Ein Besuch im evangelischen Altenzentrum Der Wiedenhof

Das sagt die Kriegsgeneration zum russischen Einmarsch in die Ukraine

Kurt Kebernick war 18 Jahre alt als er 1943 für Führer, Volk und Vaterland in den Krieg zog.
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Kurt Kebernick war 18 Jahre alt als er 1943 für Führer, Volk und Vaterland in den Krieg zog. 
  • Axel Richter
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Was macht der Krieg mit den Menschen, die ihn selbst erlebt haben? Im Evangelischen Altenzentrum Der Wiedenhof erhielt der RGA Antworten auf diese und weitere Fragen.

Remscheid. Manchmal wacht Gisela Ries nachts auf. Im Traum ist ihr dann das Bild aus der Kindheit wieder erschienen: der flackernde Feuerschein am Horizont, die brennenden Städte im Ruhrgebiet. Lange haben die Erinnerungen an die Bombennächte des Zweiten Weltkrieges sie in Ruhe gelassen. Doch seit dem Krieg in der Ukraine sind sie zu ihr zurückgekehrt. Die Bilder im Fernsehen schaut sich die 87-jährige Remscheiderin deshalb nicht an. „Weil ich sonst gar nicht mehr schlafen kann.“

Was macht der Krieg mit den Menschen, die ihn selbst erlebt haben? Das Leid der Zivilbevölkerung, das Sterben der Soldaten auf den Schlachtfeldern, die Zerstörung der Heimat? Im Evangelischen Altenzentrum Der Wiedenhof erhielt der RGA Antworten auf diese und weitere Fragen. Denn der Krieg hat Narben hinterlassen. Narben, die mit dem Überfall auf die Ukraine wieder aufgebrochen sind. Hinzu kommt die Sorge der Älteren um Kinder, Enkel und Urenkel. Die Kinder sollten doch in Frieden aufwachsen und nicht eines Tages womöglich das erleben, was sie selbst sehen und erleiden mussten.

„Die Männer erzählen sich manchmal vom Krieg. Nicht den Frauen. Wer das nicht mitgemacht hat, der kann das nicht verstehen.“

Kurt Kebernick (97)

Kurt Kebernick war 18 Jahre alt als er 1943 für Führer, Volk und Vaterland in den Krieg zog. Geboren im polnischen Lodz, schickte ihn die Wehrmacht an die Front im Osten. „Da musste ich dann Soldat spielen“, sagt der 97-Jährige. Im russischen Winter verlor der MG-Schütze bei minus 25 Grad die Zehen am rechten Fuß.

Den Splitter einer Granate, die in Danzig neben ihm krepierte, trägt er heute noch in der Schulter. „Der Feldarzt meinte, ich würde sonst alle Kraft im Arm verlieren“, erzählt Kurt Kebernick.

Doch der Krieg im Osten hinterließ bei Kurt Kebernick mehr als einen verstümmelten Fuß und einen Splitter im Leib. „Wir lagen im Schnee, der war einen Meter fünfzig hoch, der Boden gefroren. Links und rechts von mir lagen gefallene Kameraden. Die konnten wir ja nicht begraben, weil der Boden zu hart war. Und immer dachte ich, demnächst liegst Du auch so da.“

Doch der Obergefreite hatte Glück. Kebernick überlebte den Krieg und geriet auch nicht wie viele andere Soldaten in russische Gefangenschaft. Nach dem Krieg wurde Kurt Kebernick Bergmann, dann verschlug es ihn in die Werkzeugstadt Remscheid. Kebernick arbeitete bei der BSI und bis zur Rente bei einem Sägenhersteller.

Heute ist er stolzer Urgroßvater und versteht nicht, wie der russische Präsident einen Krieg gegen das eigene Volk entfesseln kann. „Es ist traurig, dass so etwas heute noch möglich ist“, sagt er. Spricht er im Wiedenhof über seine Erlebnisse? „Die Männer erzählen sich manchmal vom Krieg“, sagt Kurt Kebernick. „Aber nicht den Frauen. Wer das nicht mitgemacht hat, der kann das nicht verstehen.“

Gisela Ries kehrte 1943 in ein zerstörtes Remscheid zurück. Die Familie hatte die Bombennacht überlebt.

Es war ein anderer Krieg, den die Frauen und Mädchen durchlitten - was nicht heißt, dass er weniger grausam war. In der Remscheider Bombennacht vom 30. auf den 31. Juli 1943 kamen mehr als 1000 Menschen ums Leben, darunter viele Frauen und Kinder.

800 Geflüchtete mehr als 2021

Gisela Ries hatte Glück. Die Eltern hatten das achtjährige Mädchen aufs Land geschickt. Die Familie, die in der Salemstraße wohnte, wurde ausgebombt. Der Vater starb später auf den Rheinwiesen in amerikanischer Gefangenschaft. Gisela Ries fand nach dem Krieg mit der Mutter und den zwei Schwestern in einer Lenneper Barackensiedlung ein Dach über dem Kopf. Bis vor wenigen Jahren wohnte die Spediteurin in einem Haus in Stachelhausen. „Das hatte 82 Treppenstufen“, sagt die 87-Jährige und lacht: „Die haben mich fit gehalten.“

„Ich habe mich allein in den Garten gesetzt und geheult.“

Gisela Ries (87)

Die 82 Treppen. Und wohl auch die vier Enkel, von denen Gisela Ries stolz erzählt. Um sie macht sie sich Sorgen, wenn sie an die aktuelle Weltlage denkt. Und das Schicksal der Kinder in der Ukraine berührt sie zutiefst. Die Bilder vom Krieg kann sie deshalb nicht sehen. Was sie gemacht hat als die Nachricht vom russischen Einmarsch im Wiedenhof die Runde machte? „Ich habe mich allein in den Garten gesetzt und geheult.“

Die beiden Gesprächspartner des RGA leben heute im Evangelischen Altenpflegezentrum Der Wiedenhof. Nach der Hochphase der Corona-Pandemie öffnet sich das Heim in der Remscheider Innenstadt wieder mehr für die Öffentlichkeit. Am Freitag startet wieder das Projekt „Lass uns tanzen“ - mit Sektempfang der Besucher. Dazu arbeitet der Wiedenhof mit anderen Heimen zusammen, daran können alle Senioren teilnehmen. Treffen ist um 15 Uhr in der Esche, Eschenstraße 25.

Lesen Sie auch: Jobsuche ist für Ukrainer nicht leicht

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