Viele Absagen wegen Corona

Berufspraktika für Schüler sind Mangelware

Einwöchiges Berufspraktikum in der Hilda-Heinemann-Schule in Hackenberg: Die Rögy-Gymnasiastinnen Jette Schewe (hinten rechts am Tisch), Mia Ritscher (links, Mitte) und Julie Goder (rechts, Mitte) mit der Klassenlehrerin der Raupenklasse VU 1, Maike Messing (vorne rechts). In der Hilda-Heinemann werden die Schulpraktikanten von Koordinatorin Sabrina Heintze immer gerne genommen. Foto: Andreas Weber
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Einwöchiges Berufspraktikum in der Hilda-Heinemann-Schule in Hackenberg: Die Rögy-Gymnasiastinnen Jette Schewe (hinten rechts am Tisch), Mia Ritscher (links, Mitte) und Julie Goder (rechts, Mitte) mit der Klassenlehrerin der Raupenklasse VU 1, Maike Messing (vorne rechts). In der Hilda-Heinemann werden die Schulpraktikanten von Koordinatorin Sabrina Heintze immer gerne genommen.

In Berufe reinschnuppern bietet Schülern eine Orientierung für ihr späteres Leben. Durch die Pandemie müssen die Zehnt- und Elftklässler auf Notlösungen zurückgreifen.

Von Andreas Weber

Remscheid. Langweilig wird es Jette Schewe, Julie Goder und Mia Ritscher in dieser Woche nicht. Schule haben sie gegen Schule getauscht. Die 16-jährigen Rögy-Gymnasiastinnen lernen den vielfältigen Alltag der Hilda-Heinemann-Schule mit all seinen Facetten kennen. „Wir helfen, wo wir können“, sagt Jette und ist froh, einen intensiveren Einblick in die Sonderpädagogik zu erhalten, in den Beruf, den ihre Mutter ausübt. Mehrmals ist ihr Schulpraktikum am Rögy verschoben worden, von der EF in die Q 1, gerade läuft es verkürzt von drei Wochen auf eine. Die drei Freundinnen hatten Glück. Denn viele Schulpraktika sind in den letzten zwei Jahren Corona zum Opfer gefallen.

Mit weitreichenden Folgen. „Diese Praktika sind das A und O unserer Nachwuchswerbung“, erklärt Fred Schulz, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. „Wer ein Unternehmen mit eigenen Augen kennengelernt hat, kann besser einschätzen, ob ein Beruf später etwas für ihn sein könnte.“ Homeoffice, hohe Inzidenzen und Vorsicht haben dafür gesorgt, dass Betriebe auf Distanz gehen.

„Die Handwerker tun sich schwer, Letztenendes sind es Fremde, die man in seinen Arbeitsalltag einbindet und ihnen nahekommt. Das ist nicht böse gemeint.“ Die Zurückhaltung gebe es aber auf beiden Seiten, sagt Schulz.

Die Praktika sind das A und O unserer Nachwuchswerbung.

Fred Schulz, Kreishandwerker

Auch bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) werden die vielen Ausfälle als bedauerlich empfunden. Carmen Bartl-Zorn, für Aus- und Weiterbildung in der bergischen IHK zuständig: „Für viele Schüler entsteht dadurch eine Lücke in der beruflichen Orientierung.“ Bartl-Zorn beobachtet, dass es momentan im kaufmännischen Bereich schwerer ist, Praktika zu finden, weil in Büros mehr Mitarbeiter im Homeoffice sind, während es im gewerblich-technischen Bereich leichter fällt, Zusagen zu bekommen.

Viele Eltern und ihre Kinder haben sich in den vergangenen Monaten die Finger wund getippt an ihren Smartphones, standen bei kurzfristigen Absagen vor dem Problem, nichts mehr zu haben. Die Mutter eines Lenneper Schülers schüttelt den Kopf: „Die wenigsten landen aufgrund des Mangels an Praktika da, wo sie hinwollen. Sie hospitieren in Berufen, in die sie nicht wollen, nur um vor ihrer Schule etwas vorzuweisen.“ Sinn mache das keinen. Die Mutter wirft auch manchen Schulen Unflexibilität vor. Denn: „Viele hätten, wenn sie kein Praktikum ergattern können, gerne in der Schule die während Corona entstandenen Defizite aufgearbeitet.“ Dies ist nicht möglich.

Am Gertrud-Bäumer-Gymnasium (GBG), wo die Einführungsphase (EF) der Oberstufe ihr Praktikum vom 10. bis 21. Januar durchführte, hatten von 90 Schülern anfänglich elf keinen Platz. Am Ende mussten 20 von Berufswahlkoordinator Dimitri Hieronimus im GBG mit Aufgaben gefüttert werden. Sie recherchierten im Rahmen der Berufswahlvorbereitung zu späteren Berufen.

Insgesamt, so GBG-Leiter Stephan Döring, sei er überrascht gewesen, dass nach dem totalen Lockdown-Ausfall 2021 dieses Jahr vieles möglich gewesen sei. „Und nicht nur mit Notplätzen, sondern hoch qualifizierten Praktika zum Beispiel bei Juristen, Steuerberatern oder im Medienbereich.“ Döring glaubt, dass mit der entsprechenden Motivation von Schülerseite vieles möglich sei. „Wer sich mit Nachdruck kümmert, kriegt in der Regel was.“

Das Leibniz-Gymnasium mochte keine Ungerechtigkeiten aufkommen lassen und ließ ihre Berufswahlpraktika im September 2021 ausfallen. „Wir haben so viele Absagen bekommen, dass es unfair gewesen wäre, wenn einige in Betrieben, andere in der Schule gewesen wären“, erklärt Schulleiter Thomas Giebisch. Für die neue EF am Leibniz sind jetzt 14 Tage vom 22. August bis 2. September ins Auge gefasst. Die jetzige Q1 beschäftigt sich derweil schon mit einem anderen Zukunftsthema: Sie steckt gerade in den virtuellen Universitätswochen mit der Uni Wuppertal, täglich von 14 bis 18 Uhr.

Unterstützung

IHK: Die Kammer bietet virtuell kostenlose Elternabende für Berufsorientierung am 8./9./10. Februar (18 bis 20 Uhr; erst Vortrag, dann individuelle Fragen). Wer teilnehmen möchte, gehe über www.bergische.ihk.de und das Suchfeld: 540 0428;

Kreishandwerker: Sie bieten einen Praktikantenatlas 2022 an, in dem z.Z. von Dachdeckern, Gebäudereinigern, Kfz-Mechatronikern, Bürokaufleuten im Autohaus, Anlagenmechanikern Sanitär Heizung Klima und Elektronikern Stellen für Praktika angeboten werden.

www.handwerk-remscheid.de

Standpunkt: Gebeutelte Schüler

andreas.weber @rga.de

Kommentar von Andreas Weber

In Zeiten, in denen die IHK im Bergischen so viele Lehrstellen wie noch nie als unbesetzt meldet, viele Unternehmen keine Kandidaten finden, ist die Vorbereitung auf das Berufsleben heute ein umso wichtigerer Baustein der Schulbildung. Der Generation Corona, von Defiziten in der Stoffvermittlung genug gebeutelt, bleibt vielfach auch Schnuppertage in der Betriebs- und Geschäftswelt versagt. Wenn sie stattfinden, dann nicht beim Innenarchitekten, zu dem man gerne wollte, der aber niemand aufgrund der Verordnungen und Hygienevorschriften nimmt, sondern beim Physiotherapeuten, der ein Erbarmen hat und Praktikanten einen Platz bietet, auf die sie eigentlich keinen Bock haben. Die Folgen können weitreichend sein. Wer sich vorab nur mangelhaft beruflich orientieren kann, dem fällt es in dem Dschungel an Ausbildungsalternativen schwer, seinen Weg zu finden. In der Pandemie sind viele Dinge den Bach runtergegangen. Auch die Zeitfenster, die es in Schulen für die Berufspraktika gibt, konnten nicht eingehalten werden. Am Ende bleibt nur Flexibilität und ein freiwilliges Nachholen der Praktika in den Ferien. Wenn es Corona erlaubt.

Lesen Sie auch: Corona und demografische Effekte: Immer weniger Bewerber für immer mehr Stellen.

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