Nur noch zwei Arztpraxen

Schwangerschaftsabbruch: Die ärztliche Versorgung hat nachgelassen

Paragraf 218 muss aus dem Strafgesetzbuch gestrichen werden, findet Kerstin Hohs. Sie berät in Schwangerschaftskonflikten. Foto: Roland Keusch
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Paragraf 218 muss aus dem Strafgesetzbuch gestrichen werden, findet Kerstin Hohs. Sie berät in Schwangerschaftskonflikten.

Pro Familia kann in Remscheid nur noch an zwei Praxen verweisen.

Von Timo Lemmer

Remscheid. Die Frauen, die zu Kerstin Hohs in die Schwangerschaftskonfliktberatung kommen, befinden sich gewöhnlich in einem emotionalen Chaos. Es sei eine Ausnahmesituation, einen Schwangerschaftsabbruch in Erwägung zu ziehen, betont die Psychologin und systematische Familientherapeutin. Das müsse deutlich bedacht werden, wenn über „dieses Thema, das endlich aus der Ecke raus muss, über die man nicht spricht“, debattiert oder gar geurteilt werde. Das habe neben gesellschaftlichen Diskursen über das Für und Wider allen voran eine rechtliche Dimension, sagt Hohs (siehe unten).

Sie arbeitet bei Pro Familia. Die Beratungsstelle in Alt-Remscheid ist eine von zwei Anlaufstelle in der Stadt, wenn Frauen über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenken. Dort gibt es die notwendigen Informationen, also Aufklärung, aber auch eine Liste mit durchführenden Ärzten in Remscheid und Umgebung sowie die Bescheinigung über die Beratung. Die braucht es nach Paragraf 219, ehe frühestens drei Tage später ein Abbruch vorgenommen werden kann.

Seit über 150 Jahren gelten Schwangerschaftsabbrüche als Straftat

Wie groß der Prozentsatz der Frauen ist, die nach der Beratung abbrechen oder nicht abbrechen, kann Hohs nicht sagen – in diese Entscheidung ist die Beratungsstelle nicht involviert, sie informiert lediglich. Darüber hingegen muss anonymisiert Statistik geführt werden: So hat es nur bei Pro Familia 2021 in Remscheid 259 Erstgespräche zu einem Schwangerschaftskonflikt gegeben. „Zwölf Personen davon waren zu zwei oder mehr Gesprächen bei uns“, sagt Hohs.

Die Versorgungslage in Remscheid war schon mal besser.

Kerstin Hohs über die medizinische Versorgung bei Abbrüchen

Hohs bilanziert, dass sich die ärztliche Versorgungslage für Frauen, die dann tatsächlich einen Abbruch durchführen wollen, in den letzten Jahren verschlechtert hat. Zum einen sind es nur noch zwei Arztpraxen, an die Pro Familia im Stadtgebiet verweisen kann – eine davon steht auch auf der öffentlichen Liste der Bundesärztekammer. Hierauf können sich Praxen und Kliniken freiwillig eintragen lassen, um die Suche zu erleichtern. „Das ist ein wichtiger Punkt für viele Frauen, die zu uns kommen: Sie brauchen vor allem Informationen“, sagt Hohs. Sie betont aber auch: „Klar ist aber auch, dass nicht jede Frau in einem Konflikt steckt, sondern manchmal die Entscheidung längst klar ist. Während manche kommen, weil sie zu einem Abbruch tendieren, kommen andere nur, weil sie müssen.“ Je nach Anliegen – klarer Konflikt, kein Konflikt oder Informationsbedarf zu Ärzten oder Methoden – richte sich das meist einstündigen Gespräch. Das bestätigt auch die zweite zugelassene Beratungsstelle, die Diakonie in Lennep.

Zurück zur Versorgungslage bei Entscheidung pro Abbruch: Zum anderen werden die entsprechenden Eingriffe – bis zur neunten Woche gibt es noch einen medikamentösen Weg – seltener angeboten als früher: „Inzwischen gibt es alle zwei Wochen einen solchen OP-Tag. Vor zehn Jahren waren es noch ein bis zwei pro Woche.“ Das schränke den Zeitkorridor zur Entscheidungsfindung – Abbruch spätestens in der zwölften Woche – weiter ein. Insgesamt sagt Hohs: „Es ist so, dass die Versorgungslage in Remscheid schon mal besser war.“

Dass nun Paragraf 219a („Werbeverbot für Abtreibungen“) gestrichen werden wird – so wurde es in Berlin vereinbart – ist für Christel Steylaers eine überfällige Entscheidung. Der Paragraf sei nicht mehr zeitgemäß. Doch die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt fordert noch mehr: „Momentan haben wir rechtlich die Situation, dass ein Schwangerschaftsabbruch nach Beratung laut Paragraf 218 rechtswidrig, aber straffrei ist. Das Thema gehört nicht ins Strafrecht. Beratung und Hilfe gehören nicht ins Strafrecht.“ Von Hohs erntet sie Zustimmung: Im Strafgesetzbuch „in Nachbarschaft zu Mord und Totschlag“ zu stehen, verschärfe die Ausnahmesituation für der Frauen.

Verhütung: Städtischer Fonds hilft bedürftigen Frauen.

Hintergrund

Meinung: „Es ist wichtig, dass Frauen, die eine Schwangerschaft abbrechen, nicht unter Strafe gestellt sind.“ Das erhöhe den ohnehin vorhandenen Druck durch die schwere Entscheidung weiter, erklärt Christel Steylaers. „Wir sollten die Entscheidung jederzeit respektieren. Das müssen wir als Gesellschaft 2022 hinbekommen.“

Forderung: Steylaers und ihre Kolleginnen der Bundeskonferenz der kommunalen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten haben einen Beschluss gefasst, der unter anderem beinhaltet, die Paragrafen 218/219 aus dem Strafgesetzbuch zu streichen und durch ein Gesetz zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit zu ersetzen.

Diakonie: Seit 16 Jahren berät auch die Diakonie und darf als zweite Stelle die notwendige Bescheinigung ausgeben. Etwa 45 Erstgespräche pro Jahr führen Maren Wunderlich-Gerwers und Iris Nigbur. Sie bestätigen: Die Versorgung in Remscheid hat abgenommen. Ein Grund: Wenn Gynäkologen in Rente gingen, würden die Nachfolger die Behandlung oft nicht mehr anbieten.

Standpunkt: Zeit für Neuausrichtung

Ein Kommentar von Timo Lemmer

timo.lemmer@rga.de

Die Beraterin von Pro Familia sowie die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt finden, dass die Paragrafen des Strafgesetzbuchs, in denen Schwangerschaftsabbrüche für rechtswidrig erklärt werden, bei Einhaltung von gewissen Bedingungen aber straffrei bleiben, nicht mehr zeitgemäß sind – ebenso das „Werbeverbot“. Gleichermaßen „parteiisch“ klingt der Auftrag, den eine zugelassene Beratungsstelle wie Pro Familia mit ihren Schwangerschaftskonfliktberatungen erfüllen sollen: Sie sollen „zum Schutz des ungeborenen Lebens beraten“. Das klingt nicht eben neutral und ergebnisoffen. Zwischen Theorie (hier: Schriftform) und Praxis, also der wirklichen Beratung, klafft aber eine Lücke. Pro Familia versteht sich als neutrale Beratungsstelle, die alle möglichen Implikationen einer Entscheidung aufzeigen möchte – aber eben auch das Selbstbestimmungsrecht der Frauen stärkt. Denen ist eine Abtreibung bisher nur bei medizinischen Risiken oder Vergewaltigung gesetzlich erlaubt. Der entsprechende Paragraf hat (mit Modifizierungen wie der Indikationsregelung vor nunmehr auch bald 50 Jahren) über 150 Jahre auf dem Buckel hat. Zeit für eine Neuausrichtung.

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