Interview der Woche

Aidshilfe stellt sich im Bergischen neu auf

Jana Kawina (37) berät Menschen mit HIV sowie die gesamte Familie, Freunde und Angehörige. Foto: Doro Siewert
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Jana Kawina (37) berät Menschen mit HIV sowie die gesamte Familie, Freunde und Angehörige.

Jana Kawina besucht Schulen und Jugendgruppen in Remscheid.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek

Frau Kawina, ist Aids im 21. Jahrhundert in einer weltoffenen Gesellschaft immer noch ein Tabuthema?

Jana Kawina: Es bleibt auf jeden Fall stigmatisiert. Menschen werden deshalb ausgegrenzt und diskriminiert. Ich erlebe aber, dass es für junge Menschen einfacher ist und dieses Stigma abnimmt. Es sind eher die älteren Bilder, die dafür sorgen, dass Aids ein schwieriges Thema ist.

Was meinen Sie damit?

Kawina: Ich meine damit Bilder aus Zeiten, in denen Aids nicht behandelbar und tödlich war. Heutzutage gilt eine behandelte Infektion mit HIV als chronische Erkrankung, die nicht mehr zum Tode führt.

Nimmt die Zahl der Neuinfektionen derzeit auch in Bezug auf Corona ab?

Kawina: Ja. Es gibt deutschlandweit noch Neuinfektionen, aber sie nehmen ab. Durch die Coronazeit hat es noch mal einen deutlichen Rückgang gegeben, einfach, weil Menschen weniger Sex hatten. Der Rückgang ist vor allem auf die Präventionsangebote zurückzuführen und auf die Tatsache, dass es neben dem Kondom noch andere Schutzmöglichkeiten gibt.

Welche denn?

Kawina: Menschen, die kein HIV haben, können prophylaktisch HIV-Medikamente einnehmen, um sich vor einer Ansteckung zu schützen. Das nennt man ,PrEP‘. Das schützt aber nicht vor anderen Geschlechtskrankheiten.

Sind diese anderen Geschlechtskrankheiten auf dem Vormarsch?

Kawina: Ja. Dies korreliert mit dem gestiegenen Testaufkommen – man erfasst dadurch mehr Infektionen wie Tripper, HPV, Chlamydien, Syphilis. Ziel der Deutschen Aidshilfe ist, das Testvolumen hochzufahren. Denn es gibt ungefähr 10 000 Menschen in Deutschland, die HIV haben, ohne es zu wissen.

Sie sprachen eben die Bedeutung der Präventionsarbeit an. Die Aidshilfe Wuppertal hat in Lennep ebenfalls einen Standort. Wie viele Menschen betreuen Sie dort?

Kawina: Ich habe bisher noch nicht viel Kontakt zu Menschen mit HIV gehabt, bislang waren es vier. Das große Problem ist, dass es in der Stadt keine medizinische Versorgung für Menschen mit HIV gibt, es gibt keine Schwerpunktpraxis. Das heißt, alle Remscheider sind extern angebunden.

Interviews der Woche im Überblick

Was bieten Sie in Ihrer Anlaufstelle an?

Kawina: Zum einen psychosoziale Beratung. Wenn jemand eine Neudiagnose gestellt bekommt, berate ich ihn dabei, wie er die Krankheit in sein Leben integrieren kann. Gleichzeitig biete ich aber auch Beratung für Familien, Angehörige und Freude an. Denn es entstehen häufig viele Fragen. Zum Beispiel: Kann ich schwanger werden? Wie kann ich ein Kind gebären? Außerdem besteht die Möglichkeit, nach Terminabsprache mit mir einen HIV-Schnelltest zu machen. Das Ergebnis gibt es innerhalb von zehn Minuten.

Für die Testperson ist der Test kostenfrei. Wer übernimmt die Kosten dafür?

Kawina: Aktuell übernehmen wir das als Aidshilfe – und wünschen uns dazu noch eine Finanzierungsunterstützung.

Was kostet ein Test?

Kawina: 4,50 Euro. Aktuell führen wir etwa einen Schnelltest pro Woche durch. Es gibt auch einen Selbsttest für zu Hause, der kostet 10,50 Euro. Wenn ich in Schulen gehe, erkläre ich den Schülerinnen und Schülern den Selbsttest. Es wäre das einfachste, ihnen diesen Selbsttest mitzugeben, weil die Hemmschwelle, hier nach Lennep zu kommen, zu groß ist. Aber die Finanzierung fehlt.

Wer könnte diese Selbsttests für Jugendliche finanzieren?

Kawina: Eigentlich das Gesundheitsamt der Stadt. Aber wegen Corona wurde das Testangebot in diesem Bereich eingestampft. Wir als Aidshilfe füllen diese Lücke. Die Testanfragen haben daher bei uns zugenommen.

„Junge Leute gehen ganz anders damit um.“

Jana Kawina zu geschlechtlicher Vielfalt

Eine direkte Auswirkung von Corona. Wie wirkt sich die Pandemie noch auf Ihre Arbeit aus?

Kawina: In den letzten zwei Jahren war es kaum möglich, sexuelle Bildung zu machen, weil ich nicht in Klassen oder Institutionen rein konnte. Es ist viel auf der Strecke geblieben. Und kaum aufzuholen.

Wie aufgeklärt sind die jungen Remscheiderinnen und Remscheider?

Kawina: Ich bin oft überrascht. Es gibt Jugendliche, die haben noch nie von HIV gehört und es gibt diejenigen, die mir bis ins kleinste Detail darüber etwas sagen können.

Ihre Arbeit in Remscheid hat Projektcharakter. Für wie lange ist sie gesichert?

Kawina: Zuletzt hatten wir ein Jahr und wieder ein Jahr Laufzeit, jetzt sind es zwei Jahre. Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales finanziert uns. Wir stellen dazu immer wieder Projektfolgeanträge. Es gibt keine langfristige Finanzierung, was die Arbeit schwierig macht. Es müsste eigentlich eine generelle Verankerung dieser Arbeit in der Stadt geben.

Der Bedarf wäre da?

Kawina: Ja, vor allem im Bereich der Prävention und der sexuellen Bildung. Ich mache ganz viel in diesem Bereich, zum Beispiel an Schulen. Für Schulen ist dies kostenlos. Ein anderes Angebot gibt es zu dieser Thematik sonst nicht in der Stadt. Dabei habe ich mich zu Schwerpunktthemen fortgebildet.

Was sind Ihre Schwerpunkte?

Kawina: Neben HIV und Geschlechtskrankheiten der Schwerpunkt geschlechtliche Vielfalt – und der ist in der Stadt überhaupt nicht vertreten, dazu gibt es keine Angebote. Wir als Aidshilfe stellen uns dazu neu auf. Das Thema geschlechtliche Vielfalt wird sehr stark nachgefragt.

Von wem?

Kawina: Von Schulen, von Fachkräften in jeglichen Settings, weil überall Menschen geschlechtlicher Vielfalt auftreten. Von Jugendwohngruppen, von Konfi-Gruppen. Viele fühlen sich einfach unsicher im Umgang mit vielfältigen Geschlechtern.

Was geben Sie den Schülern, den Jugendlichen, den Fachkräften mit auf den Weg?

Kawina: Zum einen, welche Variationen es für sie selbst im Rahmen geschlechtlicher Identität gibt. Dann geht es viel um Toleranz und Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft, dass Menschen nicht ausgegrenzt werden. Es ist aber auch schwierig, mit Andersartigkeit umzugehen. Ich glaube, wenn man das nicht thematisiert und nicht dafür sensibilisiert, dann funktioniert es auch nicht. Darüber sprechen wir in den Veranstaltungen, die ich mache. Erst kürzlich habe ich Schülerinnen und Schülern erklärt: Es geht nicht um normal oder unnormal, denn das ist eine Bewertung. Unnormal fühlt sich dann schlecht an. Es geht um häufig und nicht so häufig, es gibt noch ganz viele andere Varianten wie trans- oder pansexuell. In jeder Klasse existiert das Thema geschlechtliche Vielfalt, in ganz unterschiedlichen Varianten, das ist viel häufiger als früher. Und die jungen Leute haben einen ganz anderen Umgang damit. Bei älteren Leuten ist es schwieriger, weil sie anders sozialisiert sind.

Wie zeigt sich das?

Kawina: Oft werden Wörter benutzt, die sehr verletzend sind. Andere lehnen grundsätzlich den Kontakt ab, wahrscheinlich, weil sie unsicher im Umgang sind. Wir leben in einer Gesellschaft, die auf zwei Geschlechter ausgelegt ist – männlich und weiblich, und die heteronormativ ist. So sind wir alle geprägt. Das macht es schwierig für alle Menschen, die nicht in diese Kategorien passen. Häufig outen sich diejenigen nicht, sie führen ein verstecktes Leben, werden von der Familie ausgegrenzt. Und das ist hochbelastend. Daher begleite ich die Menschen auch bei ihrem Coming-out. Es ist legitim, dass dazu Fragen und Unsicherheiten auftreten, denn es ist einfach eine Riesen-Veränderung für die ganze Familie. Daher berate ich auch die ganze Familie gern.

Zur Person

Die gebürtige Wuppertalerin Jana Kawina (37) ist ausgebildete Krankenschwester. Während ihres Freiwilligendienstes in Südafrika arbeitete sie in einem Hospiz und in einem Friedensprojekt mit Aidskranken. Zudem studierte sie Ergotherapie. Bei der Aidshilfe Wuppertal hat die Mutter zweier Kinder eine 19,5-Wochenstunden-Stelle. Die Aidshilfe will sich im Bergischen breiter aufstellen – dabei soll auch der Name um die geschlechtliche Vielfalt erweitert werden.

www.aidshilfe-wuppertal.de

Kontakt

Es gibt keine festen Öffnungszeiten bei der Aidshilfe, Mollplatz 3. Jana Kawina vereinbart Ter- mine zu jeder Tageszeit telefonisch unter Tel. (01 76) 34 55 19 33 oder auch per E-Mail. j.kawina@aidshilfe.wtal.de

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