Erinnerung

Anwohner reinigen die Stolpersteine

Monika Roth (links) und Ute Gassen reinigten in der Alten Bismarckstraße sieben Stolpersteine, die an die Verfolgung und Ermordung jüdischer Mitbürger und anderer Minderheiten durch die Nationalsozialisten erinnern. Die Aktion hatte der Verein MyViertel anlässlich der Pogrome am Abend des 9. Novembers 1938 initiiert. Foto: Roland Keusch
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Monika Roth (links) und Ute Gassen reinigten in der Alten Bismarckstraße sieben Stolpersteine, die an die Verfolgung und Ermordung jüdischer Mitbürger und anderer Minderheiten durch die Nationalsozialisten erinnern. Die Aktion hatte der Verein MyViertel anlässlich der Pogrome am Abend des 9. Novembers 1938 initiiert.

Verein MyViertel erinnerte mit der Aktion an die Verfolgung von jüdischen Mitbürgern und anderen Minderheiten.

Von Peter Klohs

Remscheid. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wird immer einer der dunkelsten Flecken in der deutschen Geschichte bleiben. Mit diesem Datum begannen die vom nationalsozialistischen Regime organisierten und gelenkten Gewaltmaßnahmen gegen Juden in Deutschland und Österreich.

Die Novemberpogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung der Juden hin zu ihrer systematischen Vertreibung und Vernichtung, dem Holocaust. In aller Welt wird am 9. November dieser Gräueltaten gedacht. Auch in Remscheid werden in dieser Nacht, ein Jahr vor Beginn des 2. Weltkrieges, jüdische Geschäfte angezündet und Wohnungen zerstört. Menschen werden misshandelt und ermordet, weil sie jüdischen Glaubens sind. Einige nehmen sich in dieser Nacht das Leben, um vor den Qualen der Nazis zu fliehen. Zahlreiche belegte Beispiele belegen die Tragödien, die sich in dieser Nacht auch in Remscheid ereigneten.

Der Verein MyViertel setzt sich dafür ein, dass die Erinnerung an die Novemberpogrome niemals erlischt. „Der 9. November ist mehr als der Mauerfall“, sagt Moritz Alexander vom Vorstand des Vereins. „Der 9. November steht immer für den Beginn der gewollten Vernichtung der Juden und anderer Minderheiten. Die Erinnerung daran ist wichtig. Antisemitismus ist tagesaktuell und ein Problem, das bis zum heutigen Tag immer noch nicht gelöst wurde.“

Moritz Alexander organisiert die Reinigungsaktion

Seit 2019 pflegen Mitglieder des noch jungen Vereins die im Viertel installierten Stolpersteine an diesem Tag. „Wir laden alle Mitglieder von MyViertel dazu ein“, berichtet Alexander, „aber in diesem Jahr ist es durch Corona natürlich ganz besonders problematisch, da nur eine begrenzte Anzahl Menschen zusammenstehen dürfen.“

Annäherend zehn Menschen haben sich zusammengefunden, um die Stolpersteine im Viertel zu säubern, sie zu polieren, anschließend zu schmücken und weiße Rosen abzulegen. Es ist 18 Uhr und bereits dunkel. Moritz Alexander achtet genau auf die Einhaltung der Corona-Regeln und organisiert, welche Mitglieder sich zu den unterschiedlichen Stolpersteinen bewegen.

Direkt am Vis-a-vis in der Alten Bismarckstraße liegen sieben Stolpersteine. Monika Roth und Ute Gassen haben sich Putz- und Polierzeug besorgt und knien vor den Steinen, um sie zu säubern. „Mein Sohn wohnt hier im Haus“, erzählt Monika Roth. „Er hat im vergangenen Jahr mitgeholfen. Jetzt bin ich dran.“

Beide Frauen arbeiten sorgsam, unterstützt von einer Handytaschenlampe. Mehr als zwei Menschen dürfen zur Zeit auch nicht gleichzeitig an den Stolpersteinen arbeiten. Die Frauen beginnen, die Steine zu polieren. Moritz Alexander erzählt, dass es im Viertel rund ein Dutzend Stolpersteine gibt, alleine drei für die Familie Dannenberg, von der das Ehepaar Marta und Artur in Minsk ermordet wurde und Mathilde, die 1942 als 83-Jährige deportiert wurde und im KZ Treblinka den Tod fand. Andere wie Markus Lenneberg, damals wohnhaft in der Alten Bismarckstraße 16, vergiftete sich aus Angst vor den Nazis.

Die Stolpersteine glänzen, ein Kreideherz als symbolischer Kranz wird aufgemalt, vier Grablichter werden entzündet und aufgestellt, sieben weiße Rosen dazugelegt. Beim Aufräumen fällt eine Grableuchte um und hinterlässt Wachsspuren auf einem Stein. Die beiden Frauen geben sich sofort der erneuten Reinigung hin.

Probleme wegen dieser Aktion habe es nicht direkt gegeben, sagt Alexander. „Die Grableuchten sind im vergangenen Jahr umgetreten worden“, berichtet er, „ob jetzt von Rechten oder aus Unachtsamkeit, weiß man nicht. Dann stellen wir die Leuchten wieder richtig hin.“ Den ehemaligen Bewohnern des Viertels ist gedacht worden. „Und damit auch allen Menschen, die dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind“, sagt Alexander zum Abschluss.

Zeitzeugin

Die 1931 in Halle / Saale geborene und heute in London lebende Eve Kugler war als Achtjährige Augenzeugin der Novemberpogrome. Sie schildert: „Die Nazis zündeten die Synagoge meines Opas an, die Feuerwehr kam und sah zu, wie die Synagoge bis auf die Grundmauern niederbrannte. Das war die Wirklichkeit der Pogromnacht.“ Dafür, dass die Erinnerung an diesen dunklen Tag niemals verblasst, setzt sich in Remscheid auch der Verein MyViertel ein.

Der sich verschärfende Pandemie-Verlauf zwingt den Verein Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall Remscheid die Veranstaltung zum Gedenken an die Verbrechen in der Reichsprogromnacht am 9. November abzusagen.

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