Nicht nur Halbleiter fehlen

Autobranche ist erschüttert: „Etwas Vergleichbares gab es noch nie“

Matthias Büsgen vom gleichnamigen Autohaus an der Neuenkamper Straße: Lieferschwierigkeiten machen der Branche schwer zu schaffen. Kunden brauchen Geduld. Foto: Doro Siewert
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Matthias Büsgen vom gleichnamigen Autohaus an der Neuenkamper Straße: Lieferschwierigkeiten machen der Branche schwer zu schaffen. Kunden brauchen Geduld.

Autohändler Matthias Büsgen über die Lieferschwierigkeiten in der Branche.

Von Timo Lemmer

Remscheid. Matthias Büsgen steht vor einem Aushängeschild seines Autohauses. Der Kia EV6, an dem der Geschäftsleiter lehnt, ist erst seit wenigen Wochen auf dem Markt. Als Elektrofahrzeug trifft das Modell den Nerv der Zeit. Normalerweise würde Büsgen das neue Modell reihenweise vom Hof rollen sehen. Aber eben nicht aktuell. Das Modell am Eingang zum Autohaus Büsgen an der Neuenkamper Straße ist das einzige, das Büsgen aktuell hat. Wann er Nachschub bekommt, weiß er nicht – wie bei den anderen Modellen. „Kunden müssen wir momentan sagen: Wenn es gut läuft, ist dein Auto in vier bis sechs Monaten da. Es kann aber auch bis zu einem Jahr dauern.“ Das ist das neue Normal.

Die Nachfrage nach E-Autos in Remscheid steigt.

Büsgen ist seit Jahrzehnten im Geschäft. Seit sein Vater im Sommer 1987 eine Niederlassung in Schwelm sowie im Januar 1988 in Remscheid eröffnet hat, ist er dabei. Aber das, was sich aufgrund der Rohstoffknappheit, der Halbleiterkrise und weiteren Erschütterungen der Branche aktuell abspielt, ist neu: „Etwas Vergleichbares hat es noch nie gegeben. In meinen 33 Jahren habe ich so etwas noch nie erlebt. Das macht keinen Spaß.“

Immer wieder muss er Kunden vertrösten. Kaufwillige berichten identische Erfahrungen aus anderen Autohäusern – allzu beliebt ist das Thema in der Branche nicht, wie auch der maue Rücklauf auf diverse RGA-Kontaktversuche unterstreicht. Wer sagt potenziellen Kunden schon gerne, dass es erhebliche Lieferzeiten gibt? Büsgen wollte offen darüber sprechen.

Büsgen: Schwarze Zahlen schreiben ist derzeit unmöglich

Dabei befürchtet der Autoexperte, dass das Ende der Eskalationsstufen bei den Lieferschwierigkeiten längst nicht erreicht ist. Denn auch in den Werkstätten kommt es inzwischen zu Problemen: „Die Werkstätten sind Bruttoertragsbringer. Aber mittelfristig wird es hier Probleme geben.“ Es würden bereits unter anderem Öl, Ölpumpen oder Zündkerzen fehlen.

Aktuell ist es unmöglich, schwarze Zahlen zu schreiben.

Matthias Büsgen, Autohaus-Chef

Nun gehe es dem Autohaus an der Neuenkamper Straße noch halbwegs gut, sagt Büsgen. Insbesondere, weil der Wohnmobil-Handel in Schwelm floriert. „Hier sind die Kunden es gewöhnt, dass es Lieferzeiten gibt. Im Wohnmobilmarkt gibt es mehr Nachfrage, als es Angebot gibt.“

Aber, so schätzt Büsgen die lokale Lage ein, das Glück eines weiteren Standbeins hat beileibe nicht jeder Kollege: „Aktuell ist es nahezu unmöglich, als Autohaus schwarze Zahlen zu schreiben. Dabei brauchen wir alle die Erträge, um Gehälter zu zahlen, und um die laufenden Kosten wie Pacht, die immer weiter anfallen, sowie die steigenden Energiepreise zu bezahlen. Ich sehe die Gefahr, dass da im Mittelstand eine relativ große Insolvenzwelle auf uns zukommt.“

Verbrenner oder Elektro?

Schließlich sei die Lieferproblematik unmittelbar auf einen anderen Einschnitt gefolgt: Im Lockdown hatten die Autohäuser monatelang geschlossen. „Die Kunden sind ohnehin verunsichert, ob sie noch Verbrenner kaufen sollten. Viele fragen sich, wie der Wiederverkaufswert in einigen Jahren aussieht.“ Gefragt sind E-Fahrzeuge.

Immerhin kämen die Kunden momentan schon nicht mehr in der Erwartung, zügig einen Wagen zu erhalten: „Die Kunden wissen mittlerweile über die vertrackte Situation Bescheid. Ob und wann sich das Thema Rohstoffknappheit wieder normalisiert, bleibt abzuwarten.“ Dass ihm sein Job einmal so wenig Spaß macht – das hätte Büsgen sich nie auszudenken vermocht.

Hintergrund

Zahlen: Der Marktanalyse der Autohändler ist zu entnehmen, dass in diesem Jahr in Remscheid von Januar bis November 2682 Autos neu zugelassen wurden. Das sind 20 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Dabei sei, so Büsgen, schon das Jahr 2020 mit insgesamt 3714 Zulassungen in Remscheid kein gutes gewesen. 2019 wurden noch 4247 Autos zugelassen, wie das Kraftfahrt-Bundesamt meldet.

E-Mobilität: Büsgen vernimmt einen enormen Aufschwung. „Von zehn Probefahrten, die angefragt werden, geht es sieben- oder achtmal um ein Elektro-Fahrzeug.“ Politischer und gesellschaftlicher Wandel würden hier Hand in Hand gehen.

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