Ehrenamt

Aus dem Teufelskreis zurück ins sichere Krankensystem

Dankeschön für die Unterstützung der Praxis ohne Grenzen: Dr. Bettina Stiel-Reifenrath (r.) und Barbara Servos.
+
Dankeschön für die Unterstützung der Praxis ohne Grenzen: Dr. Bettina Stiel-Reifenrath (r.) und Barbara Servos.
  • Andreas Weber
    VonAndreas Weber
    schließen

Praxis ohne Grenzen bedankt sich bei Barbara Servos. Die Sozialarbeiterin rundet die medizinische Nothilfe bei mittellosen Menschen ab.

Von Andreas Weber

Remscheid. Die Praxis ohne Grenzen verdankt Barbara Servos viel. Die Sozialarbeiterin ist ein zentraler Baustein, um die Nothilfe abzurunden. Um Mittellosen, die ärztliche Betreuung benötigen, eine langfristige Perspektive zu bieten, lässt die Sozialarbeiterin seit fünf Jahren Know-how und Kontakte spielen. Dr. Bettina Stiel-Reifenrath, Vorsitzende des Vereins Praxis ohne Grenzen, war dieser ehrenamtliche Einsatz ein öffentliches Dankeschön wert.

In der Wülfingstraße 1 in Lennep, wo die Ärzte mittwochs von 17 bis 18 Uhr ihre Sprechstunden abhalten, übergab sie Servos ein Präsent. „Ohne sie wären wir aufgeschmissen und könnten nur die medizinische Seite abdecken.“ Die andere ist ebenso wichtig. Sich im komplexen deutschen Krankenversicherungssystem zu orientieren und wieder einzugliedern, dazu fehlt vielen Patienten, die durch alle Raster gefallen sind, der Durchblick und die Kraft.

Als sich Barbara Servos, die bei Pro Familia beschäftigt ist, mit dem Schwangerenarbeitskreis nach der Vereinsgründung in der Praxis ohne Grenzen 2016 umschaute, wurde sie direkt angesprochen. „Wir könnten noch eine Sozialarbeiterin brauchen.“ Barbara Servos sagte ja, blieb dabei, erhielt eine kompetente Schulung bei Nele Kleinehanding (Beratungsstelle Armut und Gesundheit in Deutschland), fuchste sich in ein Thema rein, von dem sie seither versteht, dass Menschen im Krisenmodus leicht in der Bürokratie zerrieben werden können.

Viele türmen hohe Schuldenbei den Krankenkassen auf

Von der Praxis ohne Grenzen bekommt sie Fälle wie diesen zur Klärung auf den Tisch: Eine Patientin aus einem EU-Land, privat versichert, bricht sich den Arm, hat aber nur eine Notfallversorgung abgeschlossen, ist zudem nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die Kasse zahlt die akute Erstbehandlung, trägt aber Folgekosten nicht. Barbara Servos ist gefragt, zu vermitteln, nutzt ihr Netzwerk.

Jeder Fall liegt anders, manche gehen extrem unter die Haut. Bei einer jungen Philippina, die für ein Jahr ins Bergische zu einem Auslandsaufenthalt mit Sprachkurs kommt, wird ein Tumor diagnostiziert. Ihre daheim abgeschlossene Krankenversicherung deckt aber nur 30 000 Euro ab. Für die sündhaft teure Chemotherapie reicht dies nicht. Auch hier ist das Verhandlungsgeschick mit den Kassen bei Servos gefragt.

Oder der bulgarische Paketzusteller. Bei seiner Firma entlassen, denkt er, er sei nicht mehr versichert. Aber die freiwillige Versicherung läuft tatsächlich weiter, Mahnungen der Kasse ignoriert er, Briefe liest oder versteht er nicht. Schulden türmen sich, die dann auffallen, als er seine nächste Arbeitsstelle antritt. Barbara Servos bittet die Betroffenen in ihr Büro in der Winkelstraße 2a, versucht idealerweise in Anwesenheit ihrer Klienten mit den Kassen eine Lösung zu verhandeln. Bisweilen, sagt Servos salopp, müsse man die Versicherer „zur Jagd tragen“.

Viele der Ratsuchenden versinken in einem Teufelskreis. Manche schleppen, weil sie mal gezahlt haben, mal nicht, hohe Altschulden bei den Krankenkassen mit sich herum, die sie nicht mehr abbauen können, weil Krankenkassen auch mal Ratenzahlungen ablehnen. Die Verjährungsfrist für säumige Beiträge liegt bei vier Jahren. „Da können fünfstellige Summen zusammenkommen“, sagt Servos. „Bei manchen, die kaum Geld haben, reicht es für die Miete, aber nicht mehr für die Krankenversicherung“, ergänzt Stiel-Reifenrath. Die leben unter dem ständigen Druck: „Es wird schon gesundheitlich nichts passieren.“ Wenn doch, können das Ärzteteam und Barbara Servos oft helfen, medizinisch Unterversorgten eine Perspektive zu geben.

Anlaufort

Trotz Versicherungspflicht sind 180 000 Personen in Deutschland ohne Krankenversicherung. Die Praxis ohne Grenzen ist für sie ein Anlaufort, bietet Arzthilfe ohne Bürokratie, verhindert, dass Menschen, die sich Gesundheit nicht leisten können, unterversorgt bleiben.

Lesen Sie auch: Missbrauchskomplex Wermelskirchen: Anklage erhoben - „unvorstellbares Ausmaß“

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Unfallflucht: Remscheider fährt erneut an Unfallstelle vorbei und wird gestoppt
Unfallflucht: Remscheider fährt erneut an Unfallstelle vorbei und wird gestoppt
Unfallflucht: Remscheider fährt erneut an Unfallstelle vorbei und wird gestoppt
Welche Straße suchen wir?
Welche Straße suchen wir?
Welche Straße suchen wir?
Erich Merken ist schon seit 50 Jahren beim Weihnachtstreff dabei
Erich Merken ist schon seit 50 Jahren beim Weihnachtstreff dabei
Erich Merken ist schon seit 50 Jahren beim Weihnachtstreff dabei
In der Nähschule geht’s um mehr als Nadel und Faden
In der Nähschule geht’s um mehr als Nadel und Faden
In der Nähschule geht’s um mehr als Nadel und Faden

Kommentare