Apotheker informiert junge Zuhörer

Berufskollegs in Remscheid wünschen sich Impfmobile - Stadt lehnt ab

Verdeutlichte am Donnerstagmorgen anschaulich die Corona-Folgen: Apotheker Henning Denkler in der Aula des Berufskollegs Technik.
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Verdeutlichte am Donnerstagmorgen anschaulich die Corona-Folgen: Apotheker Henning Denkler in der Aula des Berufskollegs Technik.

Corona-Krisenstab hält Einsatz an Schulen für überflüssig. 12- bis 18-Jährige sollen sich in die Halle West begeben.

Von Andreas Weber und Axel Richter

Remscheid. Den abschlägigen Bescheid aus dem Schulamt fand Oliver Lang am Donnerstagmorgen genau in dem Moment in seinem Mail-Account, als das Berufskolleg Technik 250 Schüler und Schülerinnen seiner Vollzeitklassen in der Aula den Sinn der Corona-Impfungen näherbrachte. Der Aufwand mobile Impfteams an die Schulen zu schicken, stehe in keinem Verhältnis zum Nutzen, argumentiert der Krisenstab. Kollegleiter Oliver Lang macht diese Aussage fassungslos.

Wie seine Kollegen Kai Küchemann (Käthe-Kollwitz) und Cornelia Berghaus-Biermann (Wirtschaft und Verwaltung) setzt er sich dafür ein, dass mit dem Wegfall der Impfzentren am 30. September die politisch vehement geforderten „niederschwelligen Impfangebote“ auch die Remscheider Schulen erreichen. Zuvorderst die drei Berufskollegs. Denn dort ist so gut wie jeder Schüler und jede Schülerin über 16 Jahre und kann selbst über den Impfschutz entscheiden.

Unter den 1550 Schülern am Berufskolleg Technik, von denen 78 Prozent über 18 Jahre alt sind, sei die Hälfte komplett geimpft, sagt Oliver Lang. Die anderen 50 Prozent zu überzeugen, sei schwierig. „Natürlich könnten alle zur Halle West fahren, aber viele Schüler sind zu träge. Gäbe es das Angebot vor der Schultür, würden wir mit Sicherheit weitere 10 oder 15 Prozent erreichen. Das liefe auf 100 zusätzlich Geimpfte raus.“ Die Remscheider Schulen sind derweil weiter im Corona-Modus.

Auf eigene Kappe organisierte das Berufskolleg Technik am Donnerstag unter Federführung von Lehrerin Ulrike Kohl und Schulsozialarbeiter Niko Brkljacic eine Kompaktinformation für zwölf Vollzeitklassen. Es sind diejenigen am Kolleg, die nur zu 34 Prozent geimpft sind. Bei den Berufsschulklassen, deren Schüler in den Firmen arbeiten, liegt die Durchimpfung ungleich höher. „Bei denen gibt es Betriebsärzte, die vor Ort für Angebote sorgen“, weiß Lang.

In drei Durchläufen mit 20-minütigen Info-Blöcken brachte Henning Denkler, Sprecher der hiesigen Apotheker, anschaulich näher, warum Bedenken unbegründet sind, die Impfung kein Erbgut verändert und in jedem Fall nutzt. „95 Prozent derjenigen, die derzeit mit schwerem Verlauf in der Uni-Klinik Münster liegen, sind nicht geimpft“, rüttelte Denkler seine jungen Zuhörer mit einem Beispiel wach.

„Wir brauchen bei uns ein niederschwelliges Impfangebot.“

Oliver Lang, Berufskolleg Technik

Mittwochabend hatte Gesundheitsamtsleiter Dr. Frank Neveling im Sozialausschuss festgestellt, dass der Erfolg der Impfkampagne davon abhänge, inwieweit man nun die 12- bis 18-Jährigen erreiche. Neveling gibt sich verhalten optimistisch, was die Entwicklung der Corona-Pandemie betrifft. Der Vorsitzende des Corona-Krisenstabes, Dezernent Thomas Neuhaus, wehrt sich allerdings gegen Impfmobile an Schulen: „Die Lehrer machen es sich damit zu leicht“, sagt er und bittet, „die Gesundheitsbedrohung durch das Coronavirus und die große Chance des Impfens im Unterricht zu thematisieren“.

Impfmobile kämen nicht in Frage. „Ich will nicht, dass plötzlich ein Arzt vor der Tür steht und sich in dem Moment keiner mehr traut, Nein zu sagen“, erklärt Neuhaus. „Ich will eine freie Entscheidung für die Impfung und keine aufgrund von Zwängen, gewissermaßen mit der Pistole auf der Brust.“ Hinter sich wisse er die Kinder- und Jugendärzte. Auch sie warnen vor dem Druck der Gruppe in der Schulklasse. Zudem, sagt Neuhaus: „Eltern sollten die Gelegenheit haben, sich an der Meinungsbildung zu beteiligen.“

Zudem: Ein Impfmobil kostet Geld und erfordert Personal. Neuhaus verweist auf die leistungsfähige Infrastruktur, die die Stadt im Impfzentrum aufgebaut habe. „Es ist nicht zeitaufwendig, sich dort impfen zu lassen.“ Dafür sollten die Lehrer werben.

Berufskolleg Technik leitet den Appell der Stadt weiter

Im Berufskolleg Technik tun sie das, schicken allen Nichtgeimpften eine von der Stadt verfasste Mail, in der auf die täglichen Öffnungszeiten (14 bis 19 Uhr) in Reinshagen hingewiesen wird. Ein ellenlanger schriftlicher Appell werde jedoch nicht reichen, ist Oliver Lang sicher. Den würden wahrscheinlich viele nicht einmal bis zu Ende durchlesen. „Der Einsatz eines Impfmobils bringt nur Vorteile“, betont Lang. Einer davon wäre, dass die wöchentlich 2200 Corona-Tests, die das Kolleg derzeit durchführen lässt, deutlich weniger würden, mithin mehr Zeit für Unterricht bliebe.

Hintergrund

Im Sozialausschuss erklärte Dr. Frank Neveling, dass es 18 000 Remscheider unter 18 Jahren gäbe. „Geschätzt 15 000 sind davon nicht geimpft.“ Vom 24. August bis 7. September hatte es unter den 1- bis 5-Jährigen 20 positive Fälle gegeben, unter den 6 bis 18-Jährigen 116 Fälle.

Standpunkt: Abenteuerliches Argument

Von Andreas Weber

andreas.weber@rga.de

Krisenstabsleiter Thomas Neuhaus wird sich in den Schulkollegien dieser Stadt keine Freunde machen mit der Aussage, die Lehrer seien am Zug, wenn es darum gehe, die Impffreude bei den jungen Erwachsenen zu wecken. Glaubt er allen Ernstes, dies wäre noch nicht geschehen an den Remscheider Schulen?

Dort leben sie seit 18 Monaten mit den zermürbenden Folgen der Pandemie. Nun werden die Lehrer auch noch vorgeschoben, wenn Lösungen für die stockende Impfkampagne gesucht werden. Die wird mit oder ohne Impfzentrum in diesem Stadium nur zur Herdenimmunität führen, wenn sich die Remscheider Verantwortlichen konsequent auf die Menschen zubewegen. Sie tuen es an vielen Stellen, ziehen vor Moscheen und Supermärkten die Spritzen auf. Nur bei den Schulen verweigert sich die Stadt mit einem abenteuerlichen Argument.

Dass über ein Impfmobil sozialer Druck in den Klassen entsteht, der unzumutbar für Schüler sei, darüber kann man nur den Kopf schütteln. Denn diesen Druck spüren die Jugendlichen in der Coronazeit an vielen Stellen im gesellschaftlichen Leben täglich. Man denke nur an 2G- und 3G-Regeln.

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