Psychiater und Selbsthilfegruppen haben viel tun

Auch im Rathaus gehen Drohungen ein

Im Remscheider Rathaus mehren sich die Drohmails.
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Im Remscheider Rathaus mehren sich die Drohmails.

Corona hat das Leben vieler aus den Fugen geworfen.

Von Axel Richter

Remscheid. Im Rathaus mehren sich die Drohmails: Wenn er ihm weiter das Recht auf saubere Atemluft verwehre, dann sei er selbst seines Lebens nicht mehr sicher, lässt ein Schreiber den Oberbürgermeister wissen. Der gibt sich unbeeindruckt und setzt doch mit der Aussicht auf eine baldige Impfung auf ein nahendes Ende der Pandemie: „Es wird Zeit, dass es zu Ende geht“, sagt Burkhard Mast-Weisz (SPD).

Das Stadtoberhaupt ist nicht der einzige im Krisenstab, der angesichts der Beschränkungen im zweiten Corona-Lockdown mit Bedrohungen oder wirren Schreiben bedacht wird. Auch Dr. Frank Neveling, Leiter des Gesundheitsamtes, sieht sich wechselweise mit Bitt- oder Drohschreiben konfrontiert.

In zeilenreichen E-Mails fordern die einen einen Impfstoff auch für Hunde. Andere lassen dagegen vorsorglich wissen, dass sie sich keinesfalls impfen lassen wollen. Dabei hat sie bislang niemand dazu aufgefordert.

„Ich habe die ernste Sorge, dass da etwas aus den Fugen gerät.“
Prof. Dr. Eugen Davids, Tannenhof

Doch die Pandemie setzt auch jenen zu, die mit seelischen Problemen bislang nichts zu tun hatten - Remscheidern, die mitten im Leben standen und in gesicherten Verhältnissen lebten. Das weiß Barbara Bontemps. Vor Jahren gründete die Remscheiderein eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Histamin-Intoleranz. In der Coronakrise leistet sie gegenwärtig mehr seelischen Beistand: „Viele sind in ein tiefes Loch gefallen“, sagt sie. Denn in der Krise erwiesen sich die vermeintlich gesicherten Verhältnisse mit einmal als fragil: Job und Familie gerieten in Gefahr.

In der ersten Welle beschrieb Prof. Dr. Eugen Davids, Ärztlicher Direktor der Stiftung Tannenhof, im RGA-Interview die Lage der Menschen so: „Sie befinden sich in einem nicht endenden Dauerstresslevel, getrieben von Ängsten und Sorgen.“ Die Sorge, die den Psychiater damals umtrieb, bestätigte sich nicht. Die Patientenzahlen im Tannenhof blieben in der Gesundheits- und Wirtschaftskrise annähernd gleich. Aber, sagt Davids heute: „Viele Menschen sind am Rande ihrer Belastungsgrenze angekommen.“

Davon zeugen auch die vielen Einsätze des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Stadt Remscheid. Angehörige suchen Rat, weil Menschen reizbar, dünnhäutig oder depressiv reagieren, weil sie trinken oder ihr Heil in Verschwörungstheorien suchen. Dass es dabei nicht bleiben muss, zeigt die Verunglimpfung des demokratischen Rechtsstaates auf Querdenker-Demos oder die Belästigung von Politikern, wie sie jetzt im Deutschen Bundestag geschehen ist. Prof. Eugen Davids bereitet die Entwicklung Sorge: „Bürgerkrieg ist das falsche Wort“, sagt er. „Aber ich habe die ernste Sorge, dass da etwas aus den Fugen gerät.“

Standpunkt: Senioren als Vorbild

Von Axel Richter

Wer sich in diesen Tagen in einem der Alten- und Pflegeheime in Remscheid aufhält, der wird vielleicht erstaunt sein, wie viel Lebensfreude und Optimismus von den Menschen ausgeht. Prompt lässt sich der Eindruck gewinnen, dass ausgerechnet jene Bevölkerungsgruppe, die als besonders gefährdet gilt, am souveränsten mit dem Virus umgeht.

axel.richter@rga-online.de

Jeder schützt sich so gut er kann und nimmt im Bewusstsein, alles Menschenmögliche für sich und andere getan zu haben, die Dinge, wie sie kommen. Das hat natürlich mit dem Lebensalter und den Erfahrungen der Menschen zu tun. Wer heute 80, 90 Jahre alt ist, der hat den Krieg und die Not der ersten Nachkriegsjahre erlebt. 

Alle nachfolgenden Generationen kennen das Gefühl existenzieller Bedrohung nicht. Keine unmittelbare Gewalt, keinen Hunger, keine Kälte. Vielleicht tun sich in der gut situierte Enkelgeneration deshalb viele so schwer mit einer Krisensituation, wie wir sie gerade erleben. Dabei sind wir in einer weitaus glücklicheren Lage: Ärzte, Kliniken und Selbsthilfegruppen richten uns auf. Wir haben es also leichter als die Menschen damals. Wir sollten uns auch so verhalten. 

Aktuelle Informationen zur Corona-Situation in Remscheid erhalten Sie in unserem Corona-Blog.

Welche Beschränkungen wegen des Coronavirus gelten aktuell in Remscheid? Das haben wir für Sie in einem Artikel zusammengefasst, den Sie hier finden: Ein Überblick über die Corona-Regeln in Remscheid.

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