Lebensräume verschwinden

Ameisennester bei Waldarbeiten zerstört

Auch bei den Waldarbeiten bei Dörpholz wurden jüngst Nester der Roten Waldameise zerstört. Foto: Roland Keusch
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Waldarbeiten bei Dörpholz.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
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Lebensräume für immer mehr Insekten, Tiere und Pflanzen schrumpfen oder verschwinden in Remscheid ganz.

Remscheid. Die Rote Waldameise ist ein zäher Waldbewohner. Am Dörpholz krabbelt sie, obwohl der Borkenkäfer die Fichten, die sie zum Bau ihrer Haufen braucht, in drei trockenen Sommern vernichtete. Doch nicht nur das lässt die nützlichen Insekten bislang überleben. Denn auch die Waldarbeiter nahmen beim Fällen der toten Bäume auf ihre Nester nicht eben große Rücksicht. Im Gegenteil. Bei Forstarbeiten wurden jüngst etliche Nester zerstört.

Der Fall der Roten Waldameise, der für den Eigentümer und den Forstunternehmer übrigens ohne rechtliche Folgen bleibt, steht stellvertretend für zahlreiche Arten, deren Lebensräume in den zurückliegenden Jahrzehnten gefährdet und zerstört wurden. Dabei gilt die moderne Land- und Forstwirtschaft als hauptverantwortlich für den Rückgang zahlreicher Tier- und Pflanzenarten. Das unterstreicht ein aktueller Bericht zur Situation der Artenvielfalt in Remscheid. „Zwar nehmen die Bürgerinnen und Bürger die bergische Landschaft im Vergleich zu anderen Regionen als vielfältig, strukturreich und optisch intakt wahr, bei einer Detailbetrachtung ergibt sich jedoch ein anderes Bild“, heißt es darin.

Warum viele Pflanzenarten verschwunden sind

Es gibt heute kaum noch eine Fläche, die nicht landwirtschaftlich genutzt wird. Kleine, steile oder feuchte Wiesen, die mit dem Traktor nicht befahren werden konnten, wurden von den Bauern früher buchstäblich links liegengelassen. Zwischen 1993 und 2015 gingen viele dieser Flächen verloren, wurden bebaut oder in Wälder umgewandelt, heißt es in dem Bericht. Die Folge: „Für die Artenvielfalt bedeutsame extensiv genutzte Offenland-Biotope kommen in Remscheid nur noch vereinzelt vor.“ Nährstoffarme Standorte, die viele Naturpflanzen für ihr Wachstum brauchen, blütenreiche, Heideflächen, Wiesen und Hänge mit offenem Boden und schütterer Vegetation sind selten geworden. Einzelne Hotspots gibt es noch: den Landschaftsraum Panzertalsperre, das Feldbachtal, die Dörperhöhe, das Dörpetal, den Landschaftsraum Bliedinghausen, Falkenberg, Bökerhöhe, das Gelpetal, Westen, Grund, Oelingrath, Westhausen, den Steinbruch am Hohenhagen und das Haller Bachtal.

So reagieren die Insekten darauf

Wo es nur noch wenige blütenreiche Säume, extensiv genutzte Wiesen, Heideflächen und Niederwälder gibt, gibt es auch keine Insekten mehr, die darauf angewiesen sind. Immerhin erzielten die Naturschützer Einzelerfolge, indem sie zum Beispiel Magerwiesen und Heideflächen wieder herstellten. Frank Stiller, Mitarbeiter der Unteren Landschaftsbehörde sammelt dazu Blumensamen ein und streut ihn an geeigneter Stelle wieder aus. „Punktuell konnte das Aussterben spezialisierter Arten verhindert werden“, heißt es in dem Bericht. In seltenen Fällen gelang den Landschaftsschützern sogar die Wiederansiedlung verschwundener Insektenarten. Aber, sagt Frank Stiller: „Es handelt sich um wenige Inseln der Vielfalt in einer großen Wüste.“

So ergeht es Amphibien und Reptilien

Viele sind längst ausgestorben. Die Zauneidechse zum Beispiel, die Schlingnatter, die Geburtshelferkröte, der Laubfrosch, die Kreuzkröte und die Gelbbauchunke. Die Erdkröte, der Grasfrosch und der Bergmolch galten bislang als Allerweltsarten. Auch sie befinden sich heute auf dem Rückzug. Der Feuersalamander dürfte als nächster für immer verschwinden. Ihn bedroht neben dem Verlust seines Lebensraums eine tödliche Pilzerkrankung.

Und so den Vögeln

Nur die Greifvögel und Spechte sind wieder in großer Zahl vorhanden. Bodenbrüter wie Kiebitz und Feldlerche, aber auch der Hänfling, der seine Nester gern in Hecken und Sträuchern baut, haben in dem ausgeräumten Feldern der modernen Agrarlandschaft dagegen keine Chance mehr zur Aufzucht. Das wissen auch die Landwirte. „Sie helfen uns an vielen Stellen“, sagt Frank Stiller. „Allerdings scheitert die Zusammenarbeit natürlich dort, wo es um bäuerliche Existenzen geht. Die Menschen wollen nun einmal billige Lebensmittel kaufen.“

Immerhin, das halten die Natur- und Landschaftsschützer fest: Das Aussterben vieler Arten schreitet heute langsamer voran. Für viele im wahrsten Sinne tödlich waren die Jahre zwischen 1950 und den 1990er Jahren. „Viele Remscheider Tier- und Pflanzenarten starben aus.“

Dass das ein Ende hat, glaubt keiner. Allerdings sollten die Selbstheilungskräfte der Natur auch nicht unterschätzt werden. Beispiel Rote Waldameise. Eine aktuelle Nachkontrolle im Dörpholz ergab, dass sich die Nester sowohl unter den verbliebenen trockenen Fichten als auch in den Einschlagflächen gehalten haben. „Einzelne Nester sind zerstört, andere vermutlich umgezogen, und es sind auch neue Nester entstanden“, schreibt Rechtsdezernentin Barbara Reul-Nocke: „Die verbliebenen Buchen und Eichen werden massiv belaufen.“ Mitten im Laubwald sei ein neuer Ameisenhaufen entstanden. Und die Biologische Station Mittlere Wupper zeigt sich überzeugt, dass weitere Nester folgen.

Hintergrund

Auch knapp ein Drittel der Säugetiere in Deutschland ist laut dem World Wide Fund For Nature (WWF) in seinem Bestand gefährdet. Die Umweltorganisation bezieht sich auf die Ergebnisse der Roten Liste der Säugetiere, die das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit dem Rote-Liste-Zentrum (RLZ) im Oktober 2010 vorgestellt hat.

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