Morsbach

Das lange Warten hat die Flutopfer im Tal zermürbt

Pfarrer Siegfried Landau weiß um die Sorgen der Menschen, die in Remscheid unter den Folgen des Hochwassers leiden. Foto: Roland Keusch
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Pfarrer Siegfried Landau weiß um die Sorgen der Menschen, die in Remscheid unter den Folgen des Hochwassers leiden.
  • Andreas Weber
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Pfarrer Siegfried Landau begleitet von der Katastrophe Betroffene im Morsbach - Professionelle psychologische Hilfe wäre dringend nötig

Remscheid. Als Siegfried Landau Mitte Juli aus seinem Urlaub in Niedersachsen heimkehrte, war es nur eine Ahnung, die ihn direkt vom Auto aufs Rad wechseln ließ. „Ich wusste an dem Samstag nichts Konkretes, wollte zwei Tage nach der Flut im Morsbachtal im Einzugsgebiet unserer Gemeinde schauen, ob wir im Bergischen betroffen waren“, erinnert sich der Hastener Pfarrer. Was er sah, traf ihn unvorbereitet und brannte sich ein. Als er die Kratzberger Straße runter zum Clemenshammer rollte, wurde das Ausmaß der Katastrophe schnell klar. „Da stand verdrecktes Mobiliar vor den Haustüren, lagen Trümmer im Schlamm herum. Es sah aus wie im Krieg.“

Der 63-Jährige ist gestählt durch 25 Jahre Tätigkeit in der Notfallseelsorge. „So etwas aber hatte ich vorher noch nicht erlebt. Ich war wie erschlagen von den ersten Eindrücken. Ein Ereignis mit dieser verheerenden Dimension gab es in Deutschland nach 1945 nicht.“ Seither kümmert sich Siegfried Landau um die Betroffenen in der Tallage.

„Ich war wie erschlagen von den ersten Eindrücken.“

Siegfried Landau, Pfarrer

Rund 20 Haushalte sind es, die Landau regelmäßig aufsucht. Etwas mehr als fünf Monate nach dem Jahrhundertereignis mögen die Opfer nur noch wenig in der Öffentlichkeit stehen, für den Seelsorger bräuchten sie Aufmerksamkeit dringender denn je. „Ich will nicht von Resignation sprechen, aber viele sind mürbe, ihr Mut ist auf dem Tiefpunkt.“

Denn viele stehen weiter vor dem Scherbenhaufen ihrer Existenz. Die Versicherungen haben vielfach noch nicht gezahlt, wollen, dass ein Gutachter vorab durch die geschädigten Immobilien geht. Gutachter aber haben nach dem 14. Juli wahnsinnig viel zu tun. „Es ist ein Teufelskreis“, meint Siegfried Landau. Geld haben die meisten noch nicht überwiesen bekommen. Und ohne die Mittel kein Wiederaufbau. Die schnellen Hilfen aus dem 30-Milliarden-Aufbaufonds, vom Bund Anfang September für die gebeutelten Regionen angekündigt, lassen ebenso auf sich warten. „Mir ist nicht bekannt, dass sie hier jemanden ausgezahlt haben.“

Es ist das lange Warten, das an den Nerven zerrt. „Die Menschen warten auf den Versicherer oder andere Hilfen, dann auch auf die Handwerker und Materialien, die Mangelware sind“, beobachtet Landau. Wie Gutachter sind Handwerker kaum zu bekommen. Längst ist nicht jeder vor dem Winter in seine Immobilie zurückgekehrt. Manche wissen, dass ihr Haus unbewohnbar bleiben wird, sind deshalb für immer weggezogen, andere sind bei Verwandten untergekommen, viele leben in Notwohnungen.

Landau kennt einen Mann, der aufgrund massiver psychischer Probleme nach der Flut seinen Arbeitsplatz verlor, jetzt neben seinem Haus in einem geschenkten Wohnwagen leben muss. Längst nicht jede abgesoffene Immobilie ist vollständig trocken, viele besitzen keine neue Heizung. Siegfried Landau erlebt die Verzweiflung der Betroffenen, die im fortgesetzten Ausnahmezustand nicht ein noch aus wissen. Und, wie der Pfarrer findet, im Stich gelassen werden.

„Ich kenne ein Ehepaar, das eine Elementarversicherung für ihr Haus hatte. Ihr Schaden ist sechsstellig. Ihre Versicherung schob ihren Fall intern von einer Abteilung in die nächste. Das dauerte. Dem Ehepaar wurde erklärt, dass erst Geld fließen würde, wenn klar sei, wie hoch die Wiederaufbauhilfe ausfalle.“ Momentaner Stand sei, schüttelt Siegfried Landau den Kopf, dass sie nur 18 000 Euro von der Versicherung erhalten.

Manche Gesellschaften, wurde Landau mitgeteilt, wollen zwar regulieren, aber in Zukunft nicht mehr das Risiko abdecken. Überhaupt lässt die Zukunft die Flutopfer zittern. Gibt es ein nächstes Mal? „Personen stehen am Fenster, sehen draußen Regen fallen. Trigger-Erlebnisse werden ausgelöst, sie bekommen Angst, verfallen in Panik.“ Die Wunden sind tief und nicht vernarbt. Ob sie heilen können, weiß Siegfried Landau nicht. „Das ganze Lebensgefühl im Morsbachtal ist angefasst“, stellt er fest. Corona kommt obendrauf.

„Lange wurde uns in der Pandemie erzählt: Bleibt zuhause. Eure Wohnung ist der sicherste Ort.“ Doch ein reißender Bach hat dies ad absurdum geführt. Der Pfarrer kann verstehen, dass die Gesamtsituation viele verwirrt, Körper und Seele angreift, Schlaflosigkeit nach sich zieht, zu Tränen rührt, wenn Flutbilder in die Köpfe schießen.

„Was die Bekieker leisten, verdient allergrößtes Lob.“

Siegfried Landau, Pfarrer

Die Gemeinde hat im Rahmen ihrer Möglichkeiten materiell geholfen, nicht nur Landau, auch viele Ehrenamtler spenden Trost, bauen auf, sind einfach da. „Was die Menschen dringend brauchen, ist eine aufsuchende psychologische Betreuung.“ Landau würde sich wünschen, dass Profi-Teams ins Morsbachtal gehen. Doch auch da gilt: Psychologen und Therapeuten sind sehr gefragt. „Zur Flutzeit hatte die Feuerwehr Remscheid 160 Einsätze. Vielleicht braucht nicht jeder Betroffene bis heute therapeutische Hilfe, aber bei der Masse stellt sich natürlich die Frage: Wo soll das Fachpersonal herkommen?“, ahnt Landau, dass seine Hoffnung nicht in Erfüllung gehen wird.

Gleichwohl gibt es Positives, findet er: Die Menschen im Morsbachtal schweißte die Not enger zusammen. Und die Stadt Remscheid habe vorbildlich gehandelt, direkt finanzielle Ersthilfe geleistet, als Kommune getan, was in ihrer Macht steht. Eine Bestnote stellt Siegfried Landau der Fluthilfe Remscheid um Horst Kläuser aus. „Was die Bekieker bis heute vor Ort leisten, verdient allergrößtes Lob.“

Zur Person

Siegfried Landau ist 63 Jahre alt und seit August 25 Jahre in der evangelischen Stadtkirchengemeinde im Bezirk Hasten tätig. Der EMA-Abiturient (1977) wurde 1987 als Pfarrer ordiniert, war neun Jahre Berufsschulpfarrer, bevor er zum Hasten kam. Die letzten drei Jahre bis zur Pensionierung wird er dort noch bleiben. Vor 25 Jahren gehörte Landau zu den Gründern der hiesigen Notfallseelsorge.

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