Erinnerung

Ausstellung klärt über vergessene Opfer auf

Vor einem Roll-up der Ausstellung: (v. l.) der Kölner Geiger Markus Reinhardt, Großneffe von Django Reinhardt, Bluma Meinhardt und Roman Franz, NRW-Landesvorsitzender der Sinti/Roma. Foto: Roland Keusch
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Vor einem Roll-up der Ausstellung: (v. l.) der Kölner Geiger Markus Reinhardt, Großneffe von Django Reinhardt, Bluma Meinhardt und Roman Franz, NRW-Landesvorsitzender der Sinti/Roma.

Seit Freitag im Pferdestall: 45 Jahre Bürgerrechtsarbeit der deutschen Sinti und Roma.

Von Andreas Weber

Remscheid. Es war eine Ausstellungseröffnung, bei dem so manchem der 60 Gäste und am Schluss der Zeitzeugin Tränen in den Augen standen. Der Verein Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall beschäftigt sich mit dem Schicksal der Sinti und Roma. Eigene lokale Recherchen von Andrea Blesius und Klaus Blumberg ergänzen die Dokumentation „45 Jahre Bürgerrechtsarbeit der deutschen Sinti und Roma“ des Zentralrates der Sinti und Roma.

Die vergessenen Opfer der Nazi-Zeit und danach hatten bei der anderthalbstündigen Feier in dem Backsteinbau am Quimperplatz eine Stimme: Bluma Meinhardt, 59 Jahre, geboren 1961 in Baracken am Blaffertsberg. Ein Jahr verbrachte sie in dem Zigeunerlager, neben dem Gründerhammer eines von zweien in Remscheid. Mit ihrer Volljährigkeit kehrte Meinhardt Deutschland den Rücken. Aus Angst vor offenen Anfeindungen („Zickzack Zigeunerpack“) wanderte sie in die Niederlande aus, kehrte 2018 erstmals in ihr Geburtsland und das Bergische zurück, um nun mit der Initiative des Pferdestalls mit frischem Mut die Aufklärungsarbeit voranzutreiben. Sie hat ein erklärtes Ziel: „Ich will meinen Enkeln ersparen, was ich als Kind von acht Jahren anhören musste.“

Bluma Meinhardt will in Schulen Aufklärungsarbeit leisten

Deshalb will Meinhardt auch deutsche Schulen besuchen – wie Donnerstag die AES –, um über das bis weit nach dem Weltkrieg ignorierte Elend der Zigeuner, das viele im KZ in den Tod führte, eindringlich zu berichten. Das Wort „Zigeuner“ ist für sie dabei ein Ehrenwort. Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz fand berührende Worte: „Wenn ich Anfang der 60er Jahre in der Nähe von Bielefeld zur Schule ging, kamen wir an einem freien Platz vorbei, an dem mehrmals im Jahr Wohnwagen standen. Ich habe meine Eltern gefragt und die haben mir erklärt: Das sind Zigeuner.“

Nichts hätte er damals gelernt über die Menschen, deren Geschichte aus Vertreibung und Verfolgung. Unter den über 500 000 Sinti und Roma, die im Nationalsozialismus umkamen, waren auch Remscheider. „Auf einmal waren sie weg“, erklärte Pferdestall-Vorsitzender Hans Heinz Schumacher. Am 3. März 1943 wurden 89 in Remscheid abgeholt und in Zügen deportiert. Von dieser reichsweiten „Säuberungs“-Aktion existieren nur vier Bilder – alle aus Remscheid. Erst 1982 erkannte Helmut Schmidt als erster deutscher Spitzenpolitiker den Völkermord an den Sinti und Roma an. Roman Franz, Vorsitzender des NRW-Landesverbandes der Sinti und Roma, spannte den Bogen von ersten vergeblichen Bemühungen der Bürgerrechtsbewegung in den 60er/70er Jahren, der Stigmatisierung entgegenzutreten, dem langen Weg zwischen 1985 und 1995, als die Antidiskriminierungsarbeit endlich Früchte trug und die Sinti und Roma als nationale Minderheit anerkannt wurden.

Wenn Bluma Meinhardt über das Schicksal ihrer vielköpfigen Familie berichtet, wird es schnell still. Manche, die ihr zuhören, schlucken hörbar, andere weinen, wieder andere schütteln mit steinerner Mine einfach nur den Kopf.

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