Verabschiedung in den Ruhestand

Birgitta Radermacher lebt nach dem Motto von Pippi Langstrumpf

Die drei Oberbürgermeister waren mit ihrer Arbeit offensichtlich zufrieden: Beim Brückenfest gab es für Birgitta Radermacher von Burkhard Mast-Weisz (Remscheid), Uwe Schneidewind (Wuppertal) und Tim Kurzbach (Solingen) ein Abschiedsgeschenk.
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Die drei Oberbürgermeister waren mit ihrer Arbeit offensichtlich zufrieden: Beim Brückenfest gab es für Birgitta Radermacher von Burkhard Mast-Weisz (Remscheid), Uwe Schneidewind (Wuppertal) und Tim Kurzbach (Solingen) ein Abschiedsgeschenk.

Birgitta Radermacher stand fünf Jahre an der Spitze der Bezirksregierung, zuvor war sie Polizeipräsidentin im Bergischen Land. Die Rente hat sie sich verdient. Im RGA-Interview spricht sie über ihre Arbeit, die Krisen in der Welt und ihre Pläne für den Ruhestand.

Das Gespräch führte Axel Richter

Frau Radermacher, jetzt können Sie es ja sagen: Was waren Sie lieber: Polizeipräsidentin im Bergischen Land oder Regierungspräsidentin in Düsseldorf?
Birgitta Radermacher: Beides war jeweils neu für mich und beides hatte seinen Reiz. Die Zeit bei der Polizei war für mich unglaublich erfahrungsreich. Damals tauchte Hogesa auf, die Salafisten, die Scharia-Police. Dann kam die Bezirksregierung mit neuen Aufgaben. Wobei auch ich mich erst mal orientieren musste: Was ist das genau?
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Sie sagen es. Die meisten Menschen wissen mit Ihrer Behörde nichts anzufangen. Was machen so eine Bezirksregierung und ihre Präsidentin eigentlich?
Radermacher: Wir sind gewissermaßen Makler und Vermittler zwischen den Kommunen und der Landesregierung. Zum Regierungsbezirk Düsseldorf zählen zehn große Städte und fünf Landkreise mit den dazugehörigen Oberbürgermeistern und Landräten. Mit ihnen stehen wir im engen Austausch, wenn es zum Beispiel um die Verteilung von Fördergeldern geht. Oder um die Genehmigung der städtischen Haushalte. Wir begleiten die Kommunen bei der Planung neuer Straßen oder Gewerbeflächen. Oder bei der Planung neuer Windkraftanlagen. Die brauchen wir, um in der Energiekrise zu bestehen. Auf der anderen Seite wird es Bürgerproteste dagegen geben. Wir versuchen, die verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bringen
Damit überzeugen Sie nicht jeden. Kritiker sagen, NRW leiste sich mit fünf Bezirksregierungen einen teuren und luxuriösen Mittelbau, der in weiten Teilen genau so überflüssig sei, wie die Regierungspräsidenten selbst. Was entgegnen Sie?
Radermacher: Ich entgegne, dass wir für effizientes Verwaltungshandeln stehen. Unter anderem hat auch die Pandemie das gezeigt. Wir verfügen über Fachleute, die in dieser Zeit mit viel Sachverstand am Werk waren – insgesamt 2200.
Sie bringen Förderbescheide Ihrer Behörde gern persönlich vorbei. Wie wär´s, wir verzichten auf die vielen verschiedenen Fördertöpfe mit ihren langwierigen Vergabeverfahren und die Städte entscheiden selbst darüber, wohinein sie das Geld ihrer Steuerzahler stecken?
Radermacher: Die Bezirksregierung tritt als Berater auf. Wir suchen nach dem passenden Fördertopf. Wir helfen bei der Beantragung. Wir gucken, ob die Stadt richtig ausgeschrieben hat. Und wir rechnen später in Richtung Bund und Europa ab. Dafür stehen wir auch gerade, denn im Zweifel haben wir den Rechnungshof im Nacken. Die Städte sind übrigens froh über diese Hilfe und fordern sie von uns ein.

Meine Kinder und Enkel haben schon viele Ideen für mich.

Birgitta Rademacher
Die Pandemie war eine von drei großen Krisen in Ihrer Amtszeit. Hinzu kamen die Hochwasserkatastrophe und der Ukraine-Krieg. Welche Krise hat Sie am meisten gefordert?
Radermacher: Ich denke, die Pandemie. Einfach, weil sie in so vielen Bereichen spürbar wurde. Denken Sie an die Wirtschaftshilfen, Zuschüsse für Kultur oder auch an die Schulen. Woher bekommen wir Masken, woher die Tests, wie wird getestet? Woher bekommen die Schülerinnen und Schüler iPads fürs Homeschooling?
Gerade an der Schulpolitik in Corona gab es viel Kritik. Die Regeln aus dem Ministerium waren zum Teil widersprüchlich und erreichten die Schulen zu spät. Stimmen Sie zu?
Radermacher: Ich konnte den Unmut der Eltern, Lehrer und Kinder gut verstehen. Auf der anderen Seite: Es gab für diese Krise keine Blaupause. Und hinterher ist man bekanntlich immer schlauer.
Dann kamen das Hochwasser und schließlich der Krieg in der Ukraine.
Radermacher: Ja, und auch da war es wieder gut, über Fachleute zu verfügen. Wir sind ja zum Beispiel auch für die Förderung des Deichbaus zuständig, zahlen die Fluthilfen aus.
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Sie sind auch Planungsbehörde und erstellen für die Kommunen einen Rahmenplan für die Entwicklung. Wie sind die Städte im Bergischen Städtedreieck für die Zukunft aufgestellt?
Radermacher: Ich denke, Remscheid, Solingen und Wuppertal sind insgesamt gut aufgestellt. Die Frage ist, was mit ihren Haushalten geschieht. Die Pandemie kostet sehr viel Geld. Das können die Kommunen zwar gesondert ausweisen. Aber das ist ungefähr so, als würden Sie ein zweites Konto eröffnen, auf dem sich die Schulden türmen. Am Ende muss alles bezahlt werden.
Wozu Remscheid, Solingen und Wuppertal längst nicht mehr in der Lage sind. Jetzt drohen, die steigenden Zinsen alle Konsolidierungsversuche zunichtezumachen. Müssen die Kommunen nicht ganz anders finanziert werden?
Radermacher: Es braucht einen Altschuldenfonds, an dem sich der Bund beteiligen muss. Ich habe aber den Eindruck, dass sich da etwas bewegt.
Im Bergischen bewegt sich dagegen nur wenig. In Remscheid ist das DOC an klagefreudigen Bürgern gescheitert. Die Buga in Wuppertal ist davon verschont geblieben. Die geplante Seilbahn zur Uni scheiterte dagegen wiederum an Volkes Stimme. Lassen wir zu wenig Veränderung zu?
Radermacher: Ja, das ist ein großes Problem. Was Sie auch unternehmen wollen – eine CO-Pipeline, Windkraftanlagen, Überlandleitungen – es gibt immer wen, der dagegen ist. Ich bin der Meinung, man sollte vielleicht in Planungsverfahren die eine oder andere Möglichkeit zur Eingabe wegnehmen: Was hat zum Beispiel der BUND in Bayern mit geschützten Arten an der Ruhr zu tun? Und es muss auch nicht immer drei Gerichtsinstanzen geben.
Sie leben in Köln und sind jetzt Pensionärin. Haben Sie Pläne für den Ruhestand?
Radermacher: Nein. Meine Kinder und Enkel haben allerdings schon viele Ideen für mich. Und sonst? Sie wissen ja, ich halte es mit Pippi Langstrumpf: „Hurra, das habe ich noch nie gemacht. Dann weiß ich, dass ich es kann.“

Zur Person

Birgitta Radermacher, geboren 1956 in Köln, studierte die Rechtswissenschaften und arbeitete danach als Rechtsanwältin. Von 1999 bis 2004 saß sie für die CDU im Rat ihrer Heimatstadt. Von 2008 bis 2010 arbeitete sie als Beigeordnete der Stadt Siegen für Schule, Jugend, Sport und Kultur. Dann wurde sie Polizeipräsidentin der Kreispolizeibehörde Wuppertal und war bis 2017 für die Beamten in Wuppertal, Remscheid und Solingen verantwortlich. Auch als Düsseldorfer Regierungspräsidentin gehörte die Entwicklung des Bergischen Landes zu ihren Aufgaben.

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