Auch Vaillant profitiert

Alternative Heiztechniken: „Die Leute wollen weg von Gas und Öl“

Der Bereich Wärmepumpen beschert Vaillant schon länger ordentliche Zuwachsraten – der Krieg beschleunigt das Thema weiter. Davon profitiert auch das Remscheider Stammwerk, hier wird das Modell Aro-Therm plus produziert, das auch bei der Altbausanierung eingesetzt werden kann. Foto: Vaillant
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Der Bereich Wärmepumpen beschert Vaillant schon länger ordentliche Zuwachsraten – der Krieg beschleunigt das Thema weiter. Davon profitiert auch das Remscheider Stammwerk, hier wird das Modell Aro-Therm plus produziert, das auch bei der Altbausanierung eingesetzt werden kann.

Der Krieg in der Ukraine sorgt für mehr Nachfrage bei Energieberatern und Handwerkern.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Stefan Knispels Anrufbeantwortertext ist kurz aber eindeutig: Wer einen Termin verlegen will, kann draufsprechen. Wer einen neuen möchte, muss sich vor Juni keine Hoffnungen machen. „Ich muss Neukunden derzeit kategorisch ablehnen“, berichtet Knispel im Gespräch mit dem RGA. Seit rund zehn Jahren bietet der Schornsteinfeger auch Energieberatung an. Gut zu tun hatte er schon länger, doch seit dem Krieg in Ukraine kann er sich vor Anfragen kaum noch retten. Immer mehr Hausbesitzer sind auf der Suche nach alternativen Heiztechniken.

„Die Leute reagieren jetzt, wo es eigentlich schon zu spät ist“, sagt Stefan Knispel. Jahrelang habe sich vor allem ein bestimmtes Klientel mit Wärmepumpen, Holzpellets und anderen alternativen Techniken beschäftigt, sagt der Energieberater. „Inzwischen kommen alle, bunt gemischt.“ Dabei habe es schon lange vor Putins Drohung, den Gashahn abzudrehen, gute Gründe gegeben, darüber nachzudenken. „Viele Menschen haben viele Jahre falsche Prioritäten gesetzt“, ist Knispel überzeugt: „Da war es wichtiger, ein neues Auto vor der Tür stehen zu haben als moderne Technik im Keller.“

„Seit drei Wochen ersaufen wir.“

Obermeister Oliver Bergmann über die Auftragslage der SHK-Firmen

Dass sich das vor allem in den vergangenen Wochen deutlich verändert hat, kann auch Oliver Bergmann bestätigen. Der Obermeister der Remscheider Sanitär- und Heizungsinnung berichtet von Kunden, die eine bereits bestellte Gasheizung noch schnell in eine deutlich teurere Pelletanlage umgewandelt haben. Und von stark gestiegenen Nachfragen nach Wärmepumpen, gerne auch in Kombination mit Photovoltaik und einem Kaminofen: „Die Leute wollen weg von Gas und Öl.“

Zu bewerkstelligen sei das so schnell aber nicht, sagt Bergmann. Schließlich hätten er und seine Innungskollegen auch schon vor dem Krieg die Auftragsbücher voll gehabt. „Seit drei Wochen ersaufen wir.“ Der Fachkräftemangel, seit Jahren findet das Handwerk nicht genug Azubis, und Lieferschwierigkeiten der Hersteller verschärfen das noch. „Acht bis zwölf Wochen Vorlaufzeit sind heute normal“, erklärt Oliver Bergmann. „Weil irgendeine Komponente eigentlich immer fehlt.“

Steigende Benzin-Kosten: Berechnen Handwerker bald die Anfahrt?

Und das, obwohl die Hersteller zuletzt deutlich aufgerüstet hatten. Vaillant zum Beispiel hat in den vergangenen zwei Jahren mehrere neue Produktionslinien für Wärmepumpen in Betrieb genommen, auch und vor allem im Remscheider Stammwerk. Bestellungen für solche Geräte – aber auch für Gasheizgeräte – befänden sich weiterhin „auf relativ hohem Niveau“, erklärt Pressesprecher Dr. Jens Wichtermann. Zudem gehe man davon aus, dass der Krieg in der Ukraine das Thema weiter beschleunige: „Aus Gesprächen mit unseren Fachpartnern und eigenen Anfragen wissen wir, dass sich Endkunden vermehrt für Wärmepumpentechnologie interessieren.“

Deutlich schneller können meistens die Remscheider Stadtwerke ihren Kunden helfen. Man beobachte seit Kriegsbeginn eine deutlich gestiegene Zahl von Anfragen im Servicecenter, berichtet Pressesprecher Klaus Zehrtner. Viele Anrufer hätten Angst vor steigenden Energiekosten, seien auf der Suche nach Energiespartipps oder wollten vorsorglich die Abschläge erhöhen. „Die Menschen wollen das geklärt haben und dafür stehen wir auch gerne zur Verfügung.“

Dabei müssten Kunden mit Festpreis-Verträgen keine Angst vor Preissteigerungen haben, betont Zehrtner: „Die notwendigen Mengen Gas sind ja schon längst beschafft.“

Hintergrund

Dass die Zahl der Menschen, die sich Sorgen wegen steigender Energiepreise machen, steigt, zeigt auch eine Umfrage der Verbraucherzentralen. Dabei gaben im Januar 62 Prozent der Befragten an, sich deswegen zu sorgen, im März war dieser Wert auf 76 Prozent gestiegen. Der Verband fordert deswegen unter anderem das Aussetzen von Strom- und Gassperren sowie einen Heizkostenzuschuss von 1000 Euro für Haushalte mit geringem Einkommen.

Standpunkt: Sperren abschaffen

Von Sven Schlickowey

sven.schlickowey@rga.de

Ob Putin Europa wirklich jemals den Gashahn zudreht, sei mal dahin gestellt, schließlich braucht Russland ja die Einnahmen. Doch die Diskussion um mögliche Lieferstopps und Preiserhöhungen bringt ein anderes Thema in die Öffentlichkeit, über das sonst höchstens mal Sozialverbände und Verbraucherschützer sprechen: Es gibt im wohlhabenden Deutschland Menschen, und die werden immer mehr, die Angst haben, dass man ihnen Strom und Gas abdreht. Natürlich sind auch Stadtwerke Wirtschaftsunternehmen, die nicht nur im Sinne ihrer Eigner, sondern auch ihrer Kunden bestrebt sein sollten, Erlöse zu realisieren. Doch hier geht es nicht um den Caffè Latte auf dem Weg ins Büro, eine Urlaubsreise oder Pay-TV. Das Bundesverfassungsgericht hat einmal gesagt, dass alle Leistungen, „derer der Bürger zur Sicherung einer menschenwürdigen Existenz unumgänglich bedarf“, zur Daseinsvorsorge gehören. Wenn man warme und helle Wohnungen als Teil einer menschenwürdigen Existenz betrachtet, muss man Strom- und Gassperren fast zwangsläufig abschaffen.

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