Nach Woche neun wird es schwierig

Pro Familia beklagt unzureichendes Angebot für Schwangerschaftsabbrüche

Laut Pro Familia bieten derzeit zwei gynäkologischen Praxen in Remscheid einem medikamentösen Abbruch an, der allerdings nur bis zu neunten Schwangerschaftswoche möglich ist.
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Laut Pro Familia bieten derzeit zwei gynäkologischen Praxen in Remscheid einem medikamentösen Abbruch an, der allerdings nur bis zu neunten Schwangerschaftswoche möglich ist. 

Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen wollen, bekommen in Remscheid leicht ein Problem.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Das vorhandene Angebot sei nicht ausreichend, berichtet Barbara Servos, Leiterin der Remscheider Beratungsstelle von Pro Familia. Wohl auch, weil sich viele Mediziner des Problems gar nicht bewusst seien, wie sie vermutet.

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Laut Pro Familia bieten derzeit zwei gynäkologischen Praxen in Remscheid einem medikamentösen Abbruch an, der allerdings nur bis zu neunten Schwangerschaftswoche möglich ist. Danach bleibt nur ein operativer Eingriff, den aber nur noch eine Praxis vornimmt. Und das nur alle 14 Tage und bis zur zehnten Woche der Schwangerschaft. Kommt die Frau also in der „falschen“ Wochen in die Beratung, verpasst sie wegen der gesetzliche vorgeschriebenen dreitägigen Bedenkzeit den OP-Termin am Donnerstag. Und ist 14 Tage später schon über die zehnte Schwangerschaftswoche hinaus.

„Dann können wir die Frauen eigentlich nur noch in andere Städte verweisen“, sagt Barbara Servos. In Wuppertal zum Beispiel gebe es drei Praxen, die den Eingriff bis zur 14. Woche anbieten. „Das wird aber zum Problem, wenn die Frauen nicht mobil sind.“ Insgesamt steige der Aufwand erheblich: Die Anreise müsse ebenso geklärt werden wie die Frage, wer die Patientin nach der OP abholt. Unter Umständen müssten Kinder versorgt werden, die Fehlzeit bei der Arbeit verlängert sich.

„Aus unserer Sicht ist das ausreichend.“

Die KV Nordrhein zum Angebot für Schwangerschaftsabbrüche

Und weil die Wuppertaler Praxen auch von Frauen aus Solingen, aus dem Norden Oberbergs und anderen Städten im Umland angesteuert werden, sei es inzwischen immer schwieriger, dort einen Termin zu bekommen. Denn der Bedarf ist offensichtlich groß. Zwei Beratungsstellen in Remscheid bieten die für die straffreie Abtreibung notwendige Beratung an, zusammen kommen sie auf weit über 300 Termine pro Jahr.

Dass nur wenige Gynäkologen Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, ist ein bundesweites Problem. Welche Gründe das in Remscheid haben könnte, hat das Pro-Familia-Team versucht, mit einer Umfrage herauszufinden. Immerhin acht von elf angeschrieben Praxen hätten geantwortet, sagt Mitarbeiterin Carmen Manstein.

Zwei hätten einen fehlenden OP-Raum als Ursache angegeben. Die Sorge, dass das Angebot Abtreibungsgegner auf den Plan ruft, spiele dagegen keine Rolle, so Manstein: „Es wirkt eher so, als hätten sich die meisten noch nie wirklich damit beschäftigt.“ Denn für die Praxen sei bisher kein Problem erkennbar gewesen, sagt Barbara Servos: „Wir bringen die Frauen ja irgendwie unter.“

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Nordrhein bestätigt auf RGA-Anfrage die Zahlen von Pro Famalia. Und erklärt: „Aus unserer Sicht ist das grundsätzlich ausreichend.“ Aus Qualitätsgründen sei bei Schwangerschaftsabbrüchen eine „Konzentration auf wenige Praxen“ wünschenswert, heißt es aus der Pressestelle, „auch wenn das bedeutet, dass im Einzelfall auch einmal der Weg in eine solche Praxis etwas länger ist“.

Trotzdem wünscht sich Barabara Servos eine weitere Praxis in Remscheid, die auch über die neunte Woche hinaus Abbrüche vornimmt. Deutlich entspannen könnte die Situation zudem das Sana-Klinikum, an dem die Stadt Remscheid nach wie vor beteiligt ist. Die dortige Frauenklinik biete zwar Abbrüche bis zur 14. Schwangerschaftswoche an, sagt Barbara Servos, aber mit einer Methode, die erhebliche Nachteile mit sich bringe. „Das führt oft zu stationären Aufenthalten von bis zu fünf Tagen.“ Das zu organisieren, sei meist noch schwieriger als die Fahrt nach Wuppertal.

Das Sana-Klinikum bestätigt auf RGA-Anfrage nur, dass man dort Schwangerschaftsabbrüche vornehme. Zur angewandten Methode und den Gründen dafür äußert man sich hingegen trotz mehrfacher Nachfrage nicht. Die hänge „stark vom Einzelfall ab“.

Inzwischen ist das Thema bei Sozial- und Gesundheitsdezernent Thomas Neuhaus angekommen, der anregt, es im Gesundheitsausschuss zu besprechen. „Schnellschüsse bringen nichts“, betont Neuhaus. Vielmehr gelte es, die Thematik von allen Seiten aus zu beleuchten. „Wenn wir eine Mangellage erkennen, werden wir dafür eine Lösung erarbeiten.“

Hintergrund

Die Zahl der Praxen und Kliniken, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, sinkt seit Jahren. Erfasst wird sie seit 2018, seither sank sie in NRW jedes Jahr. Ein Grund könnte sein, dass gerade ältere Mediziner, die Ende der 80er Jahre ihr Studium abgeschlossen haben, den Eingriff vornehmen, die aber nun nach und nach in Rente gehen. Zudem ist der Eingriff nicht Teil der Facharztausbildung.

Passend zum Thema: Beratung sollte Recht sein, nicht Pflicht - Seit 150 Jahren gelten Schwangerschaftsabbrüche als Straftat

Standpunkt von Sven Schlickowey: Mehr erwarten

sven.schlickowey@rga.de

Abtreibungen gibt es in allen sozialen Schichten, doch die Probleme mit dem eher unzureichenden Angebot in Remscheid treffen mal wieder wirtschaftlich Schwache, die kein eigenes Auto haben und für die selbst eine Busfahrkarte nach Wuppertal eine Herausforderung darstellt. Helfen könnte, meinen zumindest die Expertinnen von Pro Familia, wenn das Sana Klinikum sein Angebot anpassen würde. Das allerdings äußert sich zu detaillierten Fragen aus der RGA-Redaktion wieder einmal nur schmallippig und mit Allgemeinplätzen, so dass man nur spekulieren kann, ob das stimmt.

Und wenn ja, warum das Krankenhaus so handelt. Von einem der wichtigsten Gesundheitsdienstleister in Remscheid, zumal von einem, der das Privileg genießt, überwiegend aus einem öffentlich-rechtlich organisierten System finanziert zu werden, kann man mehr erwarten. Beim Angebot. Und bei der Öffentlichkeitsarbeit.

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