Solinger Lösung

Schulen: Ruf nach Teilunterricht wird laut

Unterricht in Corona-Zeiten mit regelmäßigem Quer- und Stoßlüften: die Klasse 8c des Rögy mit Lehrerin Paulina Rasch. Foto: Roland Keusch
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Unterricht in Corona-Zeiten mit regelmäßigem Quer- und Stoßlüften: die Klasse 8c des Rögy mit Lehrerin Paulina Rasch.
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In Remscheid wird eine Solinger Lösung durchgespielt. Die Gewerkschaften sehen das Land in der Pflicht, die Schulen zu unterstützen.

Von Andreas Weber

Remscheid. Deutschland fährt runter, die Schulen bleiben auf. Bei Eltern, Schülern und vor allem Lehrern wachsen die Ängste, angesichts der Masse von Menschen, die Tag für Tag in Schulgebäuden miteinander verbringen, das zu werden, was sie momentan noch nicht sind: Hotspots für die Verbreitung der Pandemie. Weil das Land keine Lösungen anbietet, schlägt die Stadt Solingen ihren eigenen Weg ein und trat Freitag als erste Kommune in NRW auf die Bremse: Ab kommenden Mittwoch wird die Zahl der Präsenz-Schüler an weiterführenden Schulen halbiert. Eine Hälfte ist vor Ort, die andere geht ins Homeschooling. Dies geschieht wechselweise, entweder im Tages- oder Wochenrhythmus.

Auch in Remscheid werden solche Pläne durchgespielt. Thomas Benkert, kommissarischer Schulleiter am Rögy: „Wenn ich und die Kollegen einen Wunsch hätten, würden wir A/B-Wochen einführen. Im Wochentakt kommt die eine Hälfte zum Unterricht. Und die Schüler bilden dazu A/B-Paare, wo im Tandem der eine im Rögy den anderen Zuhause unterstützt.“ Mit der Schulcloud sei man gut aufgestellt, das funktioniere, ist Benkert sicher. Ab der 7. Klasse wäre die Umsetzung realistisch.

Remscheid: Schulen wünschen sich mehr Unterstützung von Stadt und Land

Doch aus Düsseldorf kommt außer Masketragen und Abstandhalten nicht viel. Das lässt den Deutschen Lehrerverband (DL) deutlich werden. „Schulen im Vollbetrieb um jeden Preis: Nein!“, betont DL-Präsident Heinz-Peter Meidinger. „Sonst drohen in der Konsequenz wieder flächendeckende Schließungen.“ Auch Ralf Giefers-Kremer, im Ortsvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) plädiert für eine Klassenteilung und kritisiert: „Die Unterstützung von unserem Arbeitgeber, dem Land fehlt. Das Schulministerium ist gefordert, darf nicht alles auf den Schultern der Lehrer abladen.“ 

Manchmal seien es einfache Sachen, die sich abstellen ließen, moniert der Gewerkschafter, der am Rögy Biologie und katholische Religion unterrichtet. Dazu zähle, Sonderrufnummern für Schulen bei den Gesundheitsämtern einzurichten, damit diese schnell durchkommen, um Antworten bei Corona-Fällen zu finden und nicht in der Warteschleife zu hängen.

Auch Masken müssten gesichert sein. Zwar gab es zwischendurch Kontingente mit einfachen Stoffmasken, aber es dürfe nicht sein, dass Schulen auf gelegentliche Lieferungen der Stadt und Spenden angewiesen sein. „Gerade bei den Masken bräuchten wir die besseren FFP-2, die den Vorteil hätten, dass – wenn man sie konsequent trägt– bei Krankheitsfällen der Lehrer nicht sicherheitshalber mit in Quarantäne geschickt wird.“ Wichtig sei dies besonders für die Risikogruppen und Grundschullehrer, deren Schüler keine Maskenpflicht hätten.

Das Thema, ärgert sich Giefers-Kremer, sei ein Beleg, dass „die Krise alle Schwächen unseres Bildungssystems sichtbar“ mache. Land und Kommune würden die Verantwortung hin- und herschieben. „Das können wir uns nicht leisten.“ Das gelte im Übrigen auch für die Fensterfrage. Das Land habe dafür zu sorgen, dass die Voraussetzungen für vernünftige Belüftung geschaffen sein. Ärgerlich, so Giefers-Kremer, sei auch der Wust an Papier, der gelesen werden müsse, wenn es mal wieder neue Regeln aus Düsseldorf gäbe. „Da quälen wir uns durch 15 Seiten, von denen nur zwei für uns relevant sind.“ Das erhöhe die Mehrarbeit gerade für die ohnehin am Limit drehenden Schulleitungen. 

Deutliche Worte

Auch Jens Merten, Solinger Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), findet deutliche Worte Richtung Düsseldorf: „Wir brauchen verbindliche Vorgaben vom Land, um nicht weiter von der Hand in den Mund zu leben.“ Der Teilunterricht steigere zwar noch mal die Belastung für ohnehin unter hohem psychischen Druck stehende Lehrer, weil mit großem Arbeitsaufwand verbunden, sei aber die einzige logische Konsequenz. Den Solinger Schritt hält er für richtig und mutig. Merten betont aber auch: „Eigentlich hätte er aus Düsseldorf kommen müssen.“

Alle aktuellen Nachrichten rund um das Thema Corona finden Sie in unserem Corona-Blog für Remscheid.

Standpunkt: Land fehlt die Weitsicht

Von Andreas Weber

andreas.weber @rga-online.de

Die berechtigte Freude darüber, nach den Sommerferien in den Schulen wieder in den Präsenzunterricht einzusteigen, hat beim Land nicht dazu geführt, perspektivisch über weitere Rückschläge nachzudenken. Die zweite Covid-19-Welle, die vom ersten Tag vor acht Monaten von den Fachleuten prognostiziert worden war und jetzt das öffentliche Leben in Deutschland einen Monat stillstehen lassen wird, ist im Schulministerium erstaunlicherweise nicht angekommen. 

Lange Zeit sind die Verantwortlichen angesichts der noch nie dagewesenen Herausforderungen vorsichtig auf Sicht gefahren, mittlerweile jedoch sollte man in Düsseldorf weitsichtiger sein, Stufenpläne für steigende Inzidenzwerte aus der Schublade ziehen können. Nichts dergleichen. Die Nachbarstadt Solingen muss nun vorpreschen, eine Halbe-Halbe-Lösung beim Unterricht präsentieren, die viele Pädagogen für einen vernünftigen Weg in einer sich zuspitzenden Lage halten. Solingen wird dafür hoffentlich aus Düsseldorf nicht zurückgepfiffen. Denn allein mit Maske, Abstand und Hygiene werden die Schulen nicht sicher durch den Winter kommen.

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