Radfahren in Remscheid

Der Fahrrad-Test: Abgase in der Nase und Schlaglöcher

Als Fahrradfahrerin im dichten Stadtverkehr muss man ganz schön aufpassen. Nicht jeder Autofahrer sieht mich.
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Als Fahrradfahrerin im dichten Stadtverkehr muss man ganz schön aufpassen. Nicht jeder Autofahrer sieht mich.
  • Melissa Wienzek
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RGA-Redakteurin Melissa Wienzek steigt für den Arbeitsweg vom Auto aufs Fahrrad um. Ihre Erfahrungen zwischen 251 Höhenmetern.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. 8.20 Uhr, Lagebesprechung mit mir selbst in der Einfahrt: Die Flecht-Frisur unterm Helm sitzt, der Akku ist geladen, Smartphone, Stift und Block sind eingepackt. Der bergische Himmel meint es heute gut – danke, Petrus. Denn das erste Mal fahre ich heute vom ersten Berg hinter Müngsten aus mit dem Fahrrad zur RGA-Redaktion an der Alleestraße, um am eigenen Leibe zu testen, wovon die Radfahrer in Remscheid sprechen, wenn sie sagen, die Infrastruktur muss besser werden.

So wird Remscheid fahrradfreundlich

43 Minuten spuckt Google Maps aus, 251 Höhenmeter gilt es zu überwinden. Oha. Ich bin zwar sportlich, aber dennoch ist es gut, den guten Bosch als Anschub unterm Sattel zu haben. Ich bin schon ein bisschen aufgeregt. Schaffe ich es pünktlich ins Büro? Und überlebe ich das Geschlängel der B 229?

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Nach nur sensationellen vier Minuten bin ich dank Rückenwind und hoher zweistelliger Zahl auf dem Tacho schon in Müngsten. Mir kleben die ersten Viecher auf der Brille. Ich fahre bewusst auf der Straße. Autofahrer wundern sich schon ob meines Tempos und bleiben brav hinter mir. Noch. Denn dann geht es ja schon nach der Senke – wow, ist das hier noch kalt!, aber die Wupper glitzert so schön – wieder bergauf. Da ich die Fahrt als das heutige Work-out ansehe, lasse ich den Quadrizeps ordentlich walten.

Jetzt, hier gilt schließlich Tempo 70, wird gehupt. Autofahrer überholen mich und drehen sich ungläubig zu mir um: Hier Fahrrad fahren? Denn es gibt keinen Radweg an der Solinger Straße, der B 229. Als mir der erste Brummi von hinten unterm Helm dröhnt, entscheide ich mich für den Randstein, um nicht morgen selbst auf Seite 1 im RGA zu stehen. Problem: Er ist nicht freigeschnitten. Bergauf peitscht mir das Indische Springkraut um die Schenkel, das sich im Bergischen einfach ekelig schnell vermehrt.

Jetzt ist Reaktion angesagt: In der nächsten Kurve liegt ein alter Regenschirm, schnell ausweichen. Und dann hat hier offenbar jemand seine Schulsachen verloren. An der B 229? Weiter geht’s. In Höhe der prägnanten Kurve von Vokore endet der Randstein, ich wechsle also auf die Straße, hinter mir höre ich die sich stetig vorschiebende Kolonne der Pendler Richtung Remscheid. Ah, die Hundenanny ist noch zu Hause.

Langsam fange ich an zu hecheln. Wie viele steile Kurven waren das noch gleich bis zum Blitzer? Habe ich eigentlich alles eingepackt? Und welche Termine stehen heute noch mal auf dem Programm? Ich habe ja jetzt Zeit, über all das nachzudenken. Und werde auch nicht vom Radio abgelenkt. Statt „abcdefu“ von Gayle gibt es jetzt Abrollgeräusche auf die Ohren. Und Abgase für die Nase. Ich muss schon sagen: Das ist echt der Nachteil.

Krach, ein Schlag in den Rücken, der Salat samt Dressing hüpft im Rucksack auf und ab. Das Schlagloch habe ich nicht gesehen. Könnte ich vielleicht in der neuen Radar-App der Stadt melden. Und ich sollte mir zum Geburtstag unbedingt eine gefederte Sattelstütze wünschen. Die Blitze überquere ich mit unter 30. Ob die mich als Radfahrer bergab wohl mit über 30 blitzt? Ich verrate jetzt nicht, ob ich das ausprobiert habe. In Höhe der freien Tankstelle Kula wirft mir eine Frau mit Französischer Bulldogge an der Leine mitleidige Blicke zu: Hier Fahrrad fahren? Selbst schuld. Autos überholen mich genervt, aber ich fahre unermüdlich.

An der Ampel kurz vor dem Amtsgericht muss ich natürlich anhalten. Rot. Das Warten zwischen den Abgasen ist nicht wirklich schön. Und mein langsames Anfahren nervt die anderen wieder. An der Dünkeloh-Klinik gönne ich mir die nächste Unterstützungsstufe. Hier hat sich wie immer ein Rückstau vor der Ampel gebildet. Jetzt bloß nicht anhalten, sonst komme ich nicht mehr weg! Der Oberschenkel brennt. Egal, ich gebe Gas, äh Pedal, und komme dran vorbei. Und biege sogar eher ab als mancher Autofahrer, der mich eben überholt hat. He he.

Mit dem Fahrrad schneller als mit dem Auto

Glücklich komme ich beim RGA an. Erneuter Uhrenvergleich: Was? Ich habe nur 19 Minuten gebraucht! Das hätte ich nicht gedacht. Ich bin heute sogar schneller da als sonst mit dem Auto. Meinen Chef dürfte das freuen. Aber wohin nun mit meinem Schätzchen, für das ich so lange gespart habe? Ich lasse es definitiv nicht den Tag auf der Allee stehen. Wo auch festmachen? Die versprochenen neuen Anlehnbügel sind noch nicht da. Zum Glück passt mein Conway in den Aufzug. Und zum Glück darf ich das E-Bike in den Lagerraum stellen.

Fazit nach einem durchschwitzten T-Shirt und 1000 Sommersprossen später: Ich war schneller als gedacht. Und trotz der schlechten Verkehrsbedingungen hat es Spaß gemacht. Das mache ich jetzt öfter. Schließlich schütze ich so nicht nur das leidgeplagte Portemonnaie, sondern vor allem unsere Welt. Und das ist ein verdammt gutes Gefühl, das mich lächelnd durch den Arbeitstag bringt.

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Radar-App

Für Radfahrer gibt es jetzt eine neue Mängel-Meldeplattform: die Radar-App (Eigenschreibweise: RADar!). Hier können Schlaglöcher und Problemstellen im Radwegenetz gemeldet werden. Auch Fotos können mitgeschickt werden. Die Infos erreichen die Stadtverwaltung umgehend. Die App gibt es sowohl für Android als auch für iOS. Mehr Infos und Anmeldung:
www.radar-online.net/home

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