Theater

Publikum fällt am Ende ein klares Votum

Suizid mit ärztlicher Hilfe – in dem Schauspiel „Gott“ wird das Für und Wider diskutiert. Am Ende entscheidet das Publikum. Foto: Roland Keusch
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Suizid mit ärztlicher Hilfe – in dem Schauspiel „Gott“ wird das Für und Wider diskutiert. Am Ende entscheidet das Publikum.

Das Euro-Studio Landgraf zeigte im Teo Otto Theater das Stück „Gott“ von Ferdinand von Schirach.

Von Sabine Naber

Remscheid. Wie wollen wir leben? Und wie wollen wir sterben? In Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Gott“ geht es um ärztliche Beihilfe zum Suizid. Und die ist seit Februar dieses Jahres laut Bundesverfassungsgericht zulässig.

Aber es geht vor allem um Fragen, die im Spannungsfeld von Ethik, religiösem Glauben und Politik schon immer unterschiedlich gesehen wurden. Am Mittwoch kam das Euro-Studio Landgraf mit dem Stück ins gut besuchte Teo Otto Theater.

Regisseur Miraz Bezar lässt den Abend mit dem Protagonisten Richard Gärtner beginnen. Der kommt mit einem Karton in den Händen auf die Bühne, zieht ein Kleid seiner Frau heraus, drückt es zärtlich an sein Gesicht und beginnt zu einer kleinen Melodie zu tanzen. Stühle werden auf die Bühne gebracht. Die Vorsitzende des Ethikrats (Patricia Schäfer) eröffnet die Sitzung und erklärt den Zuschauern, die später mit einbezogen werden: „Das Bundesverfassungsgericht hat den Paragrafen 217 gekippt. Damit betreten wir als Gesellschaft Neuland.“

So sei zwar die rechtliche Frage geklärt, nicht aber die moralische. Soll ein Arzt bei Suizid helfen? Darüber wurde diskutiert. Denn beim Bundesinstitut für Arzneimittel hatte Gärtner eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital beantragt. Das aber wurde abgelehnt. Der 78-jährige Richard Gärtner (Ernst Wilhelm Lenik) machte vor dem Ethikrat deutlich, um was es ihm geht. „Ich will sterben. Ich will nicht mehr. Elisabeth ist vor drei Jahren gestorben. Sie wollte die ganze Welt sehen, alleine kann ich es nicht.“

Kurz vor ihrem Tod habe ihm seine Frau, die eineinhalb Jahre gelitten hatte gesagt, er solle es richtig machen. „Elisabeth hätte gewollt, dass ich das Problem öffentlich mache“, ist er sich sicher. Zu Wort kommen anschließend zwei Mitglieder des Ethikrats, Richard Gärtner, sein Anwalt, seine Ärztin sowie ein Mitglied der Bundesärztekammer, eine Rechtssachverständige und ein Bischof.

Medizinische und christliche Widersprüche aufgezeigt

„Er ist seit gut 20 Jahren mein Patient. Er wollte, dass ich ihm helfe, wir haben das immer wieder diskutiert. Herr Gärtner ist nicht davon abzubringen. Aber ich möchte keine Beihilfe leisten zum Suizid“, sagt die Ärztin (Karin Boyd). Die Rechtssachverständige (Susanne Theil) beantwortet die Frage, ob Richard Gärtner Anspruch auf das Mittel hat, klar mit einem Ja. „Hilfe zur Selbsttötung lehnen wir ab. Ärzte sollen heilen, nicht töten“, betont der medizinische Sachverständige (Wolfgang Seidenberg). Statt Suizidbeihilfe zu erlauben, sollte eine umfassende Palliativmedizin angeboten werden, um würdevolles Sterben zu ermöglichen.

Und das ist der Moment, in dem die existenzielle Not Gärtners spürbar wird. Er springt auf, lässt den Professor nicht mehr zu Wort kommen. Herrscht ihn an, dass er von klugen, menschlichen Ärzten erwartet, dass sie ihm beim Sterben helfen: „Warum glauben Sie, Sie dürften sich für Gott halten.“

Im Hintergrund erscheint das Bild seiner Frau. Erst lächelt sie, dann schließen sich ihre Augen. Bischof (Klaus Mikoleit) glaubt an den unendlichen Wert des Lebens, bezeichnet den Suizid als reinen Egoismus. Gärtners Anwalt (Christian Meyer) ist gut vorbereitet, deckt Widersprüche sowohl im medizinischen als auch im christlichen Bereich auf.

Vor Corona wäre das Publikum zur Beratung in die Pause gegangen. Am Mittwochabend hob man einfach die Hand, um abzustimmen. 65 Theatergäste hätten Gärtner geholfen, 35 lehnten das ab.

Als Mitglied des Ethikrates sagt Martin Molitor zum Schluss: „Wir leben heute selbstbestimmter als jede Generation vor uns. Aber auch in der größten Einsamkeit, die es jemals gab.“ Der Rechtsanwalt sah es nüchtern: „Unser Leben wird für die meisten von uns im Krankenhaus enden. Das Urteil gibt den Menschen Freiheit.“ Am Ende packt Gärtner die letzte Erinnerungskiste ins Regal. Nach dem Votum des Publikums kann er sich jetzt verabschieden.

Vorschau

Am Samstag um 19.30 Uhr laden die Bergischen Symphoniker zu „On Fire“ ins Teo Otto Theater ein. Auf Publikumswunsch wird eine Musicalgala geboten. Zu Gast ist unter anderem Sänger David Jakobs.

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