Teilhabechancengesetz

So kommen Langzeitarbeitslose in reguläre Jobs

Das Röntgenstadion wird hergerichtet – auch von Mitarbeitern, die nach dem Teilhabechancengesetz beschäftigt werden. Archivfoto: Roland Keusch
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Das Röntgenstadion wird hergerichtet – auch von Mitarbeitern, die nach dem Teilhabechancengesetz beschäftigt werden.

Die Stadt Remscheid macht gute Erfahrungen mit geförderten Jobs. Momentan sind 27 Menschen dort in Vollzeit beschäftigt und gleichen Personalmangel aus.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Sie helfen im Teo Otto Theater, unterstützen Hausmeister und sollen bei den Reparaturarbeiten im Lenneper Röntgenstadion zum Einsatz kommen: Bei der Stadt Remscheid gibt es derzeit 27 Vollzeitstellen nach dem Teilhabechancengesetz. Damit sollen Langzeitarbeitslose in reguläre Jobs gebracht werden. Die Erfahrungen sind offenbar überwiegend gut.

„Es ist bisher sehr gut angelaufen“, sagt Sven Heidkamp, stellvertretender Geschäftsführer des Jobcenter Remscheid. Seit 2019 gibt es den Paragraf 16i im SGB II, der dem Teilhabechancengesetz zu Grunde liegt. Seither wurde allein in Remscheid eine dreistellige Anzahl von Jobcenter-Kunden in solche Jobs vermittelt. „Dabei geht es darum, eine reguläre Beschäftigung zu schaffen“, betont Heidkamp. Das sei etwas anderes als die bekannten Ein-Euro-Jobs.

Ein Großteil sei bei gemeinnützigen Trägern im Einsatz, berichtet Heidkamp: „Das sind oft Institutionen, mit denen das Jobcenter ohnehin eng zusammen arbeitet.“ Andere bei privaten Arbeitgebern und eben bei der Stadtverwaltung. In den ersten beiden Jahren wird das Gehalt in Höhe des Mindestlohns zu 100 Prozent vom Jobcenter übernommen, danach gibt es drei weitere Jahre anteilige Zuschüsse. Außerdem werden Weiterbildungskosten bezahlt.

Remscheid: Anfängliche Schwierigkeiten zu überstehen, kann sich lohnen

Und es gebe ein begleitendes Coaching, für den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, erklärt Sven Heidkamp: „Typischerweise ist das Jobcenter ja nicht mehr zuständig, wenn kein Arbeitslosengeld II mehr bezogen wird.“ Das habe man hier bewusst anders gemacht. Denn eine regelmäßige Arbeit nach einer langen Phase der Arbeitslosigkeit sei eine Herausforderung, betont der stellvertretende Geschäftsführer. Einigen falle schon das allmorgendliche Aufstehen schwer. Entsprechend seien Jobs nach dem Teilhabechancengesetz vor allem für Arbeitgeber geeignet, die „eine gewisse Toleranz mitbringen“, ist Heidkamp überzeugt.

Doch die anfänglichen Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen, kann sich lohnen, wie das Beispiel Stadtverwaltung zeigt. „Die Rückmeldungen [...] sind erwartungsgemäß unterschiedlich, aber im weit überwiegenden Maße sehr positiv“, heißt in einem ersten Zwischenbericht der Verwaltung. Die neuen Mitarbeiter seien motiviert und könnten Aufgaben übernehmen die „mangels Personalressourcen“ bisher liegen geblieben seien. Ein Eindruck, der sich inzwischen verfestigt hat, wie Sozialdezernent Thomas Neuhaus schon mehrfach bestätigte. Deswegen denkt man inzwischen wohl auch bei den Technischen Betrieben (TBR) darüber nach, solche Stellen einzurichten.

TBR will Mitarbeiter im Rahmen des Teilhabechancengesetzs im Kampf gegen illegale Müllentsorgung einsetzen.

„Da sieht man mal, was das mit Menschen macht, wenn man ihnen Vertrauen schenkt“, sagt dazu Sven Heidkamp, der sich hier aber noch mehr Engagement privater Arbeitgeber wünschen würde. Auch, um denen, die sich in geförderten Stellen bewährt haben, anschließend eine Perspektive zu bieten. Die 27 Stellen bei der Stadt zum Beispiel sind vorerst auf fünf Jahre befristet. Ob sie sich eine Weiterbeschäftigung auch ohne Förderung leisten kann, ist derzeit noch unklar.

Arbeitsmarkt: Mehr Jobs, niedrigere Arbeitslosenquote

Standpunkt: Zusammen kann‘s klappen

Ein Kommentar von Sven Schlickowey

sven.schlickowey@rga.de

Die Wirtschaft sucht zum Teil händeringend Leute, während gleichzeitig mehr als 2 Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos sind. Was mathematisch überhaupt keinen Sinn ergibt, erklärt sich in der Praxis relativ einfach: Es passt halt nicht immer zwischen Stelle und potenziellem Arbeitnehmer. Auch weil einige so lange raus sind aus der Arbeitswelt, dass sie kaum noch einem regelmäßigen Job nachgehen können. Da ist das Teilhabechancengesetz sicherlich ein guter Ansatz, der aber nur funktioniert, wenn die Menschen nach der maximal fünfjährigen Förderung eine „richtige“ Stelle finden. Dass Stadt und soziale Träger so viele Jobs nicht schaffen können, ist klar. Dass manch privater Arbeitgeber die Anfangsschwierigkeiten scheut, auch. Doch zusammen kann ein Schuh daraus werden. Wenn sich die Privatwirtschaft an dem großen Potenzial der Menschen bedient, die bei institutionellen Arbeitgebern ihre Eignung bewiesen und neues Selbstvertrauen gewonnen haben. So profitieren erst Stadt und Bürger davon, dass Aufgaben erledigt werden, für die bisher niemand da war. Dann der neue Arbeitgeber von einem motivierten Mitarbeiter. Und die ganze Zeit der Mensch, um den es eigentlich geht.

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