Die Energiepreiskrise trifft die Verbraucher

Billiganbieter schocken ihre Stromkunden

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Vom Gasversorger gekündigt: Klaus-Peter Tietz (64) muss künftig 820 Euro mehr im Jahr zahlen – bei gleichem Verbrauch.

Unternehmen erhöhen die Preise drastisch. Die EWR verspricht Stabilität.

Von Axel Richter

Remscheid. Strom und Gas zu billigen Preisen. Das versprachen Stromio, Gas.de und andere Unternehmen mit hippen Namen. Die Post, die die Energie-Discounter den Verbrauchern zum neuen Jahr zukommen ließen, enthielt jedoch alles andere als eine frohe Botschaft. Die Unternehmen verhießen Preiserhöhungen, die es in sich hatten. Oder sie kündigten ihren Kunden gleich die laufenden Verträge.

So erging es auch Angela und Klaus-Peter Tietz aus Hückeswagen. Anfang Dezember stellte ihr Versorger Grünwelt, die Naturstrom-Tochter von Gas.de, seine Gaslieferung ein und schickte dem Ehepaar die Kündigung hinterher. Klaus Peter Tietz ist verärgert: „Ich fühle mein Vertrauen in die Seriosität des Unternehmens missbraucht“, sagt er. Elf Jahre waren die Tietzes Kunde von Grünwelt. Jetzt bekommen die Tietzes ihr Gas vom heimischen Grundversorger BEW in Wipperfürth – zu Mehrkosten von 820 Euro im Jahr bei gleichem Verbrauch.

Für Geringverdiener werden solche Sprünge zur Existenzfrage. „Es brennt“, sagt die Remscheider Verbraucherschützerin Lydia Schwertner: „Wer wenig Geld hat, weiß nicht, wie er eine solche Rechnung bezahlen soll.“

Beschaffungskosten steigen für Energieunternehmen, dadurch steigt der Strompreis für die Kunden

Als Grund für die massiven Preiserhöhungen nennen die Gas- und Stromversorger stark gestiegene Beschaffungskosten. Die haben deutlich zugelegt. 50 Euro kostete die Megawattstunde an der Strombörse vor nicht langer Zeit. Also verkauften die Unternehmen viele neue Verträge. Die fallen ihnen jetzt zur Last. Denn mittlerweile sind für die Megawattstunde bis zu 300 Euro fällig.

Die Preise versuchen die Unternehmen nun, an ihre Kunden weiterzugeben – obwohl in den Verträgen etwas anderes steht. Oder sie versuchen, die für sie ungünstigen Verträge durch Kündigung loszuwerden. Lydia Schwertner, die auch die Tietzes aus Hückeswagen berät, empfiehlt deshalb, den Kündigungen zu widersprechen oder Schadenersatz für gestiegene Energiekosten geltend zu machen. „Vertrag ist schließlich Vertrag“, sagt sie.

Verbraucherzentrale in Remscheid berät verunsicherte Strom- und Gaskunden

Wer den mit der Stadtwerke-Tochter EWR geschlossen hat, muss sich über ein solches Geschäftsgebaren nicht ärgern. Zwar kündigte auch sie ihren Privat- und Gewerbekunden Mitte November eine Neukalkulation der Verbrauchspreise an. Im Vergleich zur Konkurrenz fiel die Erhöhung mit 3 Euro pro Monat in den kleinen Verbrauchsklassen übersichtlich aus. Für höhere Verbräuche und im Naturstrom-Tarif stellte der Versorger vor Ort sogar Preissenkungen an.

So umgeht die EWR hohe Mehrkosten für die Remscheider

Grund dafür ist eine andere Beschaffungsstrategie. Wie der Kleinanleger, der einen Aktienfonds bespart, kauft die EWR GmbH ihren Strom über einen langfristigen Zeitraum ein. Daraus ergibt sich ein Mischpreis ohne große Ausschläge in die eine oder andere Richtung.

Davon profitieren aktuell die mehr als 60 000 Privat- und Gewerbekunden des Remscheider Unternehmens. Und das soll so bleiben, sagt EWR-Vertriebsleiter Klaus Günther-Blombach: „Unsere Bestandskunden brauchen derartige Vorgehensweisen nicht fürchten“, sagt er mit Blick auf die Billig-Konkurrenz. „Unsere Kunden erhalten auch im neuen Jahr einen Vertragspreis, der aktuell von den Wettbewerbern auf den Preisportalen nicht angeboten wird.“

Für die Neukunden, die wie die Tietzes von ihren Anbietern gekündigt wurden, gilt das nicht. Die Grundversorger vor Ort müssen sie aufnehmen, schließlich darf in Deutschland niemand von einem Tag auf den anderen ohne Strom und Gas dastehen. Mit ihnen haben die Unternehmen bei ihren langfristigen Einkäufen allerdings nicht kalkuliert, weshalb sie Strom und Gas zu den jetzt geltenden Preisen teuer zukaufen müssen. Diese Mehrkosten werden nicht „sozialisiert“, sagt Klaus Günther-Blombach. Schließlich sollen die Bestandskunden nicht die Rechnung dafür zahlen, dass die Konkurrenz sich verkalkuliert hat.

Simulator

Corona und Homeoffice lassen die Stromverbräuche steigen. Das kann zu Nachzahlungen führen. Die EWR GmbH rät deshalb in der Pandemie dazu, den Strom- beziehungsweise Gasverbrauch zwischenzeitlich am Zähler abzulesen. Danach überprüft der Versorger mit einem Rechnungssimulator, ob die Abschlagshöhe ausreichend ist oder ob die Abschlagszahlung angepasst werden muss.

Standpunkt: Unseriöses Gebaren

Kommentar von Axel Richter

axel.richter@ rga.de

Die Liberalisierung des Strommarktes vor mehr als 20 Jahren brach nicht nur das Quasi-Monopol der Stadtwerke-Versorger auf. Es passte auch in die Zeit, denn Ende der 90er-Jahre war Energie billig und Geiz geil. Die neuen Anbieter schlossen deshalb viele Verträge, in denen sie ihren Kunden Strom und Gas zu günstigsten Preisen versprachen. Heute präsentieren sie ihnen die Rechnung für die weltweite Energiepreiskrise. Oder werfen sie kurzerhand aus dem Vertrag. Das ist, um es vorsichtig auszudrücken, unseriös, weshalb die Verbraucherschützer den betroffenen Strom- und Gaskunden dringend zum Widerspruch raten oder dazu, Schadenersatz anzumelden. Schließlich liegt es im unternehmerischen Risiko des Anbieters, den Kunden Preise zu garantieren und darüber Verträge abzuschließen. Von seriösen Unternehmen darf zudem erwartet werden, dass von den satten Gewinnen, die sie eingefahren haben, Rücklagen bilden. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind mithin durchaus selbst gemacht und werden dennoch einseitig auf dem Rücken der Verbraucher ausgetragen. Auch sie sind indes nicht frei von Verantwortung. Drum prüfe, wer sich bindet, gilt nicht schließlich nur in ehelichen, sondern auch geschäftlichen Beziehungen.

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