen geplant worden.

Vor 81 Jahren wurden Remscheider Juden in der Polizeikaserne festgesetzt und dann deportiert.

Von Irmgard Wasserfuhr und Andrea Blesius

Remscheid. Am 24. Oktober 1941 wurden Remscheider Jüdinnen und Juden in der Polizeikaserne Remscheid festgesetzt. Von dort wurden sie zwei Tage später mit weiteren bergischen Juden und Jüdinnen über Wuppertal zum Schlachthof nach Düsseldorf gebracht. Es war der erste Transport, der von dort an einem Sonntag abging. Für weitere Deportationen wählte die Gestapo-Leitstelle in Düsseldorf immer einen Sonntag, da so das geringste Aufsehen erregt wurde.

Im dortigen Schlachthof mussten sie zusammen mit 1003 Juden und Jüdinnen aus dem Gestapogebiet Düsseldorf – wie Schlachtvieh eingepfercht und meist stehend – die Nacht verbringen. Ihr Gepäck wurde durchsucht, sie wurden bestohlen und waren den Schikanen der Gestapo- und SS-Leute ausgesetzt. Die Gestapo erstellte zu dem Transport eine Quittung über 98 793 Reichsmark, welche sie den verzweifelten Menschen dann als „Fahrgeld“ abnahm. Spätestens nach der Zeit an einem solch grausamen Ort war den Gefangenen klar, dass ihr Schicksal kein gutes Ende nehmen würde. Ursprünglich umfasste der Transport 1008 Menschen, fünf wählten vorab den Freitod.

Von Düsseldorf aus ging es ins Ghetto Litzmannstadt

Am folgenden Tag fuhr der Zug um 7.50 Uhr von Düsseldorf ab. Die Menschen kamen erst in der Nacht, bei zwölf Grad unter null, im Ghetto Lodz/Litzmannstadt an. Die Unterkunft hatte weder Tische, Stühle, Schränke, nicht einmal Pritschen. Es gab drei Latrinen und eine Wasserpumpe.

Erinnerung an erste Deportation von bergischen Juden

Anfang Mai 1942 beziehungsweise im September 1942 wurden fast alle aus Remscheid stammenden Jüdinnen und Juden in das Vernichtungslager Chelmno/Kulmhof „ausgesiedelt“ und am folgenden Tag ermordet. Nach heutigem Kenntnisstand hat kein Remscheider überlebt.

Vom gesamten Transport mit 1003 Personen konnten sich nur 13 Menschen retten.

Unter den in Remscheid geborenen oder wohnenden 25 Remscheider Jüdinnen und Juden befanden sich zwei vierjährige Mädchen, Inge Sternberg und Thea Zauderer. Theas Mutter wurde mit ihrer Großmutter im Mai 1942 vergast, Thea und ihr Großvater wurden im September 1942 getötet. Die kleine Inge wurde mit ihrer Mutter Lieselotte im August 1944 nach Auschwitz gebracht. Dort verliert sich ihre Spur.

Josef Schönthal und Hermann Winter wurden zu Arbeitseinsätzen nach Posen verschickt und ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.

Drei Tage vor ihrer Deportation hat Gertrud Winter ihren Mann Martin geheiratet. Die religiöse Trauung erfolgte am 16. November 1941 im Ghetto. Sie ging als Frau Herzfeld in den Tod. Nun, da sich der Tag der Deportation zum 81. Mal jährt, gedenken wir all der Deportierten, die die Autorinnen wie folgt auflisten:

Die Schlachthofhalle in Düsseldorf.

In Gedenken an: Artmann Eidel, Artmann Josef, Benjamin Margot, Blicblum Sara, Isaak Erich, Isaak Marta, Isaak Ruth, Isaak Siegmund, Lilienfeld Hilde, Mandelbaum Esther, Meyer Margot, Schönthal Josef, Sternberg Inge, Sternberg Lieselotte, Sternberg Max, Strauß Agnes, Strauß Oskar, Strauß Richard, Winter/Herzfeld Gertrud, Winter Hermann, Wundermann Chana, Zauderer Brucha, Zauderer Sara, Zauderer Srul, Zauderer Thea.

Weitere Remscheider wurden im Oktober 1941 von Köln aus ebenfalls nach Litzmannstadt deportiert. Auflistung der Autorinnen:

In Gedenken an: Ehrlich Gertrud, Lange Julius, Lefmann Frieda, Lefmann Leopold, Weinberg Lotte Ilse, Weinberg Lotte Ilse, Weinberg Vera, Lenneberg Ernst Rolf, Lenneberg Gerda, Lippmann Hermann, Lippmann Martha, Weinberg Hedwig, Weinberg Lotte Ilse, Weinberg Vera.

Von Frankfurt aus wurde Elisabeth Binswanger, geborene Löwenthal, deportiert.

Der Tod von Hedwig Weinberg im Ghetto Lodz ist verzeichnet. Das Schicksal der anderen ist bis heute nicht geklärt.

Einer der Täter – ein Remscheider: Hermann Waldbillig. Der Gestapomitarbeiter des „Judenreferats“ demütigte und schikanierte, wo er konnte. Er schreckte laut Zeugenaussagen auch nicht vor Misshandlungen zurück. Er war mitverantwortlich für die Vorbereitung der reibungslosen Durchführung der Deportationen vom Schlachthof Düsseldorf. Waldbillig wurde hierfür lediglich zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Hintergrund

Die Autorinnen: Der Artikel von Irmgard Wasserfuhr und Andrea Blesius ist die jüngste Veröffentlichung der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall Remscheid. Aus der Satzung des Vereins heißt es, er „dient der Erinnerungskultur im Sinne einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Remscheid.“ Und weiter: „Er hat das Ziel, im ehemaligen Pferdestall des Polizeikomplexes am Quimperplatz das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, an ihr Leiden und Sterben durch Verfolgung und Inhaftierung, zu pflegen und das Lernen aus der Geschichte am historischen Ort zu ermöglichen.“

Ihre Quellen: Die Autorinnen haben umfassend recherchiert, unter anderem sind Quellen aus dem Stadt- und verschiedenen Landesarchiven eingeflossen. Dr. Joachim Schröder, Erinnerungsort Alter Schlachthof Düsseldorf, hat beim Foto unterstützt. Mehr zum Hintergrund gibt es hier.

Lesen Sie auch: Röntgenlauf: In der Lenneper Altstadt droht der Abschlepper

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