Ans Telefon geht kaum einer

Die Arztpraxen in Remscheid sind überlastet

Oft sind mehrere Anrufe nötig, um den Arzt zu erreichen.
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Oft sind mehrere Anrufe nötig, um den Arzt zu erreichen.

Impfungen und Infekte spielen eine Rolle.

Von Alexandra Dulinski

Remscheid. Bernd Schröder ist es leid. 23 Mal hat er versucht, bei einem Arzt durchzukommen. Immer wieder landete er in der Warteschleife. 18 Minuten hat er in der Spitze gewartet. „Besser fährst du hin“, bekam er von vielen Bekannten zu hören, die vor dem gleichen Problem stehen. Erst in der achten Praxis ist Bern Schröder dann erfolgreich gewesen.

Kein Einzelfall, wie die zahlreichen Leserbriefe beweisen, die den RGA erreichen. Janina Buddenborg ist gerade erst nach Remscheid gezogen, muss Ärzte für sich selbst, ihren Mann, ihren Vater und ihren anderthalbjährigen Sohn finden. Wenn sie dann einmal durchkommt, ist die Wartezeit auf einen Termin lang. „Es ist zum Verzweifeln und dabei wäre es so einfach: Aushilfskräfte für den Telefondienst einstellen und Warteschleifen einrichten, anstatt die Leute zu zwingen, immer wieder neu anzurufen“, sagt sie. Online-Terminvergaben würden es dem Patienten ersparen, ständig hinterhertelefonieren zu müssen.

„Es ist zum Verzweifeln und dabei wäre es so einfach.“

Janina Buddenborg, Leserin

Dass die Arztpraxen voll sind, bestätigt Dr. Bettina Stiel-Reifenrath, Hausärztin in Lennep und Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Remscheid (KV). Zum einen gebe es gerade eine große Welle an Infektionen, die im vergangenen Jahr wegen der Corona-Maßnahmen ausgefallen sei. Zudem wollen sich viele Patienten gegen die Grippe impfen lassen. Dazu kommen die Corona-(Dritt)-Impfungen, für die die Hausärzte zuständig sind. „Wir sind in einem Zustand höchster Arbeitsfrequenz“, sagt Stiel-Reifenrath.

Aktuelle Infos zur Corona-Situation in Remscheid finden Sie in unserem Blog

Dr. Bettina Stiel-Reifenrath weiß um die Problematik.

Aber auch sie bemerkt die schlechte Stimmung bei ihren Patienten: „Wir erleben viel Aggressivität.“ Sie bittet deshalb alle Patienten um Geduld. Wer nicht dringend zum Arzt muss, sollte Routineuntersuchungen schieben. „Bei Facharztterminen, die zügig stattfinden müssen, sollte man mit dem Hausarzt Rücksprache halten“, erklärt die KV-Vorsitzende. Dieser könne sich um einen zeitnahen Termin kümmern.

Im Bereich der Digitalisierung findet derweil einiges statt. Ab Januar 2022 führt die Bundesregierung das E-Rezept ein. An digitalen Lösungen wie etwa an der Elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung hapere es derzeit aber noch, sagt Stiel-Reifenrath. Eine Online-Terminvergabe in den lokalen Arztpraxen würde so beispielsweise nur dort etwas bringen, wo es noch freie Termine gibt. „Im Zweifel sollte man persönlich vorbeigehen“, rät sie.

Etwas, das Bernd Schröder getan hat – humpelnd, mit Verdacht auf einen Fersenbruch. Eine Frage bleibt für ihn aber unklar: Auf eine E-Mail an eine Arztpraxis bekam er innerhalb weniger Minuten eine Antwort – ans Telefon ging aber keiner. „Ich brauche doch viel länger, um eine E-Mail zu schreiben,, als ich für ein zweiminütiges Telefonat bräuchte“, sagt er.

Remscheid: Es gibt zu wenig Nachwuchs in den Arztpraxen

Gerade in Remscheid besteht ein weiteres Problem. „Fachärzte gibt es nicht in Hülle und Fülle“, weiß Bettina Stiel-Reifenrath. Und viele der Ärzte sind „absolut überaltert“, gehen zeitgleich in den Ruhestand. Der Nachwuchs rückt nur langsam an – und nicht in der Anzahl, wie er gebraucht wird. Viele Ärztinnen würden zudem in Teilzeit arbeiten. Obwohl es Förderprogramme und Zuschüsse gibt, kommen sie nur zögerlich an.

Das Nachwuchsproblem ist auch bei der Stadt bekannt. „Die KV muss sich Gedanken machen, aber das ist eine langfristige Sache“, sagt Gesundheitsdezernent Thomas Neuhaus. Die Versorgungslage mit Ärzten soll deshalb Thema in der nächsten Gesundheitskonferenz werden, erklärt er. „Am Ende ist nicht die Frage nach Zuständigkeiten entscheidend, sondern die der Versorgung der Bevölkerung“, sagt Neuhaus.

Seit dem 1. Oktober gehören zwei Kinderarztpraxen komplett zur Stadt. Der Schritt war notwendig weil Nachfolger fehlten.

Hintergrund

Das E-Rezept soll ab Januar 2022 eingeführt werden. Damit soll die Behandlung mit Arzneimitteln sicherer, Abläufe in der Arztpraxis und der Apotheke vereinfacht werden und auch die Zettelwirtschaft im Gesundheitswesen aufhören. Das E-Rezept ermöglicht weitere neue digitale Anwendungen. Von der Medikationserinnerung bis hin zum Medikationsplan mit eingebautem Wechselwirkungscheck. Mehr Infos unter https://t1p.de/7ybe

Standpunkt: Plätze aufstocken

Ein Kommentar von Alexandra Dulinski

alexandra.dulinski@rga.de

Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung. Und das nicht erst seit gestern oder vorgestern. Dass erst jetzt Ideen wie E-Rezepte von der Bundesregierung umgesetzt werden, zeigt deutlich, wo wir in Deutschland stehen. Ähnliches gilt für die Ausbildung unserer Ärzte: Ein Numerus clausus, der so hoch ist, dass kaum ein Abiturient auf Anhieb einen Studienplatz bekommt. Die hohen Anforderungen demotivieren mitunter. Und wer seine Wartezeit mit einer Ausbildung überbrückt, ist mitunter erst Anfang/Mitte 30, wenn er fertiger Arzt ist. Manch einem ist das zu spät, um endlich mal Geld zu verdienen. Auch hier wurde zu spät darüber nachgedacht, dass andere Kriterien als Schulnoten viel wichtiger sind. Macht eine Sportnote einen guten Arzt aus? Muss ein Zahn- oder Augenarzt gut zeichnen können? Wenn der Bedarf an Fachärzten so groß ist, muss dringend an den Universitäten aufgestockt werden. Wir brauchen mehr Studienplätze. Denn dass junge Menschen Medizin studieren wollen, aber aufgrund ihrer Schulnoten nicht können, hört man leider viel zu oft.

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