Remscheider Ärztetag

Ärzte sagen vielen Kliniken einen Tod auf Raten voraus

Prof. Dr. Burkhard Sievers organisiert den Kongress. Foto: Anke Dörschlen
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Chefarzt Prof. Dr. Burkhard Sievers ist der Herzspezialist am Sana-Klinikum.

Mediziner diskutieren die Zukunft der Krankenhäuser und Praxen - Die Arbeit als Hausarzt gilt heute als unattraktiv.

Von Axel Richter

Remscheid. Corona hat die Schwächen des deutschen Gesundheitssystems aufgedeckt. Prof. Dr. Burkhard Sievers, Chefarzt der Klinik für Kardiologie, Angiologie, Pneumologie, Nephrologie und Intensivmedizin am Sana Klinikum Remscheid, spricht gar von einem Versagen. Um auf kommende Pandemien besser vorbereitet zu sein, fließt jetzt viel Geld in die Krankenhäuser. Aber bedeutet die Geldspritze für manche alte Klinik nicht nur einen langsameren Tod auf Raten?

Unter anderem diese Frage diskutierte der Herzspezialist am Wochenende auf dem Remscheider Ärztetag. Zwischen 1300 und 1500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, überwiegend Klinikärzte, niedergelassene Mediziner, Pflegekräfte- und Fachpersonal, folgten den Fachvorträgen zu neuen Entwicklungen bei der Behandlung von Erkrankungen des Herzens, der Nieren, der Lunge, des Kreislaufes oder zur Diabetes.

In der Pandemie fand der Kongress zum zweiten Mal nur online statt. Burkhard Sievers, der das Treffen organisierte, zeigt sich zufrieden. „Unser Ärztetag ist heute eines der größten Meetings überhaupt. Die Resonanz zeigt, wie groß das Bedürfnis nach Vernetzung ist.“

Kliniken zwischen sprechendem Aufzug und Rohrpost

Mit Coronahilfen in Höhe von 4,3 Milliarden Euro wollen Bund und Länder die Digitalisierung und Vernetzung vorantreiben sowie die stationäre Notfallversorgung modernisieren. Dabei ist es alles andere als sicher, dass die damit bedachten Kliniken in einigen Jahren überhaupt noch am Netz sind. Denn Studien sagen: Es gibt zu viele Krankenhäuser in Deutschland.

Zudem befinden sich die Kliniken auf unterschiedlichem Niveau. Plastisch schilderte das Dr. Steffen Hehner von der Unternehmensberatung McKinsey: „Wir haben Kliniken, die haben selbstverständlich längst den sprechenden Aufzug. Und wir haben Kliniken, die schaffen gerade mal die Rohrpost ab.“

Erweisen sich die Coronahilfen deshalb nur als Tropfen auf den heißen Stein? Verzögern sie am Ende das Kliniksterben nur?

Viele Krankenhäuser und Kliniken in Deutschland schließen

Die dunkelsten Prophezeiungen dazu treten bereits ein. In Solingen schließt die katholische Kplus-Gruppe die St. Lukas-Klinik. Die Gründe sind wirtschaftlicher Natur. Das Krankenhaus müsste saniert werden, doch das ist für den Betreiber „wirtschaftlich nicht darstellbar“.

Ähnlich ergeht es vielen Häusern. Die Landesregierung will mit einer Krankenhausplanung gegensteuern. Nicht jedes Krankenhaus muss alles machen, heißt die Devise. Die Kliniken sollen sich spezialisieren. Doch Schließungen sind nicht ausgeschlossen.

Auch in Remscheid, auch im Bergischen Land? Auf dem Remscheider Ärztetag ergriff Prof. Dr. Jörg F. Debatin vom Bundesministerium für Gesundheit Partei für die Patienten. „Gerade im ländlichen Raum sind die Menschen sensibilisiert“, erklärte er. „Wir sollten den Wunsch der Menschen nach einer Vorort-Versorgung ernst nehmen.“

Corona hat die Schwächen des deutschen Gesundheitssystems aufgedeckt. Das allerdings auch nicht nur in der stationären Versorgung. Praxen schließen und finden keinen Nachfolger. Auch in Remscheid.

Ärztetag-Chef Burkhard Sievers sieht dafür mehrere Gründe. Fehler bei der universitären Ausbildung zum Beispiel. Und: „Wir haben es heute mit einer jungen Generation zu tun, die einen hohen Anspruch an die Work-Life-Balance haben.“ Die jungen Ärzte möchten angestellt arbeiten, bei einer überschaubaren Stundenzahl und ohne unternehmerische Risiko. Hinzu komme: „Der Arzt-, aber auch der Pflegeberuf hat an sozialem Ansehen verloren“, sagt Sievers. Und das nicht erst in der Pandemie, in deren Verlauf die Zahl der selbst ernannten Experten für medizinische Fragen allerdings sprunghaft in die Höhe schoss.

Standpunkt: Noch ist es harmlos

Kommentar von Axel Richter

axel.richter@ rga.de

Schon heute fehlt es in Remscheid an Hausärzten. Dabei ist alles noch harmlos. Für das Jahr 2030 prognostiziert das NRW-Gesundheitsministerium für Remscheid, Solingen und Wuppertal einen Versorgungsgrad von noch 82 Prozent. Was das für die Patienten bedeutet, lässt sich ermessen, wenn man weiß, dass der Versorgungsgrad aktuell bei 101,2 liegt, die Remscheider auf dem Papier also mit Hausärzten überversorgt sind. Eine junge Ärztin, die heute eine Praxis übernimmt, geht also kein Risiko ein, denn die Patienten stehen Schlange. Doch die eigene Praxis ist für viele Studierende schon lange kein Traum mehr. Weil sie mit viel Arbeit und Verantwortung verbunden ist und sich beides weniger als zuvor im sozialen Ansehen widerspiegelt. Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Im Studium steht die Allgemeinmedizin kaum im Fokus. Es fehlt an Studienplätzen. Und dann wird den jungen Menschen, die Medizin studieren wollen, um Hausarzt zu werden, der Einstieg mit einem Numerus clausus von 1,0 in NRW noch unnötig schwer gemacht. Dabei sagt der vermutlich am wenigsten darüber aus, ob jemand ein guter Arzt wird oder nicht.

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