Ein Jahr nach dem Hochwasser

Rückblick: Auf die Flut folgte der Beistand

Aufräumen am Clemenshammer: Nach der Flut hat Pfarrer Siegfried Landau häufig auf Trümmer geblickt.
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Aufräumen am Clemenshammer: Nach der Flut hat Pfarrer Siegfried Landau häufig auf Trümmer geblickt.
  • Frank Michalczak
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Pfarrer Siegfried Landau erinnert an die Not nach dem Hochwasser.

Remscheid. Passanten blicken an diesem Donnerstag am Rathaus auf Trauerbeflaggung. Sie erinnert daran, was vor einem Jahr geschah: Dauerregen hatte am 14. Juli 2021 zu einer Jahrhundertflut geführt, die auch Täler Remscheids versinken ließ. Schlammlawinen drangen in Wohnhäuser und Betriebsgebäude ein. Brücken wurden durch die Wucht der Wassermassen schwer beschädigt. Sturzbäche ergossen sich im Freibad Eschbachtal. Nach dem Hochwasser standen Hunderte Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz. „Das alles hat Remscheid bis ins Mark getroffen“, blickt OB Burkhard Mast-Weisz auf die Ereignisse zurück.

Pfarrer Siegfried Landau (63) kann dies bestätigen. Er war in den Wochen danach im Eschbach- und Morsbachtal unterwegs, um den Betroffenen Beistand zu leisten. „Die Menschen standen unter Schock und erkannten erst im Laufe der Zeit die Dimensionen dessen, was geschehen war.“ Sie hatten ihr Zuhause verloren - und damit auch ihren Schutzraum. „Wegen Corona sollten ja möglichst alle daheim bleiben. Innerhalb von Sekunden wurde aber das Sofa, auf dem sie saßen, von der braunen Flut gegen die Wand gedrückt. Manche verloren alles.“

Pfarrer Siegfried Landau

Ihnen in dieser Lage zuzuhören, ganz praktische Alltagshilfe leisten, war Siegfried Landau ein Anliegen. So steuerte er mit dem Fahrrad täglich die Hochwassergebiete an, besuchte Haushalte und erfuhr von vielfältigen Problemen - unter anderem, Schadensersatz von den Versicherungen zu erhalten. „Es gibt Betroffene, die alle Ersparnisse und viel Arbeit in ihr Haus investiert hatten. Sie wussten nicht, wie es weitergehen sollte.“

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Anpacken sei in den ersten Tagen danach angesagt gewesen. Manche Gebäude mussten entkernt, zumindest aber von Schlamm und zerstörtem Inventar befreit werden. Pfarrer Landau hat noch die Aussage eines Hausbesitzers in den Ohren, der die Helfenden aufforderte, sich um seine Nachbarin zu kümmern. Sie habe es schließlich noch viel schlimmer erwischt. „Da wurde hin und wieder das eigene Schicksal relativiert, um die Situation irgendwie bewältigen zu können“, erklärt Landau, der sich noch gut erinnern kann, wie die Pandemie plötzlich kein Thema war. An Maske und Mindestabstand war beim Aufräumen nicht zu denken.

Hochwasser: Feuerwehr zählte rund 200 Einsätze - Menschenrettung hatte Priorität

Die Feuerwehr hatte während und nach der Flut rund 200 Einsätze gezählt, die sie binnen 26 Stunden abarbeitete. Es galt, Prioritäten zu setzen. Menschen aus überschwemmten Gebäuden zu retten, hatte absoluten Vorrang. Dann erst kam der feuchte Keller an die Reihe. „Es grenzt an ein Wunder, dass niemand ums Leben gekommen ist“, betont Landau. OB Mast-Weisz stimmt zu. „Auch wenn es den Betroffenen keinen Deut weiterhilft, sind wir im Vergleich zum Ahrtal noch vergleichsweise glimpflich davon gekommen.“ Beeindruckend fand Mast-Weisz die Entschlossenheit, dem Schicksal zu trotzen. Ein Beispiel sei ein Seniorchef, dessen Unternehmen zum dritten Mal überflutet worden sei. „Wir halten durch, hat er mir gesagt. Und das, obwohl das Wasser dem Betrieb erneut schweren Schaden zugefügt hatte.“

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Ebenso beeindruckend sei die Solidarität in Remscheid gewesen, die sich in vielfältigen Sach- und Geldspenden widerspiegelte. Die Stadt Remscheid habe einen Beitrag geleistet, indem sie möglichst unbürokratisch Soforthilfen auszahlte. „Aber da waren eben viele Privatinitiativen, die sich in den Tagen danach bildeten“, erklärt der OB. In der Fluthilfe bündelte Horst Kläuser die Kräfte, „Bekieker“ beurteilten die Schäden, um über die Verwendung der Spenden zu entscheiden. Handwerker halfen in ihrer Freizeit.

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Dieses Zusammenstehen sollte generell richtungsweisend sein, findet Pfarrer Landau. „Das Lebensgefühl hat sich verändert - durch Corona, durch die Flut und nun durch den Krieg in der Ukraine.“ An die Stelle vermeintlicher Sicherheit seien Existenzängste getreten und die Erkenntnis, den Gürtel enger schnallen zu müssen. „Solidarität und das Bewusstsein, gemeinsam in einem Boot zu sitzen, tragen ganz sicher dazu bei, Krisen bewältigen zu können.“ 

Gedenken

An diesem Donnerstag, 14. Juni, steht ein Gedenkgottesdienst in der Burger Kulturkirche, Müngstener Straße 25, in Solingen auf dem Programm. Mit dabei ist auch die Superintendentin des Kirchenkreises Lennep Antje Menn. Der Gottesdienst beginnt um 19 Uhr.

Standpunkt von Frank Michalczak: Gemeinschaftsgeist

frank.michalczak@rga.de

Ein Jahr ist es nun her, dass Hunderte Menschen in den Remscheider Bachtälern vor den Trümmern ihrer Existenz standen. Zumeist mögen die gröbsten Schäden nach dem Hochwasser behoben sein. Das seelische Leid ist aber ganz sicher noch nicht überstanden und auch nicht das Unbehagen, wenn die Meteorologen mal wieder eine Unwetterlage ankündigen.

Die Folgen der Flut wirken als Trauma nach. Pfarrer Landau weist mit Recht darauf hin, dass sich diese und andere Krisen nur im Schulterschluss meistern lassen. Die Opfer nicht allein zu lassen, mit ihnen Sorgen und Nöte zu teilen und ihnen ganz praktisch zu helfen - dies hat den schwierigen Neustart zumindest etwas erleichtert.

Dahinter steckt eine Haltung, die Remscheid auszeichnet und die Mut macht, dass die Menschen dieser Stadt auch künftige Herausforderungen meistern können. Nicht zuletzt mit ihrem ausgeprägten Gemeinschaftsgeist.

Fluthilfe sammelte über halbe Million

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