Telenotzarztsystem

Auch ohne Arzt immer einen Arzt dabei

Der tragbare Monitor überträgt Blutdruck, Puls und andere Werte in Echtzeit an den Notarzt in der Leitstelle.
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Der tragbare Monitor überträgt Blutdruck, Puls und andere Werte in Echtzeit an den Notarzt in der Leitstelle.

Remscheid plant die Einführung eines Telenotzarztsystems. Technik hat sich bei Tests bewährt.

Von Sven Schlickowey

Remscheid soll ans Telenotarztnetz angeschlossen werden. Dafür werden die Rettungswagen technisch so ausgestattet, dass die Besatzungen jederzeit Kontakt zu einem entsprechend ausgebildeten Mediziner aufnehmen können. Einen „Qualitätsschub“ für die Notfallversorgung in Remscheid, nennt Michael Hill, Abteilungsleiter Rettungsdienst bei der Berufsfeuerwehr, das System. „Für uns ist das Luxus pur, dass wir zukünftig immer einen erfahrenen Arzt im Hintergrund haben.“

„Wir sind vollkommen überzeugt von dem System.“

Michael Hill, Berufsfeuerwehr

Gedacht ist der Telenotarzt für die Einsätze, bei denen der Rettungswagen alleine ausrückt. Ist schon bei der Alarmierung erkennbar, dass ein Notarzt benötigt wird, wird der auch weiterhin in einem separaten Fahrzeug mitfahren. Doch kommen erst vor Ort Fragen auf, kommt Hilfe zukünftig über ein eigens dafür entwickeltes System, das Ton, ein Bild aus dem Rettungswagen und auch die Vitalwerte des Patienten überträgt. „Manchmal geht es dabei nur um Kleinigkeiten“, erklärt Hill. „Zum Beispiel um einen Tipp oder eine zweite Meinung.“ So schaffe das kurz TNA genannte System zusätzliche Sicherheit – für den Rettungssanitäter und den Patienten.

„Wir sind vollkommen überzeugt von dem System“, macht Michael Hill deutlich. Die Technik habe sich in ausführlichen Tests in Aachen bewährt. „Das funktioniert einwandfrei.“ Mit einem einfachen Knopfdruck könne der Sanitäter Unterstützung anfordern, spezielle Übertragungstechnik sorge für störungsfreie und verschlüsselte Verbindungen und Headsets dafür, dass die Sanitäter die Hände frei haben. Die Messgeräte, die die Vitaldaten wie Puls und Sauerstoffsättigung im Echtzeitstream übertragen, sind tragbar. Eine 360-Grad-Kamera unter dem Dach des Rettungswagens vermittelt ein umfassendes Bild der Situation vor Ort.

Um die Infrastruktur im Hintergrund aufzubauen, macht Remscheid gemeinsame Sache mit den Städten Solingen, Wuppertal und Leverkusen sowie dem Kreis Mettmann und dem Ennepe-Ruhr-Kreis. Zusammen will man eine interkommunale Trägergemeinschaft bilden. Nach aktuellem Planungsstand sollen in den Leitstellen in Leverkusen und Mettmann entsprechende Arbeitsplätze für Notärzte eingerichtet werden, von denen einer immer besetzt ist. Die dort eingesetzten Ärzte werden zusätzlich zu ihrer medizinischen Ausbildung eine Fortbildung zum Telenotarzt absolvieren.

Zunächst muss das Thema aber noch durch die Politik, eine entsprechende Beschlussvorlage steht beim Hauptausschuss am Donnerstag auf der Tagesordnung, danach noch beim Ausschuss für Bürgerservice, Ordnung und Sicherheit (23. August) und schließlich im Stadtrat (8. September). Eine Zustimmung gilt aber als sicher – auch weil die Kosten überwiegend von den Krankenkassen getragen werden, sie werden über die Gebühren umgelegt. Gerade einmal 45 000 Euro für technische Ausstattung sind derzeit im Remscheider Haushalt für 2023 vorgesehen.

Klappt alles, könnte es danach vergleichsweise schnell, hofft Abteilungsleiter Hill. „Ich gehe davon aus, dass im kommenden Jahr erste Fahrzeuge aufgeschaltet werden.“ Die gesamte Remscheider Flotte könnte dann bis Ende 2024 nachgerüstet werden. Parallel dazu müssten die Mitarbeiter entsprechende Weiterbildungen durchlaufen.

Neue Fahrzeuge sollen direkt mit TNA-Technik bestellt werden, heißt es in der Vorlage für die Politik: „Derzeit befinden sich in Remscheid neun neue Rettungswagen in der Beschaffung, die möglichst im Rahmen des weiteren Beschaffungsvorgangs bereits entsprechend der Anforderungen des gemeinsamen Telenotarztsystems ausgestattet werden sollen.“

Hintergrund

Seit 2014 ist der Telenotarztdienst fester Bestandteil des Rettungsdienstes der Stadt Aachen, dies gilt als das erste umfassende telemedizinische Rettungsassistenzsystem in Europa. Zuvor gab es gleich zwei Forschungsprojekte dazu, die jeweils drei Jahre dauerten. Beide kamen zu dem Ergebnis, dass der TNA für Patienten einen „Mehrwert durch eine schnellere Bereitstellung ärztlicher Kompetenz“ biete.

Standpunkt von Sven Schlickowey: Win-Win-Situation

sven.schlickowey@rga.de

Das Telenotarztsystem (TNA) kommt nach Remscheid. Und die Politik vor Ort kann dem Projekt problemlos zustimmen. Nicht nur, weil der Nutzen wissenschaftlich belegt ist, sondern vor allem, weil es die Stadt (fast) nichts kostet. Aber natürlich zahlen wir die Mehrkosten am Ende trotzdem, sie werden über Gebühren auf die Krankenversicherungen umgelegt – und damit auf unsere Beiträge.

Und doch ist das TNA eine sinnvolle Investition, nicht nur, weil Gesundheit und Menschenleben grundsätzlich unbezahlbar sind, sondern weil die zusätzliche Unterstützung für die Mitarbeiter im Rettungsdienst, die oft unter großem Druck weitreichende Entscheidungen treffen müssen, dazu beitragen kann, schwere Verläufe und andere langfristige Unfallfolgen zu verhindern oder zumindest zu minimieren. Was dann wiederum die Krankenkassen und anderen Kostenträger voraussichtlich entlasten wird. Eine echte Win-Win-Situation.

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