Coronavirus

Ärzte müssen ersten Impfstoff wegwerfen

Vito Montuori schlägt Alarm: Am Dienstag nächster Woche laufen 50 Dosen Biontech ab. Weitergeben darf er sie nicht. Foto: Roland Keusch
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Vito Montuori schlägt Alarm: Am Dienstag nächster Woche laufen 50 Dosen Biontech ab. Weitergeben darf er sie nicht.
  • Axel Richter
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Weil sich zu wenig Menschen schützen lassen, drohen Dosen zu verfallen – Teams wollen Berufsschulen ansteuern.

Remscheid. Es ist ein schon beinahe verzweifelter Appell, den Vito Montuori an die Remscheider richtet. „Wenn sich nicht mehr Menschen impfen lassen, müssen wir am 10. August die ersten 50 Dosen wegschmeißen“, sagt der Hausarzt. Das ist Dienstag kommender Woche. Findet der Biontech-Impfstoff bis dahin keine Abnehmer, ist er abgelaufen und muss entsorgt werden. Weitergeben dürfen die Ärzte die übrig gebliebenen Chargen nicht. Und das, obwohl die Menschen in armen Ländern auf Impfstoff warten.

Montags bis freitags von 8 bis 11 Uhr bietet Montuoris Gemeinschaftspraxis an der Bismarckstraße deshalb jetzt Impfungen ohne Terminabsprache an. Wer kommt, wird geimpft, der Stoff muss weg, denn am 17. August verfallen bereits die nächsten Dosen.

Dass er die vor dem Coronavirus schützenden Vakzine einst anbieten muss wie sauer Bier, hätte der Allgemeinmediziner nicht für wahrscheinlich gehalten. Doch schon vor den Sommerferien zeichnete sich ab, dass nicht wenigen Remscheidern die Urlaubsreise wichtiger wurde als der Termin für die angeratene Zweitimpfung. „Viele haben ihn nicht wahrgenommen“, berichtet Montuori.

Zahl der Erstimpfungen sinkt

Vor allem aber sinkt die Zahl der Erstimpfungen. Gerade einmal 781 Menschen ließen sich in der vergangenen Woche in Remscheid die erste Dosis spritzen. Ende Juni lag die Zahl der Erstimpfungen noch bei 3000. Am Rückgang änderte auch die Öffnung der Impfkampagne für Kinder im Alter von 12 bis 15 Jahren wenig. Zum Auftakt am Samstag impften die Ärzte 80 Minderjährige, am Sonntag waren es noch 40, am Montag 19 und am Dienstag sank die Zahl auf 13. Immerhin: Gestern ließen sich 26 Kinder im Impfzentrum impfen.

Experten wie Prof. Dr. Winfried Randerath, Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien in der Nachbarstadt Solingen, sehen die Entwicklung mit Sorge. „Leider sind immer noch viele Menschen nicht geimpft. Das betrifft vor allem die jungen Erwachsenen, aber auch Schülerinnen und Schüler.“ Randerath warnt deshalb vor neuen Virusmutationen: „Sie können zu neuen Infektionen und eventuell auch Erkrankungen führen, vor allem bei Ungeimpften. Aber auch Geimpfte können sich wieder infizieren, vor allem, wenn der Schutz nachlässt.“

Virusmutationen können zu neuen Infektionen führen. Auch bei Geimpften

Prof. Dr. Winfried Randerath, Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien

Der Mediziner hält deshalb Auffrischungsimpfungen für sinnvoll. Zumal jetzt mehr als ausreichend Impfstoff vorhanden ist. Oder gar weggeworfen werden muss. Der Corona-Krisenstab hat die Planungen für die Drittimpfungen im Herbst bereits aufgenommen, aber auch die Bequemen und Unentschlossenen noch nicht aufgegeben.

„Wir müssen uns jetzt vor allem um die Jüngeren kümmern“, sagt Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) und will nach den Schulferien mit einem Impfmobil zunächst die Berufsschulen ansteuern. Ein neuer Erlass des Landes macht es möglich. An den weiterführenden Schulen und auch in den sogenannten sozialen Medien will die Stadt Remscheid außerdem für das Impfen werben.

Stadt bietet weitere Impfaktionen vor-Ort an

Dazu kündigt die Stadt weitere Vor-Ort-Aktionen in Remscheid an. Am Samstag etwa steht ein Impfteam am Allee-Brunnen, um die Einkäufer zu impfen.

„Wir bringen den Impfstoff zu den Menschen“, sagt Mast-Weisz. Aber: „Ich erwarte auch, dass jeder selbst den Hintern hoch bekommt. Und ich sage auch allen: Du willst Deine Freiheiten behalten, Du willst keinen Lockdown mehr, Du willst wieder Menschen treffen, du willst keine Ausgangssperre mehr, dann hilf jetzt mit und lass Dich impfen.“

Im Impfzentrum sind sie nach wie vor stolz darauf, bislang keinen Impfstoff weggeworfen zu haben. „Kein Tropfen geht verloren“, hatte Einsatzleiter Guido Eul-Jordan wieder und wieder betont. Die Frage bleibt, wie lange er dieses Versprechen aufrecht halten kann.

Reiserückkehrer

In Remscheid verharrt die Sieben-Tage-Inzidenz unverändert auf niedrigem Niveau. In Solingen liegt sie dagegen bei 64,7.

Als Quelle für den Anstieg in Solingen gelten Reiserückkehrer. Warum sie in Remscheid nicht zu höheren Zahlen geführt haben, ist unbekannt.

Standpunkt: Das geht uns alle an

Kommentar von Axel Richter

axel.richter@ rga.de

Nur wenige Eltern lassen ihre Kinder gegen Corona impfen. Das ist nachvollziehbar, denn zuallererst darf ein solcher Akt der Solidarität nicht von Kindern, sondern von uns Erwachsenen erwartet werden. Viele Ältere sind der Aufgabe nachgekommen. Doch insbesondere in der jüngeren Generation tun viele gerade so, als ginge sie das alles nichts an. Selbst schuld, wenn sie sich anstecken. Das ist man geneigt zu sagen. Die Sache hat nur einen Haken. Wer sich impfen lässt, schützt nicht nur sich selbst, sondern auch andere. Heißt im Umkehrschluss: Wer sich nicht impfen lässt, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch andere. Dafür gibt es keine Rechtfertigung. Wir verfügen heute über Impfstoffe, die so sicher sind, wie Impfstoffe eben sein können. Ihr Nutzen überwiegt ihren Risiken deutlich. Wer die Impfung verweigert, handelt deshalb unsolidarisch. Unsolidarisch gegenüber allen, die sich nicht impfen lassen können. Den Kindern gegenüber zum Beispiel, für die es noch gar keinen Impfstoff gibt. Die Entscheidung, sich impfen zu lassen, ist deshalb keine Entscheidung, die nur den Einzelnen etwas angeht. Es ist eine Entscheidung, die uns alle angeht.

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