Ein Europäer ist tieftraurig

„Der Brexit ist der größte Blödsinn“

Ralf Karthaus schwört auf Europa. Fünf seiner Lkw pendeln ständig zwischen der Schweiz, Deutschland und Großbritannien. Foto: Roland Keusch
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Ralf Karthaus schwört auf Europa. Fünf seiner Lkw pendeln ständig zwischen der Schweiz, Deutschland und Großbritannien.

Spediteur und Unternehmer zeigen sich erleichtert über Kompromiss.

Von Axel Richter

Wer wissen will, warum gerade Deutschland von der Europäische Union profitiert, dem hilft Ralf Karthaus rasch auf die Sprünge. „Europa ist die grandioseste Idee, die unsere Politiker je hatten“, sagt der bodenständige Spediteur aus Lüttringhausen: „Und der Brexit ist der größte Blödsinn.“

In vierter Generation führt der Chef von 42 Lkw-Fahrern mit seinem Bruder Oliver die August Karthaus GmbH & Co. KG im Industriegebiet Großhülsberg. Gegründet wurde sie 1902 als „Bahnamtliche Rollfuhr“ mit Pferd und Wagen. Heute ist Karthaus mit 35 Sattelschleppern in ganz Europa unterwegs. Fünf davon pendeln ständig zwischen der Schweiz, Deutschland und Großbritannien.

„Das ist für uns wie die Schweiz. Nur mit Wasser dazwischen.“
Ralf Karthaus, Spediteur

Karthaus aus Remscheid bringt Materialien für den weltbekannten Teilchenbeschleuniger in Cern von Zürich zur Wiederaufbereitung nach Liverpool und zurück. Das Unternehmen liefert damit das Paradebeispiel für den europäischen Waren- und Güterverkehr, der ihm mit dem Brexit nun erschwert wird. Doch Ralf Karthaus ist keiner, der sich bange machen lässt: „Ich wäre ein schlechter Unternehmer, wenn ich mich darauf nicht vorbereitet hätte.“

Damit befindet sich der Remscheider in guter Gesellschaft. „In Erwartung eines harten Brexits haben sich die meisten Unternehmer frühzeitig auf die bürokratischen Folgen eingestellt“, berichtet Melanie Klingler, Außenwirtschaftsexpertin der Bergischen Industrie- und Handelskammer. Heute sind sie froh, dass ihre Vorkehrungen nicht oder nur zum Teil zur Umsetzung kommen. Dass keine Zölle fällig werden und die befürchteten Staus am Kanal bislang ausgeblieben sind.

Robin Chadwick: „Europäer zu sein, ist ein wichtiges Gefühl für mich.“

Für Daniel Völkel, Chef der Völkel GmbH mit 50 Mitarbeitern im Morsbachtal, war das mit Sorgen verbunden. In Großbritannien gibt es ein Zweitwerk. Täglich gehen Waren auf die Insel und kommen von dort zurück. Exportiert werden die Schneideisen und Gewindebohrer made by Völkel in 70 Länder: nach Europa, Asien, Afrika, Amerika. Verzögerungen in der Lieferkette kann Völkel nicht gebrauchen. Umso erleichterter ist der Chef über den Kompromiss kurz vor dem Jahreswechsel.

Ein anderer zeigt sich unterdessen tief traurig. Robin Chadwick, Musiker der Bergischen Symphoniker, kam als Sohn einer kanadischen Mutter und eines Engländers zur Welt. Seit 1984 lebt er mit seiner Frau Karen in Deutschland. Die hat neben dem britischen auch den deutschen Pass. Chadwick hat neben der britischen die kanadische Staatsangehörigkeit behalten und muss deshalb auf einen deutschen Pass verzichten. „Ich bin Europäer“, sagt er dennoch. „Das ist für mich ein wichtiges Gefühl.“ Den Tag, an dem die Briten die europäische Staatengemeinschaft verließen, erlebte er deshalb mit Melancholie.

Ralf Karthaus schlägt sich unterdessen durch den jetzt täglichen Papierkrieg. Lange zählt er auf, was er zu beachten hat, damit die Teile vom Teilchenbeschleuniger in Cern tatsächlich zur Wiederaufbereitung in Liverpool ankommen. Immerhin: Karthaus kennt das Geschäft: „Wir fahren ja auch in die Schweiz, da sind die Formalitäten dieselben. Insofern ist Großbritannien für uns wie die Schweiz. Nur mit Wasser dazwischen.“

Karthaus hofft, dass es so bleibt. Ebenso wie Daniel Völkel, doch, sagt der Firmenchef aus dem Morsbachtal: „Was der Brexit in der Praxis bedeutet, wie er sich auf die Lieferzeiten auswirkt, das wissen wir noch nicht.“ Zumal: Noch befindet sich der europäische Warenverkehr in der Winterpause. Noch ist in den großen Häfen nichts los. 

IHK: Auch mit Schweiz oder Norwegen

Michael Wenge, Hauptgeschäftsführer der Bergischen Industrie- und Handelskammer (IHK), ist froh, dass ein harter Brexit buchstäblich in letzter Minute verhindert werden konnte. Der Kompromiss sorge zwar für mehr Bürokratie bei den Unternehmen in Deutschland, aber, sagt Wenge: „Mit der Schweiz oder Norwegen betreiben wir ja auch gute Geschäfte.“

Standpunkt: Für ein starkes Europa

Von Axel Richter

Keine Volkswirtschaft zieht einen größeren Nutzen aus der Europäischen Union als die deutsche. Nur weil die Zoll- und Währungsgrenzen gefallen sind und Güter und Produkte frei gehandelt werden können, wurde Deutschland zu einer der führenden Exportnationen. Mit dem Brexit stand deshalb einiges auf dem Spiel.

axel.richter@rga-online.de

Auch für die heimische Wirtschaft. Annähernd die Hälfte ihrer Produkte exportiert die Remscheider Werkzeugindustrie ins Ausland. Auch nach Großbritannien. Insbesondere aber wären im Bergischen die Automobilzulieferer von der möglichen Wiedereinfuhr von Zöllen betroffen gewesen. Denn Zölle machen Waren teurer und im Wettbewerb mit der Konkurrenz geht es oft nur um Centbeträge. Nach dem bedauerlichen Brexit muss es deshalb darum gehen, Europa zu stärken. 

Das können wir alle. Schon, indem wir den Namen unseres Kontinents nicht immer nur mit dem demokratischen Wasserkopf in Verbindung bringen, den es in Brüssel mit Sicherheit auch gibt. Es gibt aber auch das Europa, das unseren Lebensstandard erst geschaffen und den Frieden gesichert hat. Dieses Europa gilt es zu stärken und zu verteidi- gen. 

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