Interview

Photovoltaik fördert autarke Energieversorgung

Florian Bublies, Energieberater bei der Verbraucherzentrale Solingen, unterstützt Hausbesitzer beim Umstieg auf Solarenergie. Foto: Verbraucherzentrale NRW
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Florian Bublies, Energieberater bei der Verbraucherzentrale Solingen, unterstützt Hausbesitzer beim Umstieg auf Solarenergie.

Florian Bublies von der Verbraucherzentrale Solingen berät private Hausbesitzer beim Umstieg auf Solarenergie.

Von Renate Bernhard

Herr Bublies, Sie beraten private Hausbesitzer zu Solaranlagen auf ihren Dächern. Mit Putins Angriff auf die Ukraine ist unsere Energie-Abhängigkeit von Russland dramatisch deutlich geworden. Wäre eine Solaranlage auf dem Dach die passende Antwort?

Florian Bublies: Ja, unbedingt, aber nicht nur aus diesem Grund macht das Sinn. Man tut auch etwas fürs eigene Portemonnaie und natürlich für den Klimaschutz.

Wie sieht Ihre Unterstützung aus?

Bublies: Wir beraten Eigenheimbesitzer, damit sie gut informiert mit den Anbietern die richtigen Entscheidungen fällen können. Dies gern auch per Video nach Online-Anmeldung. Das hat den Vorteil, dass man auf dem Bildschirm zusammen auf Dokumente und Grafiken schauen kann.

Welche Dächer sind geeignet?

Bublies: Ideal sind südlich orientierte Dächer mit Satteldach, 30 bis 45 Grad Neigungswinkel, westlich oder östlich orientiert. Flachdach geht aber auch. Solarkataster Solingen und Solarkataster NRW ergänzen sich. Wir schauen auf beiden, wie geeignet das Dach ist. Es hilft auch, vorab zu beobachten, wie die Sonne zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten aufs Dach scheint, wo und wann es Verschattungen etwa durch Bäume oder Nachbarhäuser gibt.

Was schauen Sie genau an?

Bublies: PV-Anlagen werden mit Kilowatt-Peak (kWp) berechnet. Peak, das ist die mögliche Maximal-Ausbeute, die die Hersteller für die Module angeben. Die gilt für bestmögliche Dachneigung und einen Sonnenstand, der sowohl für die sommerlich hoch als auch für die winterlich niedrig stehende Sonne ideal ist. Für den individuell möglichen Ertrag braucht es Maße und Neigung des Daches, dann muss man die angegebene Maximalausbeute den individuellen Bedingungen anpassen. Wir schauen anhand der Rechnungen der letzten Jahre auch auf den üblichen Stromverbrauch. Weitere Fragen: Wie wird das Wasser erwärmt? Was für ein Heizsystem ist vorhanden? Gibt es schon eine Wärmepumpe? Gibt es Pool oder Sauna? Soll ein Elektroauto berücksichtigt werden? Welche Gewohnheiten könnten wie auf die Nutzung der Anlage abgestellt werden?

Was kostet eine Solaranlage?

Bublies: Die Preise für eine schlüsselfertige Photovoltaik-Anlage gingen jahrelang zurück, weil Teile günstiger wurden, parallel sank auch die Einspeisevergütung. Seit 2021 steigen die Preise. Die Gründe sind hohe Nachfrage, gesunkene Zahl von Anlagenbauern, steigende Rohstoffpreise. Ausgehend von einer durchschnittlichen schlüsselfertigen Anlage von 10 kWp, also mit allen Modulen, dem Montagesystem, den Leitungen, dem Wechselrichter, dem dann nötigen Zwei-Richtungs-Zähler und der handwerklichen Arbeit, muss man brutto aktuell mit 20 000 bis 22 000 Euro rechnen. Wir helfen beim kritischen Lesen der Angebote. Es kommt schon mal vor, dass Teile weggelassen, die handwerkliche Arbeit nicht gerechnet oder nur Nettopreise genannt werden, Vergleichsangebote unter dem Strich für Laien günstig erscheinen, es aber tatsächlich nicht sind.

„Wenn der Strompreis stark steigt, amortisiert sich eine PV-Anlage schneller.“

Florian Bublies, Energieberater bei der Verbraucherzentrale Solingen

Wie schnell rechnet sich eine PV-Anlage?

Bublies: Je höher der Eigenstromverbrauch, desto schneller amortisiert sie sich. Im Sommer und in den Mittagsstunden hat man höchste Erträge, aber meist nicht die hohen Verbräuche. Dann speist man den Strom ins Netz und bekommt dafür aktuell 6,8 Cent pro Kilowattstunde. Es macht Sinn, sich möglichst so zu organisieren, dass man die viel verbrauchenden Tätigkeiten wie Kochen, Bügeln, Wäsche waschen tagsüber macht. Für den Strom, den man bezieht, liegt der Preis ja aktuell über 30 Cent. Momentan rechnen wir mit Amortisationszeiten von circa 15 Jahren. Das hängt aber von der weiteren Strompreisentwicklung ab. Wenn der Strompreis stark steigt, amortisiert sich eine PV-Anlage schneller.

Kann man völlig unabhängig werden?

Bublies: Auch mit ganz viel Dachfläche und einem großen Speicher ist völlige Autarkie noch nicht möglich. Tags und im Sommer produziert die Anlage ja viel mehr als man braucht und im Winter ist es zu wenig. Es gibt leider noch keine saisonalen Speichermöglichkeiten, nur kurzfristige Tagesspeicher. Mit aktuellen Batteriespeichersystemen kann man 60 bis 70 Prozent des produzierten Stroms selbst verbrauchen. Ohne Batterie sind es rund 30 Prozent.

Machen Batteriespeicher also Sinn?

Bublies: Da muss man die individuelle Situation studieren. Kleine Batteriespeicher sind relativ teuer, ihre Haltbarkeit nicht ausreichend erprobt, ihre Umweltbilanz nicht wirklich gut. Beim Batterie-Recycling müsste noch mehr passieren. Bei Rentabilitätsüberlegungen kommt es sehr auf Verbraucherverhalten und individuelle Bedürfnisse an. Theoretisch ermöglicht die Batteriespeichertechnik von einigen wenigen Autos schon bidirektionales Laden, also dass die Autobatterie den Strom aufnimmt und wieder zurückgeben kann ins Haus. Autobatterien als Solarspeicher fürs Haus zu nutzen, macht Sinn. Es spart Batterien, deren Herstellung umweltbelastend ist. Aber gesetzlich muss da noch nachgebessert werden. Wir hoffen, dass sich mit dem von der Regierung angekündigten Energie-Osterpaket die Rahmenbedingungen verbessern werden.

Welche staatlichen Förderungen gibt es?

Bublies: Die KFW-Bank bietet vergünstigte Kredite an, sogar 100-Prozent-Finanzierung. Beantragt wird das über die Hausbank. Man muss die Anträge stellen, bevor der Auftrag zum Bau erteilt wird. Wir warten auf das Osterpaket, ob dann weitere Anreize kommen oder vielleicht sogar die Einspeisevergütung wieder angehoben wird.

Welche Folgekosten ergeben sich aus einer PV-Anlage?

Bublies: Man sollte 1,3 Prozent des Anlagenpreises als Rücklage einplanen. Bei 20 000 Euro Anschaffungskosten wären das also 260 Euro pro Jahr, Versicherung eingerechnet. Am Anfang wird man weniger ausgeben. Wenn nach vielen Jahren ein Modul oder der Wechselrichter kaputtgeht, hat man das mit den 1,3 Prozent eingepreist.

Wie lang hält eine Anlage?

Bublies: Nach der Erfahrung mit existierenden Anlagen 30 Jahre und mehr. Und man kann davon ausgehen, die Qualität, die jetzt auf die Dächer kommt, ist noch höher. Module verlieren pro Jahr circa 0,5 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit. Das heißt, nach 20 Jahren produzieren sie immer noch 80 bis 90 Prozent des anfänglichen Ertrags und können problemlos weiter genutzt werden. Wir empfehlen auf Produkt- und Leistungsgarantien der Hersteller zu schauen. Manche federn den Verlust ab.

Was halten Sie von Wartungs- und Reinigungsverträgen für PV-Anlagen?

Bublies: Wenn Bäume nah sind, kann sich Laub und Moos entwickeln. Man merkt das aber an den Ertragsdaten der Anlage. Nur wenn die sich plötzlich verschlechtern, macht es Sinn, zu schauen, ob gereinigt werden muss oder ob was kaputtgegangen ist. Die PV-Anlagen lassen sich teilweise modulgenau mit verschiedener Software auslesen.

Wer bringt PV-Anlagen aufs Dach?

Bublies: Zwei Gewerke arbeiten hier zusammen: Elektriker für die Anschlüsse von Anlage zum Zähler und ins Netz und Dachdecker, die die Module auf dem Dach installieren. Meist ist einer Subunternehmer des anderen. Man kann das aber auch von Solateuren, also aus einer Hand, bekommen.

Empfehlen Sie Handwerker?

Bublies: Nein, aber im Solinger Solarkataster sind Unternehmer gelistet. Wir sind unabhängig und neutral, aber prüfen gerne auch schon vorliegende Angebote.

Wie lang braucht es vom Auftrag, bis man den Strom dann nutzen kann?

Bublies: Momentan muss man wohl mit Wartezeiten von bis zu sechs Monaten rechnen. Wenn wir autarker werden wollen von Putins Energie-Lieferungen und um zu verhindern, dass es im nächsten Winter womöglich Engpässe gibt, macht es also Sinn, das baldmöglichst anzugehen.

Hintergrund

Zur Person: Seit 2009 ist Florian Bublies für die Verbraucherzentrale NRW tätig. Der 39-jährige Diplom-Bauingenieur leitet die Energieberatungsstelle Solingen und Langenfeld. Zu seinem Fachgebiet zählen energieoptimiertes Bauen und regenerative Energien, hier vor allem Photovoltaik, Batteriespeicher, Elektromobilität und Wärmepumpe.

www.energieatlas.nrw.de/site/karte_solarkataster

Beratung: Termine für eine Videoberatung der Verbraucherzentrale zum Thema Energie können im Internet gebucht werden.

www.verbraucherzentrale.nrw/termin-vereinbaren-68144

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