Impfstoff

Ärzte werben für Serum von Astrazeneca

Prof. Dr. Winfried Randerath, Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien, verweist darauf, dass der Astrazeneca Impfstoff schützt. Foto:
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Prof. Dr. Winfried Randerath, Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien, verweist darauf, dass der Astrazeneca Impfstoff schützt.

Zuletzt erschienen alle Impfberechtigten zur Injektion – In der Vorwoche platzte noch jeder fünfte Termin

Von Axel Richter und Simone Theyßen-Speich

Remscheid. Dieses Mal waren alle erschienen, die einen Termin hatten: 398 Dosen des Impfstoffes von Astrazeneca verabreichten die Ärzte am Freitag, Samstag und Sonntag im Impfzentrum Reinshagen. In der Vorwoche hatten sie beinahe händeringend nach Abnehmern suchen müssen. Jeder fünfte Impfberechtigte sagte seinen Termin ab. Und das in einer Zeit, in der das Infektionsgeschehen in Remscheid wieder an Geschwindigkeit zulegte – getrieben auch von einer wachsenden Zahl von Virusmutationen.

Guido Eul-Jordan, Chef der Remscheider Feuerwehr und Einsatzleiter des Impfzentrums in der Sporthalle West, gelang es, die zurückgewiesenen Impfdosen an andere Impfberechtigte weiterzureichen.

„Fieber zeigt, dass der Körper Abwehrkräfte gegen die Viren aufbaut.“

Prof. Dr. Winfried Randerath, Lungenfachlinik Bethanien

Mittlerweile nehme die Skepsis gegenüber Astrazeneca zudem ab. Das Serum verliere den schlechten Ruf, der ihm wegen seiner Wirksamkeit und angeblich geringeren Verträglichkeit angeheftet worden sei, sagt Eul-Jordan. Wie beim Impfstoff der Firmen Biontech /Pfizer wirke auch hier der Faktor Zeit: „Je mehr Menschen berichten, dass sie die Impfung gut vertragen haben, desto mehr Menschen sind bereit, sich impfen zu lassen.“

Dennoch: Angesichts einer Inzidenzzahl, die in Remscheid mittlerweile wieder deutlich über 60 liegt, und angesichts eines Anstiegs bei den britischen Mutationen von 8 auf 33, sehen sich führende Mediziner zu Appellen veranlasst. Aus dem Remscheider Krisenstab war dazu am Montag noch nichts zu vernehmen. Wohl aber aus Solingen, wo bereits jeder dritte Berechtigte nicht zum Impftermin mit Astrazeneca erschienen war. Aus Sorge vor Nebenwirkungen, wie es dort heißt.

Prof. Dr. Winfried Randerath, Chefarzt der Solinger Lungenfachklinik Bethanien, in der auch Remscheider Covid-Patienten behandelt werden, versucht, den Menschen solche Ängste zu nehmen. „Reaktionen wie Abgeschlagenheit, Fieber oder Gliederschmerzen sind keine Nebenwirkungen, sondern Effekte der Impfung“, erklärt der Mediziner. „Das zeigt, dass der Körper Abwehrkräfte gegen die Viren aufbaut – und das kann halt anstrengend sein.“

Gleiche Reaktionen sind nach Expertenmeinung übrigens auch nach einer Impfung mit dem Serum von Biontech/Pfizer oder Moderna zu erwarten, das aber eher nach der zweiten Spritze.

Dabei sei Astrazeneca nicht weniger wirksam als andere Impfstoffe. Zwar ist eine Wirksamkeit von 70 Prozent angegeben. Das heißt aber nicht, dass drei von zehn Menschen trotz Impfung an Covid-19 erkranken. Bei der zugrundeliegenden Vergleichsstudie traten bei 1000 Geimpften drei Infektionen auf, bei 1000 Ungeimpften dagegen zehn. Die Wirksamkeit beträgt also 70 Prozent. Bei Impfstoffen mit einer Wirksamkeit von 90 Prozent traten in der 1000er Gruppe der Geimpften nur zwei Infektionen weniger auf.

Prof. Winfried Randerath fasst die Ergebnisse so zusammen: „Der Impfstoff von Astrazeneca leistet nach bisherigen Daten das, was uns am wichtigsten sein dürfte: Er schützt davor, schwer zu erkranken, nicht mehr selbst atmen zu können, den Geschmackssinn zu verlieren oder gar an der Infektion zu sterben.“

Neben den 398 Dosen Astrazeneca verimpften die Ärzte in der vergangenen Woche außerdem 504 Dosen Biontech. Davon zwei übrigens auch an Remscheider, die noch nicht an der Reihe gewesen wären. Wie Impf-Einsatzleiter Guido Eul-Jordan berichtet, waren die Dosen am Samstagabend übrig geblieben. Diejenigen, für die sie bestimmt waren, kamen nicht. Bevor das Serum verderben konnte – die aufgezogene Spritze ist nur sechs Stunden haltbar – gab Eul-Jordan sie zwei Polizisten im Streifenwagen. „Ich hoffe, das geht in Ordnung.“

33 Mutationsfälle

Die Zahl der Mutationsfälle ist von 8 auf 33 gestiegen. Laut Gesundheitsamt handelt es sich ausschließlich um die britische Mutationsvariante.

Stand heute wurden in Remscheid 7168 Impfungen vorgenommen. Wie viele Zweitimpfungen enthalten sind, ist unklar.

Standpunkt: Ärzterat ist überfällig

Ein Kommentar von Axel Richter

axel.richter@rga-online.de

Wo unkundige Schwätzer auf die Dummheit des Schwarms treffen, droht am Ende das Chaos. Die Verunsicherung rund ums Impfen gegen Covid-19 gibt dafür ein gutes Beispiel ab. Denn die Kakophonie von selbst ernannten Gesundheitsexperten, Verschwörungsideologen und anderen ungebetenen Ratgebern verfehlt ihre Wirkung nicht. Impfstoffe wie der von Astrazeneca geraten in Misskredit. Dabei ist das Serum des britisch-schwedischen Pharmaunternehmens nicht gefährlicher als jedes andere zugelassene Serum. Und es ist mit einer Wirksamkeit von 70 Prozent auch kaum weniger geeignet, der Pandemie ein Ende zu setzen als jedes andere zugelassene Serum. Doch statt denen Vertrauen zu schenken, die sich mit der komplizierten Materie auskennen, schenken nicht wenige Menschen den Vielsprechern in den Schwätzwerken des Internets Glauben. Wenn sich nun auch Remscheider Mediziner zu Wort melden wollen, um für die Coronaschutz-Impfung zu werben, so ist dies gut und im Übrigen überfällig. Es wird Zeit, den Schwätzern etwas entgegenzusetzen. In Solingen ist man diesbezüglich längst weiter.

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