Alphabetisierung

8000 Remscheider können nicht richtig lesen und schreiben

Das ALFA-Mobil machte gestern in der Alleestraße Halt und informiert über Lese- und Schreibkurse für Erwachsene in Remscheid. Andrea Achenbach (von links), Oliver Meise und Mariola Fischer standen als Gesprächspartner bereit. Foto: Michael Schütz
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Das ALFA-Mobil machte am Montag in der Alleestraße Halt und informiert über Lese- und Schreibkurse für Erwachsene in Remscheid. Andrea Achenbach (von links), Oliver Meise und Mariola Fischer standen als Gesprächspartner bereit.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
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Volkshochschule, Schlawiner, Lebenshilfe und Vollzugsanstalt bieten Alphabetisierungskurse in Remscheid an.

Remscheid. Oliver Meise ist 45 Jahre alt. Bis zu seinem 39. konnte er weder richtig schreiben noch lesen. „Ich habe gelogen, gelogen und gelogen, um irgendwie durchs Leben zu kommen“, sagt der Mann aus Essen, der am Montag auf der oberen Alleestraße stand, um auf Menschen wie ihn aufmerksam zu machen. Denn davon gibt es viele. Mehr als 8000 sind es allein in Remscheid.

„Ich habe meine Brille nicht dabei. Ich habe mir die Hand verstaucht. Diese Schrift ist zu klein für mich.“ Das sind typische Ausreden von Menschen, die damit ihre Schwächen beim Lesen und Schreiben verstecken. Dabei legen sie einen enormen Einfallsreichtum an den Tag, einige verlassen die Schule sogar mit Abschluss, gehen in die Lehre, werden von ihrem Arbeitgeber übernommen. Verbunden ist das natürlich immer mit der Angst davor, eines Tages aufzufliegen als einer, der nicht lesen und schreiben kann.

„Ich lerne weiter und muss mich nicht mehr verstecken.“

Oliver Meise

Migranten sind dabei, die zwar seit Jahrzehnten in Deutschland leben und arbeiten, die deutsche Sprache aber nie gelernt haben. Mehr als die meisten gering literalisierten Erwachsener, wie die Menschen mit Lese- und Rechtschreibschwäche auch genannt werden, haben allerdings Deutsch als Muttersprache. Nur gelernt haben sie sie nicht.

„Die Gründe dafür sind vielfältig“, sagt Anja Westfal: „Oft sind sie familiärer Natur.“ Die Diplom-Sozialarbeiterin bei den Schlawinern in Lüttringhausen, kennt die Lebensgeschichten der Menschen. In Klausen bietet sie einen für die Betroffenen kostenlosen Kursus „Grundlagen des Lesens und Schreibens“ an. Ohne Anmeldung und auf der Ebene einfacher Sätze. „Mit Schule hat das nichts zu tun“, sagt Anja Westfal.

Die sechs Teilnehmer, die sich erstmals vor Einsetzen der Corona-Pandemie im Quartierstreff Klausen trafen, kochen gemeinsam, unternehmen Ausflüge und versuchen dabei, einen Zugang zur Schrift zu entwickeln, indem sie sich Rezepte oder den Busfahrplan erschließen.

Federführend für die Alphabetisierung in Remscheid ist die Volkshochschule (VHS) beziehungsweise Isabella Schunn, Leiterin des Bereichs Grundbildung und Alphabetisierung. Seit 1982 unterbreitet die VHS entsprechende Angebote. Neben den Schlawinern kooperiert sie dazu mit der Lebenshilfe in Lennep und der Justizvollzugsanstalt in Lüttringhausen.

„Es geht um die Vermittlung von Lebensgrundlagen“, sagt Isabella Schunn. Doch in der Politik haben Analphabeten, Legastheniker oder eben gering Literalisierte nur eine geringe Lobby. Dabei geht es um Geld. Die Angebote zur Alphabetisierung sollten kostenlos sein und bleiben, fordern die Aktivisten.

Deshalb stand mit dem Alfa-Mobil des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung am Montag auch Oliver Meise aus Essen auf der Alleestraße. Remscheider, die wie er weder Schreiben noch Lesen gelernt haben, hatten sich das nicht getraut. „Zu Anfang habe ich mich auch geschämt“, sagt Meise. Heute spricht er offen über seine Schwäche.

Die Grundlage dafür sieht er in der eigenen Familie. Schon die Großeltern und die Eltern konnten nicht richtig schreiben und lesen. Sollte er sich in der Schule mit Buchstaben beschäftigen, bekam er Kopfschmerzen. Bis zur neunten Klasse hielt er das aus, dann folgte eine Lehre zum Garten- und Landschaftsbauer.

Irgendwann aber mochte der alleinerziehende Vater sich nicht länger durchs Leben mogeln. Das war vor sechs Jahren. Seither besucht er jeden Kursus, an dem er teilnehmen kann. Dazu will er anderen Mut machen, es ihm gleichzutun. „Ich mache zwar immer noch Fehler“, sagt er. „Aber ich lerne weiter, und ich muss mich nicht mehr verstecken.“

Mehr Deutsche

Das Klischee vom arbeitslosen und sozial isolierten Analphabeten ist falsch. Das zeigen diverse Studien. Danach weisen 76 Prozent der Betroffenen einen Schulabschluss auf. 62,3 Prozent gehen einer Erwerbsarbeit nach.

Auch handelt es sich überwiegend nicht um Migranten. 52,6 Prozent haben Deutsch als Muttersprache.

Allerdings sind mit 58,4 Prozent mehr Männer als Frauen betroffen. Und dazu mehr ältere als jüngere Menschen.

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