Viele jüngere Menschen nutzen die Chance

Praxen in Remscheid erleben Ansturm auf Astrazeneca

Internist Vito Montuori bietet seinen Patienten die Impfung mit Astrazeneca an. Foto: Roland Keusch
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Internist Vito Montuori bietet seinen Patienten die Impfung mit Astrazeneca an.

Der Terminkalender der Remscheider Hausärzte ist voll. Denn seit dieser Woche kann sich jeder mit Astrazeneca impfen lassen, der will.

Von Alexandra Dulinski

Remscheid. Das Interesse nach der Impfung ist groß, berichtet die Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Remscheid. Denn seit dieser Woche kann sich jeder mit Astrazeneca impfen lassen, der will.

Die Priorisierung, die nach Alter, Vorerkrankung oder Berufsgruppe unterteilt, ist aufgehoben. Bei Bettina Stiel-Reifenrath und ihren Kollegen haben sich bereits viele Patienten gemeldet, die sonst noch nicht an der Reihe gewesen wären. „Das hat was mit Reiselust zu tun, mit Streben in die Freiheit“, sagt sie. Der Wunsch nach Freiheit kombiniert mit der Aussicht, schnell seine Rechte wiederzubekommen, rücke Astrazeneca nun – nach vielen Auf und Abs – wieder in den Fokus. Denn der Impfstoff kann schon nach nur vier Wochen das zweite Mal gespritzt werden. Stiel-Reifenrath: „Aus medizinischer Sicht ist das allerdings nicht sinnvoll.“ Denn vollständig geschützt ist der Patient erst nach einer Zweitimpfung nach 12 Wochen.

„Wir müssem alles impfen, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist.“

Vito Montuori, Internist

Auch Internist Vito Montuori sieht die frühe Zweitimpfung kritisch. Er impft frühestens nach neun Wochen. „Alles, was darunter ist, ist medizinisch nicht vertretbar. Der Erfolg muss auch da sein“, sagt er. Er stellt fest: „Wir können Astrazeneca jetzt besser an den Patienten bringen“. Der Impfstoff gehe in die breite Masse. Aus den Händen gerissen werde ihm der Impfstoff aber nicht. „Vorbehalte sind nach wie vor da“, berichtet Montuori. Etwa 40 Prozent der Patienten, denen er Astrazeneca anbietet, lehnen ab. Dennoch erreicht vor allem viele jüngere Menschen. „Die Aufhebung der Priorisierung macht Sinn. Sonst könnten wir die Jungen nicht impfen.“

In seiner Praxis stößt Vito Montuori mittlerweile an die Kapazitätsgrenze. Termine für Vorsorgeuntersuchungen und Blutabnahmen verschieben sich nach hinten. „Die Frage ist, wie lange wir das mitmachen können. Im Oktober kommt die Grippewelle. Deswegen müssen wir den Sommer nutzen, um alles zu impfen, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist“, sagt Montuori.

Nicht nur in den Praxen der beiden Ärzte ist viel los. „Der Ansturm auf die Praxen hat einen Schub bekommen“, bestätigt Christopher Schneider, Sprecher der KV Nordrhein. Denn auch die Prio-Gruppe 3 darf sich nun impfen lassen.

Dass nun jeder Astrazeneca bekommen darf, darin sieht Bettina Stiel-Reifenrath eine ethische Frage. „Wenn Geimpften Freiheiten in Aussicht gestellt werden, Menschen aber kein Impfangebot erhalten, kann man das moralisch nicht vertreten“, erklärt sie.

Von den Menschen erhofft sie sich derweil mehr Disziplin. Denn immer wieder werden Termine im Impfzentrum nicht wahrgenommen, aber vorher nicht abgesagt. „Das größte Problem ist, dass manche ihren Termin umlegen wollen“, erklärt Stiel-Reifenrath – beispielsweise weil „ein Wochenende in Wanne-Eickel ansteht“, erklärt Stiel-Reifenrath. Das sei kein zwingender Grund wie beispielsweise ein anstehender OP-Termin. „Im Impfzentrum gibt es ständig Diskussionen“, erklärt die Ärztin.

Die Hausärzte müssen die Terminverschiebungen mit auffangen. „Das verstopft uns zusätzlich die Leitungen und nimmt anderen Patienten Zeit weg“, sagt Bettina Stiel-Reifenrath. Denn die Remscheider Arztpraxen seien derzeit überlaufen mit Fragen zu Impfungen und Terminen. „Wir kommen nicht mehr nach“, sagt Bettina Stiel-Reifenrath. „Das tägliche Geschäft leidet.“

Hintergrund

Dass der Impfstoff knapp werden könnte, ist momentan unwahrscheinlich. „Praxen können seit dieser Woche so viel Astrazeneca bestellen, wie sie möchten“, erklärt Christopher Schneider. Eine Obergrenze an Impfdosen pro Praxis gibt es für den Wirkstoff nicht mehr. Ab Ende Mai soll dann auch Johnson & Johnson in den Praxen verimpft werden, ab Juni soll sich die Zahl verfügbarer Dosen aller Impfstoffe deutlich erhöhen.

Kommentar von Alexandra Dulinski

alexandra.dulinski@ rga.de

Die Nachfrage nach dem Impfstoff Astrazeneca bei den Hausärzten ist groß. Und das ist mehr als erfreulich. Denn jeder Geimpfte mehr bedeutet einen kleinen Schritt in Richtung Freiheit, einen kleinen Schritt in Richtung Normalität, die wir uns alle so sehr wünschen. Denn jeder Geimpfte mehr schützt zeitgleich auch die Menschen, die noch nicht die Chance auf einen Impftermin hatten. Dass es Patienten gibt, die in Fragen Astrazeneca Vorbehalte äußern, ist nach den vielen Auf und Abs der vergangenen Wochen verständlich. Doch gehen die Ärzte mit gutem Beispiel voran – Internist Vito Montuori ist selbst mit Astrazeneca geimpft. Impfwillige sollten in einem Punkt jedoch Vorsicht walten lassen: Schon nach vier Wochen die Zweitimpfung zu wünschen, um schnellstmöglich seine Rechte wiederzuerlangen und in den Urlaub fahren zu können, ist nicht ungefährlich – ist der volle Schutz gegen einen schweren Corona-Verlauf doch noch gar nicht aufgebaut. Hier hilft nur Geduld. Denn eine vorschnelle Zweitimpfung wiegt einen in falscher Sicherheit.

Welche Beschränkungen wegen des Coronavirus gelten aktuell in Remscheid? Das haben wir für Sie in einem Artikel zusammengefasst, den Sie hier finden: Ein Überblick über die Corona-Regeln in Remscheid.

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