Interview der Woche

„Wir sind so deutsch, dass man verzweifelt“

Dr. Bettina Stiel-Reifenrath sagt: „Wir könnten in der Pandemiebekämpfung so viel schneller sein.“ Foto: Roland Keusch
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Dr. Bettina Stiel-Reifenrath sagt: „Wir könnten in der Pandemiebekämpfung so viel schneller sein.“
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Dr. Bettina Stiel-Reifenrath organisiert die Corona-Impfungen in den Arztpraxen: Nach Ostern soll es losgehen, erzählt sie in unserem Interview der Woche.

Frau Dr. Stiel-Reifenrath, wann starten die Hausärzte in Remscheid mit dem Impfen gegen Corona?

Dr. Bettina Stiel-Reifenrath: Wir wollen nach Ostern mit dem Impfen in den Praxen der Haus- und Fachärzte beginnen. Dazu sollen uns im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein zunächst 150 000 Impfstoffdosen erreichen. Das reicht für 1500 Praxen, denn jede Praxis soll 100 Dosen pro Woche erhalten. Es könnte alles viel schneller gehen, denn insgesamt stehen im Rheinland 5000 Hausärzte und 3000 Fachärzte bereit, um die Menschen zu impfen.

Wie viele Remscheider Ärzte machen mit?

Stiel-Reifenrath: Das wissen wir noch nicht. Die Bereitschaft ist groß. So gut wie alle wollen in die Impfungen einsteigen. Doch nur ein Teil wird die Zulassung bekommen. Es fehlt der Impfstoff.

Nun ist Astrazeneca wieder zugelassen. Sind Sie froh darüber?

Stiel-Reifenrath: Ja, absolut. Astrazeneca ist gut verfügbar. Und es handelt sich um einen gut zu lagernden und gut zu verabreichenden Impfstoff.

Aber will ihn noch einer haben?

Stiel-Reifenrath: Mit dem vorübergehenden Impfstopp ist natürlich ein erneuter Imageverlust verbunden. Das hat allerdings auch mit der schlechten Informationspolitik der Bundesregierung zu tun. Natürlich war es richtig, den Impfstoff zu prüfen. Aber damit darf man doch nicht gleich wieder Ängste und Zweifel säen.

Sie halten Ängste und Zweifel für unbegründet?

Stiel-Reifenrath: Bislang wussten wir, dass mit Astrazeneca Nebenwirkungen wie grippeähnliche Symptome verbunden sein können. Das ist nicht schönzureden. Allerdings können auch mit anderen Impfstoffen Nebenwirkungen verbunden sein.

Nach welchen Prioritäten werden die Ärzte in den Praxen impfen?

Stiel-Reifenrath: Wir werden zunächst die Unter-70-Jährigen und chronisch Kranken impfen. Dazu erwarten wir klare Regeln, die einheitlich sind, so dass nicht jeder einzelne Arzt etwas anderes macht. Anderenfalls dürfte nämlich ganz bald der Vorwurf im Raum stehen, dass privilegierte Patienten womöglich bevorzugt werden. Diese unsägliche Diskussion würde ich uns allen gern ersparen.

Die Gefahr der Kindeswohlgefährdung sehe ich nach wie vor als sehr groß an.

Dr. Bettina Stiel-Reifenrath

Ein gewisser Ermessensspielraum bleibt Ihnen aber doch?

Stiel-Reifenrath: Einzelfallentscheidungen gibt es heute schon. Und das ist auch richtig so. Die Ärzte kennen ihre Patienten am besten. Und schließlich gibt es auch so etwas wie eine ethische Priorisierung.

Vor einem Jahr haben Sie dem RGA ein viel beachtetes Interview gegeben, in dem Sie früh in der Pandemie auf die Folgen der Vorsichtsmaßnahmen hingewiesen haben. Wie haben sich aus Ihrer Sicht die Kollateralschäden entwickelt?

Stiel-Reifenrath: Mir bereiten heute die Kinder und Jugendlichen die meiste Sorge. Nach einem Jahr Pandemie beobachte ich eine deutliche Zunahme von Angst- und Zwangsstörungen. Im Homeschooling wurden viele abgehängt, denn nicht jeder hat ein Zuhause mit einem guten Lernklima. Die Erstsemester an den Unis haben es schwer, überhaupt den Einstieg ins Studium zu finden. Praktika, Auslandsaufenthalte, Partys – nichts findet statt. Jeder Körperkontakt fehlt, und die Partnersuche ist ausgeschlossen. Dabei ist sie ein Grundbedürfnis in diesem Alter.

Und die Alten?

Stiel-Reifenrath: Haben ebenfalls das Gros ihrer sozialen Kontakte verloren. Denken Sie ans Kaffeekränzchen, aber auch an Rehasport. Nichts davon ist möglich, das heißt, viele Senioren sitzen allein in ihren Wohnungen.

Seit Beginn der Pandemie sind in Remscheid 134 Menschen mit beziehungsweise an Corona verstorben. Seit dem 27. Februar gibt es keinen hohen Anstieg mehr. Macht Ihnen das Mut?

Stiel-Reifenrath: Ja, denn das zeigt: Die Impfungen zeigen Wirkung. Deshalb müssen wir impfen, impfen und noch mal impfen.

Das machen die Israelis, die Briten, die Amerikaner.

Stiel-Reifenrath: Ja, die machen Strecke. Und wir verheddern uns einmal mehr in Details. Wir sind so deutsch, dass es einen manchmal verzweifeln lässt. Die Pandemie zeigt deutlich, wie wenig wir die notwendige Digitalisierung vorangetrieben haben und wie sehr wir an bürokratischen Strukturen festhalten.

Das Infektionsgeschehen nimmt wieder zu. War es dennoch richtig, die Kindergärten und Schulen wieder zu öffnen?

Stiel-Reifenrath: Ja, das war absolut richtig. Denn Kita und Schule sind wichtig zur Entlastung der Kinder und Familien. Sie geben ihrem Leben Struktur und sorgen dafür, dass Kinder weniger gefährdet sind. Die Gefahr der Kindeswohlgefährdung sehe ich nach wie vor als sehr groß an.

Machen Sie sich Sorgen auch in anderen Bereichen?

Stiel-Reifenrath: Ich weiß es nicht, aber ich bin wie damals auch heute in großer Sorge. Wie viele Suizide, wie viele Firmenpleiten, wie viele Arbeitslose, wie viele verwahrloste Kinder, wie viele psychische Schäden werden wir am Ende haben, um dem Virus Rechnung getragen zu haben?

Zur Person: Dr. Bettina Stiel-Reifenrath

Dr. Bettina Stiel-Reifenrath ist Hausärztin mit einer Praxis in Remscheid-Lennep. Als Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Remscheid ist sie zudem Mitglied des Corona-Krisenstabes der Stadt. Die 52-jährige Fachärztin für Allgemeinmedizin organisiert aktuell das Impfen gegen Corona in den Praxen der Haus- und Fachärzte.

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