Nach Machtübernahme

Afghanistan: Stadt hat Platz für 500 Flüchtlinge

In der Klauser Delle finden vor allem Familien Platz. Auch hier gibt es noch freie Wohnungen für Flüchtlinge. Foto: Roland Keusch
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In der Klauser Delle finden vor allem Familien Platz. Auch hier gibt es noch freie Wohnungen für Flüchtlinge. Foto: Roland Keusch
  • Frank Michalczak
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Rathaus bereitet sich auf Ankunft von Menschen aus dem Krisengebiet vor

Remscheid. Die Stadt Remscheid bereitet sich auf die Ankunft von Flüchtlingen aus Afghanistan vor. Anders als im Jahr 2015 wollen die Verantwortlichen in der Lage sein, die Zuweisungen der Bezirksregierung Arnsberg frühzeitig vorzubereiten, um Situationen wie in der damaligen Pestalozzi-Schule zu vermeiden. Dort wurden quasi über Nacht Hunderte Menschen untergebracht, die nach einigen Tagen das Haus räumen mussten. Sie wurden in Reisebussen in andere Städte umquartiert, um neuen Flüchtlingen in der Lenneper Schule Platz zu machen.

Barbara Reul-Nocke erlebte diesen Vorgang vor Ort mit großer Betroffenheit mit und sieht in der aktuellen Krise die Stadt Remscheid in der Pflicht zu helfen. „Es geht hier um Menschen, die mit Leib und Leben bedroht sind“, hebt die Dezernentin hervor.

Frei Kapazitäten in den 170 Wohnungen und sechs Heimen

Derzeit könne die Stadt 500 Flüchtlingen ein Dach über den Kopf geben. Diese Zahl entspricht den freien Kapazitäten in den sechs Sammelunterkünften und 170 Wohnungen, die Remscheid für sie angemietet hat. Die freien Betten sind eine Reserve nach einer Phase, in der die Zahl der Asylbewerber deutlich abgenommen hat. Im ersten Quartal 2021 registrierte das Ausländeramt zwanzig Zuweisungen, sechs weniger als im gleichen Zeitraum des letzten Jahres. Ein weiterer Vergleich: 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, musste Remscheid insgesamt 1030 Menschen aufnehmen. Im Folgejahr waren es 725. Bis 2020 sank diese Zahl auf 108.

Inwiefern sich dieser Wert durch die Afghanistan-Krise wieder deutlich erhöhen könne, sei aus jetziger Sicht kaum kalkulierbar. „Es gibt ja Berichte, wonach bereits 20 000 Menschen in der Türkei angekommen sind. Es wird vieles davon abhängen, ob sie dort länger bleiben dürfen und ob sich die Europäische Union über einen Verteilungsschlüssel einigt.“, führt Barbara Reul-Nocke an.

Um aber für alle Eventualitäten gewappnet zu sein, prüfe die Verwaltung bereits Unterbringungsmöglichkeiten für den Fall, dass die freien 500 Plätze dann noch nicht ausreichen. Dazu würden bereits Gespräche mit Wohnungsunternehmen geführt, unter anderem der Gewag. Dabei gelte es die Frage zu klären, inwieweit sie möglicht schnell freien Wohnraum zur Verfügung stellen können.

Aber auch die Reaktivierung von Einrichtungen komme in Einzelfällen in Frage. Zuletzt hatte die Stadtverwaltung die Unterkunft am Talsperrenweg in Lennep aufgegeben. Ob eine Nutzung baulich noch möglich ist, werde geprüft.

Bei all dem fehle vor allem eines – Planungssicherheit: „Wir wissen ja nicht, wer zu uns kommt. Sind es vor allem Familien? Sind es alleinreisende Männer?“, erklärt die Dezernentin, die durch die Machtübernahme des Taliban-Regimes vor allem die Rechte von Mädchen und Frauen akut gefährdet sieht: „Wir müssen helfen.“

Jens Nettekoven blickt mit Sorge nach Afghanistan.

Standpunkt: Verlust aller Freiheiten

Kommentar von Frank Michalczak

frank.michalczak @rga.de

Es ist Gebot der Stunde, den vom Tod und Verfolgung bedrohten Menschen aus Afghanistan zu helfen – und ihnen nach der Machtübernahme der Taliban Asyl zu gewähren. Da zahlt es sich aus, dass die Stadt Remscheid nicht vorschnell Sammelunterkünfte aufgab oder Mietverträge für Wohnungen kündigte, die sie auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 und 2016 angemietet hatte. Niemand kann aus heutiger Sicht vorhersagen, wie viele Menschen vor den Taliban fliehen und wie viele davon in Deutschland ankommen. Gewiss ist aber, dass die Zahl der Flüchtlinge steigen wird, die in ihrer Heimat vor dem Nichts stehen – und keinerlei Perspektiven auf Besserung ihrer Situation haben. Das gilt insbesondere für all die Mädchen und Frauen, die in dem 38-Millionen-Volk künftig unter Unterdrückung und dem Verlust sämtlicher Freiheiten zu leiden haben. Jetzt steht Afghanistan weitweit im Zentrum der internationalen Schlagzeilen. Das Schicksal der Mädchen und Frauen darf in unserer schnelllebigen Zeit aber niemals vergessen werden. Im Gegenteil: Ihnen gebühren unsere Solidarität und unsere besondere Zuwendung.

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