Interview der Woche

Professor: Regelwerk ist klarer geworden

Dr. Christian Efing lehrt an der Bergischen Universität zum Thema Rechtschreibung. Foto: Friederike von Heyden
+
Dr. Christian Efing lehrt an der Bergischen Universität zum Thema Rechtschreibung.

Vor 20 Jahren gab es die Rechtschreibreform. Christian Efing von der Bergischen Uni, erklärt, was sie gebracht hat.

Von Jeanette Nicole Wölling

Dr. Christian Efing ist Professor für Didaktik der Deutschen Sprache an der Bergischen Universität und bewertet die Rechtschreibreform auf wissenschaftlicher Basis.

Dr. Efing, was hat die Rechtschreibreform vor 20 Jahren gebracht?

Christian Efing: Zuerst einmal muss man sagen, dass die heute gültige Form der Rechtschreibung erst 2006 mit der dritten Reform der Reform eingeführt wurde. Zwischen 1996 und 2006 gab es zahlreiche Petitionen gegen die neue deutsche Rechtschreibung, beispielsweise von Schriftstellern, darunter Günter Grass. Aber auch Verlage waren gegen die Reform und haben sie nicht umgesetzt.

Und was haben sie stattdessen gemacht?

Efing: Zeitungen haben teilweise ihren eigenen Regelmix entwickelt und hatten somit eigene Hausschreibungen. Das war ein Tohuwabohu. Da war die konservative Rechtschreibung noch die beste, die einfach systematisch die alten Regeln weiter angewendet hat. Für die Schüler zu dieser Zeit war die Situation sehr schwierig, denn überall lasen sie etwas anderes als in den Schulbüchern, die 1998 in der überarbeiteten Version herausgekommen sind.

Was sollte die Reform denn eigentlich bringen?

Efing: Sie sollte die Rechtschreibung vereinfachen und es damit den Schreibern einfacher machen. Dadurch sollte es weniger Fehler geben. Dabei ist die Rechtschreibung eigentlich für den Leser gedacht, nicht primär für den Schreiber.

Und, hat das geklappt?

Efing: Nein. Größere Studien zeigen, dass die Fehler in den vergangenen Jahrzehnten zunehmen. Das hängt aber weniger mit der Rechtschreibreform zusammen als damit, dass der Wortschatz in schulischen Aufsätzen schon bei den Jugendlichen immer größer wird. Allerdings zeigt sich in einer anderen Studie auch, dass Schüler beim selben Text heutzutage mehr Fehler machen als vor 40 Jahren.

Wie sieht es denn bei Erwachsenen aus?

Efing: Die Reform hat Verunsicherung ausgelöst, vor allem durch die Nachbesserungen, wie Rücknahmen von Regeln und Zulassung von Varianten. Beispielsweise die Komma-Regeln sind für Erwachsene zum Teil nicht nachzuvollziehen. So war vor der Reform klar geregelt, dass erweiterte Infinitivsätze mit „um zu“ immer ein Komma vor dem „um“ haben mussten. Das wurde 1996 dann aufgehoben und das Komma verboten. Später aber wurde das Komma wieder verpflichtend eingeführt. Wenn man die Entwicklung der Rechtschreibung nicht die ganze Zeit verfolgt hat, macht man automatisch Fehler - da sie zeitweise die korrekte Rechtschreibung waren.

Was hat sich verbessert?

Efing: Die Groß- und Kleinschreibung ist für die Schreibenden tatsächlich einfacher, da systematischer und damit nachvollziehbarer geworden: Was formal wie ein Substantiv behandelt wird, wird groß geschrieben. So gab es vor der Reform eine Unterscheidung zwischen wörtlichen und übertragenen Bedeutungen. So schrieb man „im dunkeln tappen“ klein, wenn es bedeuten sollte, dass jemand die Lösung nicht sieht. Tappte er aber „im Dunkeln“, dann gab es kein Licht. Heute schreibt man beides groß.

Haben Sie ein weiteres Beispiel für die Verbesserung?

Efing: Die Reform hat vor allem das so genannte Stammprinzip gestärkt und ausgeweitet. Das bedeutet, dass Wörter so geschrieben werden wie andere, von denen sie abstammen. Also Bäume von Baum mit „äu“. Außerdem werden seit der Reform konsequent bei Wortzusammensetzungen alle Konsonantenbuchstaben erhalten, zum Beispiel die drei „fff“ in Schifffahrt.

Was war denn nach 1996 umstritten, was dann doch wieder geändert wurde?

Efing: Beispielsweise die Anrede „Du“ in Briefen, die ab 1996 nur noch klein geschrieben werden durfte. Seit 2006 darf sie wieder groß geschrieben werden. Beide Schreibweisen sind erlaubt.

Wird die Rechtschreibung heutzutage liberaler gehandhabt?

Efing: Eigentlich ist die Rechtschreibung der einzige Bereich der deutschen Sprache, der komplett durchgeregelt ist. Der Rat für Rechtschreibung ist eine politisch legitimierte Institution, die festlegt, was richtig und was falsch ist. Generell hat die Re-Reform 2006, wie gesagt, in strittigen Fällen mehr Varianten zugelassen.

In der Grundschule lernen die Kinder heute zu schreiben, wie sie sprechen. Wird das die Rechtschreibung im Allgemeinen verändern?

Efing: Wir bringen unseren Studenten bei, nicht nach diesem Prinzip zu unterrichten und auch die meisten Schulen sind von der Reinform wieder abgerückt. Denn so zu schreiben, wie man spricht, würde zum Beispiel bedeuten, dass man umgangssprachlich oder mit Dialekt schreibt. Von daher ist dieser Ansatz problematisch, wird aber die Rechtschreibung nicht verändern.

Erwarten Sie denn mittelfristig noch eine Reform?

Efing: Nein. Der Rat der Rechtschreibung behält die Entwicklung der Sprache und die sprachliche Realität im Blick. Regelmäßig werden Anpassungen vorgenommen. Heutzutage weiß keiner mehr, dass unser Wort Keks vom englischen Wort cakes, also Kuchen, kommt.

ZUR PERSON

AUFGABE Professor Dr. Christian Efing (39), zuvor Professor in Erfurt, ist seit 1. April 2014 Universitätsprofessor für „Didaktik der deutschen Sprache und Literatur (Sprachdidaktik)“ an der Bergischen Universität Wuppertal.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Remscheid bereitet sich auf 2G vor - Feuerwerkshersteller befürchten „Todesstoß“
Remscheid bereitet sich auf 2G vor - Feuerwerkshersteller befürchten „Todesstoß“
Remscheid bereitet sich auf 2G vor - Feuerwerkshersteller befürchten „Todesstoß“
Ruhestätte Begräbniswald? Jäger hat so seine Zweifel
Ruhestätte Begräbniswald? Jäger hat so seine Zweifel
Ruhestätte Begräbniswald? Jäger hat so seine Zweifel
Eltern sammeln mehr als 22.000 Euro für ein neues Klettergerüst
Eltern sammeln mehr als 22.000 Euro für ein neues Klettergerüst
Eltern sammeln mehr als 22.000 Euro für ein neues Klettergerüst
Auffällig aussehendes Duo raubt Obdachlosen in Remscheid aus
Auffällig aussehendes Duo raubt Obdachlosen in Remscheid aus
Auffällig aussehendes Duo raubt Obdachlosen in Remscheid aus

Kommentare