Gedenken an die Pogromnacht

„Das Schlimmste war Applaus der Passanten“

Gedachten in ihren Reden vor 100 Gästen der Gräueltaten (v. l.): Hans Heinz Schumacher von der Gedenkstätte, Heimatministerin Ina Scharrenbach und OB Burkhard Mast-Weisz.
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Gedachten in ihren Reden vor 100 Gästen der Gräueltaten (v. l.): Hans Heinz Schumacher von der Gedenkstätte, Heimatministerin Ina Scharrenbach und OB Burkhard Mast-Weisz.

100 Gäste kommen zu Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht im Pferdestall.

Von Peter Klohs

Remscheid. Niemand hat die Gräueltaten, die die Nationalsozialisten an den Juden verübt haben, treffender in nur einem Satz bekundet als der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan. „Alles, was das Böse benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.“ Diese Aussage ist insbesondere für den 9. November 1938 mehr als zutreffend.

In Remscheid fanden sich an diesem Mittwochmittag mehr als 100 Gäste in der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall an der Martin-Luther-Straße zusammen, um der sechs Millionen umgebrachter Juden zu gedenken, deren Leidensweg mit der Pogromnacht am 9. November 1938 begann. Unter den Besuchern der Gedenkveranstaltung befanden sich neben Schülerinnen und Schülern aus vier weiterführenden Remscheider Schulen auch die NRW-Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung Ina Scharrenbach (CDU).

Die Ministerin zitierte am Beginn ihrer bemerkenswerten Rede eine der damals betroffenen Frauen: „Das Schlimmste waren die Menschen, die herumstanden und applaudierten.“ Nachdem sie die grausamen Geschehnisse dieses schicksalhaften Tages angerissen hatte, würdigte Ina Scharrenbach die Arbeit der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall. „Sie bringen mit Ihrer Arbeit Spuren zutage, die die Betroffenen nicht mehr hinterlassen konnten“, bewertete sie das Wirken von Hans Heinz Schumacher und seinem Team. „Die Shoa erfüllt uns Deutsche mit Scham. Wir verneigen uns mit großer Demut vor den Opfern“, verkündete die Ministerin. Sie äußerte den Wunsch, dass „aus Wut Mut werde, Mut, dass wir als Menschen zusammenstehen und uns so sehen, wie wir wirklich sind: als Menschen. Wir alle sind nur Menschen.“ Sie schloss ihre Rede angesichts des wieder erstarkten Antisemitismus, dem es zu widerstehen gelte, mit einem Zitat von Bertolt Brecht: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

„Die Shoa erfüllt uns Deutsche mit Scham.“

Ina Scharrenbach (CDU),NRW-Heimatministerin

Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) zeigte sich angesichts seiner aktuellen Lektüre über die Zeit der Weimarer Republik erschrocken über den Antisemitismus in jener Zeit. „Auch Teile der Justiz haben da mitgemacht“, sagte er. Klar ist für ihn, dass alle Menschen, die behaupten, man habe davon nichts gewusst, verdrängen, die Geschichte leugnen und nicht die Wahrheit sagen. „Die Zeit vom Ende des 1. Weltkrieges, 1918, und der Machtergreifung der Nazis, 1933, war kurz“, fuhr er fort. „Heute sind es noch relativ wenig, die die Demokratie durch eine Autokratie ersetzen wollen. Aber bleiben wir vorsichtig. Das erscheint mir nötig.“

Hans Heinz Schumacher erinnerte in seiner Ansprache an den Remscheider Siegmund Freund, der 1920 geboren wurde, in der Blumenstraße 13 aufwuchs und die Pogromnacht hautnah erlebte. Als jüdischer Schüler wurde er vom Unterricht ausgeschlossen, worunter er lebenslang litt. Späterhin wurde er in das KZ Sachsenhausen bei Berlin deportiert, von da in das Vernichtungslager Auschwitz. In einem sogenannten Todesmarsch ging es zurück nach Sachsenhausen. All das hat Siegmund Freund überlebt. Er ließ sich in den USA nieder, ohne jemals dort glücklich zu werden. Er blieb ein „bergischer Junge“. 1961 kam er zurück nach Deutschland und lebte in Frankfurt. Bei der Verlegung der ersten Stolpersteine in Remscheid war Freund 2007 anwesend. Im weiteren Verlauf entstand aus seinem Wirken und Erinnern heraus die Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall. Er starb am 28. August im Alter von 102 Jahren – die Gäste erhoben sich für eine Schweigeminute von ihren Plätzen.

Gäste aus Israel

Die weiteste Anreise zur Gedenkveranstaltung hatte die Familie Mandelbaum, die aus Israel angereist war. Angehörige der Familie schilderten das Leben in den Zeiten des Nationalsozialismus und gaben Auskunft über das Schicksal von Familienmitgliedern.

Lesen Sie auch: Deportationen - Dutzende jüdische Schicksale bleiben ungeklärt

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