Alu-Figuren weisen auf Lehrermangel hin

4000 Lehrkräfte fehlen in NRW: Protestaktion der GEW auf der Alleestraße

Protestaktion auf der Alleestraße: Die Gewerkschafter GEW macht auf den Lehrermangel aufmerksam, zusammen mit 20 lebensgroßen Alu-Figuren. Foto: Roland Keusch
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Protestaktion auf der Alleestraße: Die Gewerkschafter GEW macht auf den Lehrermangel aufmerksam, zusammen mit 20 lebensgroßen Alu-Figuren.

Protestaktion der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) auf der Alleestraße.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Etwa 295 Lehrerstellen gibt es aktuell an Remscheider Grundschulen. Nur etwas mehr als 271, also 92 Prozent, davon sind besetzt. Nicht viel anders geht es an den Förderschulen in der Stadt zu. Hier liegt die sogenannte Personalausstattungsquote bei 92,5 Prozent. Was auf dem Papier recht nüchtern daherkommt, hat für Schüler wie Lehrkräfte weitreichende Auswirkungen, sagt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) – und hat deswegen die landesweite Protestaktion #IhrFehlt ins Leben gerufen. Die machte am Mittwoch in Remscheid Station.

Zusammen mit 20 lebensgroßen Alu-Figuren, stellvertretend für die 4000 Lehrkräfte, die laut GEW in NRW fehlen, postierten sich die Gewerkschafter auf der Alleestraße, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Man wolle mit den Menschen ins Gespräch kommen, sagt Ute Brocke vom Leitungsteam der Remscheider GEW: „Vielleicht mit jungen Familien, deren Kinder demnächst in die Schule kommen.“ Die sollen erfahren, wie es dort derzeit aussieht.

Denn selbst die Personalquote von 92 Prozent sei noch geschönt, sagt Brocke. Darin seien auch Quereinsteiger erfasst. Menschen also, die zum Beispiel Kunst, Musik oder Sport studiert haben, aber eben nicht auf Lehramt, und dann zu Lehrern nachqualifiziert werden sollen. „Die durchlaufen eine neunmonatige Pädagogische Einführung und zählen danach als vollwertige Kraft“, sagt Ute Brocke. Und würden dann auch Fächer unterrichten, die sie gar nicht studiert haben.

Ähnlich laufe es teilweise bei Sozialpädagogen, die bei der Inklusion Aufgaben von Sonderpädagogen übernehmen, berichtet GEW-Vertreterin Diana Ikemeyer. „Auf dem Papier sieht es deswegen in Remscheid gar nicht so schlecht aus.“ Doch die Realität sei teilweise eine andere. Weswegen Ute Brockes Urteil lautet: „Da greift die Landesregierung in die Trickkiste.“

Die zuständige Bezirksregierung Düsseldorf verweist hingegen darauf, dass eine rechnerisch zu geringe Personalausstattung nicht automatisch bedeute, dass der Unterrichtsbedarf einer Schule nicht gedeckt sei: „Schulen sind grundsätzlich dann auskömmlich mit Lehrpersonal ausgestattet, wenn mit der Personalausstattung die Unterrichtsversorgung unter Umständen beispielsweise auch durch Vertretungsregelungen gewährleistet werden kann“, sagt eine Sprecherin. Zumal es weitere Lehrkräfte gebe, die der Schule zwar nicht direkt zugeordnet seien, trotzdem aber deren Personalsituation verbessere. „Hierzu zählen beispielsweise die Vertretungsreserve Grundschule oder Lehrkräfte für den herkunftssprachlichen Unterricht.“

Die GEW berichtet hingegen davon, dass an vielen Schulen nur noch die absolut notwendige Stundentafel abgebildet werde könne. „Alle zusätzliche Förderung fällt aus“, sagt Sonderpädagogin Ikemeyer. Das sei gerade in Zeiten von Corona fatal, sagt Ute Brocke: „Kinder, die zu Hause nicht genug unterstützt werden, fallen schnell durchs Raster.“

Gründe für den Mangel gibt es viele, sind sich die örtlichen GEW-Vertreter einig. Zu wenig Studienplätze und zu wenig Stellen zum Beispiel. „Lange Jahre ist zu wenig eingestellt worden“, sagt Ute Brocke. Auch die Bezahlung, die für Grundschullehrer unter denen der weiterführenden Schulen liegt, gehöre dazu.

Das zu ändern, das fordere die Gewerkschaft schon seit mehr als 20 Jahren, sagt Brocke. „Deswegen haben wir auch bewusst darauf verzichtet, Politiker einzuladen.“ Schließlich sei die aktuelle Landesregierung das Problem bisher genauso wenig angegangen wie ihre Vorgänger. „Und wir brauchen niemanden, der uns hier irgendwas verspricht, was später dann doch nicht kommt.“

Hintergrund

Laut Bezirksregierung verfügen alle allgemeinbildenden Schulen in Remscheid zusammen über fast 1128 Lehrerstellen, sogenannte Vollzeitäquivalente, die zum Teil bei einer Teilzeit auf mehrere Personen aufgeteilt sind. Etwas mehr als 1062 sind davon derzeit besetzt. Besonders gut ist die Quote an der letzten Remscheider Hauptschule (104,75 Prozent) und an den Gymnasien (98,83). Die Realschulen stehen hingegen am schlechtesten da (86,84 Prozent).

Standpunkt: Ein ewiges Geheimnis

Kommentar von Sven Schlickowey

sven.schlickowey@rga.de

Dass Maschinen wiederkehrende Arbeiten ausdauernder und präziser ausführen können als Menschen, ist seit vielen Jahrzehnten Realität. Dass sie auch Aufgaben wie Auto fahren, Anrufe beantworten und Datenanalyse übernehmen, ist ebenfalls keine Zukunftsvision mehr, das passiert gerade. Was uns Menschen dann noch bleibt, sind Führung, Planung, Entwicklung – kurzum: Tätigkeiten, die ein gewisses Maß an Kreativität erfordern. Schreiben, lesen und rechnen allein werden in so einer Welt nicht ausreichen. Doch viel mehr ist an mancher Grundschule kaum mehr drin, glaubt man der Gewerkschaft. Dass Schulen als grundsätzlich handlungsfähig gelten, solange irgendwie der Unterricht stattfindet, ist da nur ein schwacher Trost. Warum gerade in Schulen, in Gebäude und Ausstattung wie in Lehrkräfte, seit vielen Jahren so wenig investiert wird, bleibt wohl ein ewiges Geheimnis der Politik, gleich welcher Couleur. Doch genau das wird uns in nicht allzu ferner Zukunft ganz gewaltig auf die Füße fallen.

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