Pandemie

Arbeitgeber lehnen Recht auf Homeoffice ab

Die Arbeit im Homeoffice ist durch die Corona-Pandemie in vielen Unternehmen Alltag geworden. Arbeitgeber und Beschäftigte sehen darin einige Vorteile, aber auch Probleme. Foto: Christian Beier
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Die Arbeit im Homeoffice ist durch die Corona-Pandemie in vielen Unternehmen Alltag geworden. Arbeitgeber und Beschäftigte sehen darin einige Vorteile, aber auch Probleme.

Betriebe machen mit Heimarbeit überwiegend positive Erfahrungen, wünschen sich aber freiwillige Lösungen.

Von Kristin Dowe und Sven Schlickowey

Remscheid. In Zeiten der Pandemie erhöht die Politik den Druck auf Unternehmen, den Beschäftigten, wo immer es geht, die Arbeit im Homeoffice zu ermöglichen. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) forderte zuletzt – unabhängig von Corona – gar ein grundsätzliches Recht darauf, was Arbeitgeber im Bergischen aber ablehnen. „Ein generelles Recht auf Homeoffice berücksichtigt nicht die betriebliche Realität in den Unternehmen und hat zudem negativen Einfluss auf das betriebliche Miteinander“, begründet Michael Wenge, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) im Bergischen Land, seine Haltung. Viele Arbeitsplätze seien gar nicht fürs Homeoffice geeignet – auch innerhalb der Branchen gebe es große Unterschiede in Bezug auf die Größe der Unternehmen und deren technische Ausstattung.

„Die Politik sollte individuelle Lösungen fördern.“
Michael Wenge, Bergische IHK

Im Zuge der Pandemie hätten die Mitgliedsbetriebe der IHK aber durchaus positiv Erfahrungen mit der Heimarbeit gemacht, berichtet Wenge. „Neben der Kontaktreduzierung ist es natürlich vorteilhaft, dass der Mitarbeiter sich den Weg zur Arbeit spart. Das merken wir ja zurzeit an leeren Autobahnen.“ Eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit, sofern auch seitens des Beschäftigten ein Wunsch nach Homeoffice besteht, sei ein weiterer Vorteil.

Geklärt werden müsse dabei auch die Finanzierung von technischer Ausstattung und Arbeitsmaterialien zu Hause. Gegebenenfalls könne der Arbeitgeber dann auch Bürokosten einsparen. Wenges Prognose: „Es ist davon auszugehen, dass Homeoffice auch nach Corona verstärkt angeboten wird. Dabei werden sich aber vermutlich eher Mischmodelle durchsetzen – zum Beispiel drei Tage im Büro, zwei Tage im Homeoffice.“ Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, solle „die Politik nicht mit der Brechstange daran gehen, sondern individuelle Lösungen fördern“.

Findet auch Markus von Dreusche, der zudem vor einer „gefühlten Zwei-Klassen-Gesellschaft“ warnt, die durch eine Homeoffice-Pflicht entstehen könnte: „Wie soll denn ein Produktionsmitarbeiter von zu Hause arbeiten?“, fragt der Geschäftsführer des Remscheider Arbeitgeberverbandes. Die Politik solle lieber Anreize schaffen, als Vorschriften erlassen, sagt von Dreusche: „Da, wo es Vorteile für Arbeitgeber und Arbeitnehmer bringt und beide es wollen, sind die Menschen doch längst im Homeoffice.“

Für die anderen bringe ein Gesetz nur die Pflicht, eine „begründete Ablehnung“ zu verfassen. Das sei ein unnötiger zusätzlicher bürokratischer Aufwand. Zwar sei es wichtig, dass zum Beispiel Tarifverträge die Rahmenbedingungen für das Arbeiten von zu Hause schafften, sagt von Dreusche: „Diesen Rahmen auszufüllen soll der Gesetzgeber lieber den Arbeitsvertragsparteien überlassen.“ Erzwingen könne man eine solche Entwicklung ohnehin kaum: „So etwas reguliert sich doch meist von selber.“

Finanzielle Erwägungen spielen auf der Arbeitnehmerseite eine Rolle, macht Stephanie Peifer, Geschäftsführerin des Verdi-Bezirks Düssel-Rhein-Wupper, deutlich: „Aus unserer Sicht haben die Arbeitgeber alle Kosten des außerbetrieblichen Arbeitens zu tragen. Die jetzt eingeräumte steuerliche Entlastung für Arbeitnehmer kann nur ergänzend wirken.“

Grundsätzlich beobachtet die Gewerkschafterin bei Betriebs- und Personalräten eine wachsende Bereitschaft, Homeoffice zu ermöglichen. Pauschal gefordert werde dies seitens der Beschäftigten aber nicht. Auch bei ihnen bestehe eher der Wunsch nach flexiblen Lösungen und Mischmodellen. „Da brauchen wir den Dialog mit den Arbeitgebern, um die Zukunft der Arbeitswelt zu gestalten.“

In unserem Live-Blog finden Sie alle Informationen rund um das Coronavirus in Remscheid. Der Blog wird laufend aktualisiert.

Studie

Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (iwd) wollen mehr als die Hälfte der Unternehmen Homeoffice auch nach Corona verstärkt etablieren. Vor allem Banken und Versicherungen haben die Möglichkeiten bereits ausgeweitet.

https://t1p.de/g6xo

Standpunkt

redaktion@rga-online.de

Ein Kommentar von Kristin Dowe

Gemessen an den Befürchtungen, die Arbeitgeber und Beschäftigte gleichermaßen zu Beginn der Corona-Pandemie hatten, funktioniert die Arbeit im Homeoffice beim Großteil der Betriebe überraschend gut. Fordern gerade berufstätige Eltern schon seit Jahren, die Möglichkeiten dafür auszuweiten, erkennen nun auch Arbeitgeber die Vorteile des Homeoffice. Höhere Mitarbeiterzufriedenheit, wegfallender Pendelverkehr, mögliche Kostenersparnis für Räume, ein Rückgang auch anderer Infektionskrankheiten neben Corona und hohe Flexibilität wären als die wesentlichen Punkte zu nennen. So hat die Digitalisierung im vergangenen Jahr einen Schub erhalten und es ist schlicht praktisch, spontan per Mausklick mit 50 Kollegen in einer Videokonferenz zusammentreten zu können. Wenn die Technik denn mitspielt. Den persönlichen Kontakt im Team kann das Modell aber nicht ersetzen. Darüber hinaus ist es sicherlich nicht für jeden geeignet und funktioniert nur dann, wenn die Arbeitsbedingungen in den eigenen vier Wänden stimmen. Auch ein stabiles Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und -nehmer ist für den Erfolg unabdingbar. Dann können beide Seiten davon profitieren.

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