Interview der Woche

Pflegedirektorin am Sana: „Pfleger verdienen komplette Anerkennung“

Jasmin Shmalia (41) ist seit Sommer 2019 Pflegedirektorin am Sana-Klinikum Remscheid. Sie ist Vorgesetzte von 600 Pflegekräften – und vertritt damit die Interessen der größten Berufsgruppe am Sana. Foto: Anke Dörschlen
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Jasmin Shmalia (41) ist seit Sommer 2019 Pflegedirektorin am Sana-Klinikum Remscheid. Sie ist Vorgesetzte von 600 Pflegekräften – und vertritt damit die Interessen der größten Berufsgruppe am Sana.

Jasmin Shmalia, Pflegedirektorin am Sana-Klinikum, über Entlohnung, Ansehen und die Facetten eines wichtigen Berufs.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek 

Frau Shmalia, wie ist die aktuelle Lage im Sana-Klinikum – gibt es noch genügend Pflegepersonal in Pandemiezeiten?

Jasmin Shmalia: Aktuell ist die Lage wie in allen anderen Kliniken auch: herausfordernd. Wir sind auch vor Corona schon immer bemüht gewesen, neues Pflegepersonal zu gewinnen. Das hat recht gut geklappt. Hier profitieren wir auch von unserer eigenen Pflegeschule, in der wir unsere Kräfte selbst ausbilden. Dieses Jahr konnten wir beispielsweise von 18 Auszubildenden 15 übernehmen. Schwierig ist es bei den Fachkräften im OP oder in der Dialyse. Hier bräuchten wir noch Verstärkung. Ich würde mich über Bewerbungen – auch für andere Bereiche – freuen.

Überstunden, die Angst vor einer möglichen Infektion, Schichtbetrieb: Was beschäftigt die Pflegekräfte?

Shmalia: Ich weiß, dass sich die Pflegekräfte in den letzten Monaten mit vielem beschäftigt haben. Dabei ging es primär nicht um die eigentliche Klinikarbeit, sondern um die Kinderversorgung, um Partner, die in Kurzarbeit sind oder ihren Job verloren haben und um die Angst, die eigene Familie anzustecken. Die Pflegekräfte beschäftigen sich 24 Stunden am Tag nur mit dem Thema Corona.

„Die Pflegekräfte sind stolz, in den Covid-Bereichen zu arbeiten.“

Wie können Sie als Pflegedirektorin da helfen?

Shmalia: Ich habe immer ein offenes Ohr, um ihnen zu helfen. Schon vor der Pandemie habe ich eine Sprechstunde eingeführt. Auch unabhängig davon kann man immer zu mir kommen. Zum Thema Angst vor einer Infektion: Vor Beginn der Pandemie hatten die Mitarbeiter auf jeden Fall Angst vor einer Infektion. Wir haben sie speziell geschult, Abläufe angepasst und immer wieder gezielt informiert. Es waren gute und erfolgreiche Maßnahmen. Das mache ich daran fest, dass wir jetzt in der zweiten Welle mehr Sicherheit haben. Das spürt man daran, dass die Fragen weniger werden. Die Mitarbeiter auf der Covid- oder der Intensivstation leisten hervorragende Arbeit. Sie sind Experten in diesen Bereichen geworden. Die Pflegekräfte sind stolz, in den Covid-Bereichen zu arbeiten.

Steht für die Pfleger genug Hygienematerial wie Einmalhandschuhe, Atemschutzmasken und Hygieneanzüge bereit?

Shmalia: Ja, zum Glück ist alles ausreichend vorhanden. Das ist auch ein Vorteil unserer Konzernstruktur. Wir hatten in den Sommermonaten Zeit, unsere Beschaffungsprozesse zu stabilisieren. So haben wir alle Mitarbeiter im klinischen Bereich mit FFP-2-Masken ausgestattet. Das gibt viel mehr Sicherheit.

In diesen von einer Pandemie geprägten Zeiten den Überblick zu behalten, ist sicher ein Kraftakt. Was beschäftigt Sie derzeit?

Shmalia: Seit Beginn der Pandemie sehr viel. Wir haben rund um Covid-19 die Prozesse gut angepasst. Ich hoffe, dass das ausreicht. Ich wünsche mir so wie alle, dass Covid-19 bald nicht mehr unseren Alltag bestimmt und wir normal arbeiten können. Denn ich konnte geplante Projekte dieses Jahr nicht durchführen. Ich möchte zudem weiterhin eine vertrauensvolle Ansprechpartnerin sein und in die größte Berufsgruppe am Sana-Klinikum Stabilität reinbringen. Ich wünsche mir, dass alle motiviert und gesund bleiben.

Sie sind nun knapp anderthalb Jahre Pflegedirektorin am Sana. Was läuft gut, was ist verbesserungswürdig?

Shmalia: Als ich gestartet bin im letzten Sommer, habe ich viele motivierte Menschen kennengelernt. Aber direkt festgestellt, dass das Sana viel Potenzial hat. Ärzte und Pflegende arbeiten hier auf Augenhöhe in einem interdisziplinären Team. Und es besteht eine unheimlich hohe Identifikation mit der Klinik. Das Wir-Gefühl hat sich in der Pandemie noch positiv verstärkt. Verbesserungswürdig ist das Thema Digitalisierung. Das ist der Wunsch aller im Haus. Die digitale Pflegeakte würde die Pfleger im Alltag entlasten. Ich habe noch ganz viele Ideen.

Zum Beispiel?

Shmalia: Zum Beispiel eine Erneuerung des Pflegekonzepts. Ich würde gerne die Bereichspflege einführen. Dabei teilen sich die Pflegenden pro Schicht in Bereiche auf: Ein Pfleger nimmt sich beispielsweise zehn Patienten von Bereich A vor, der andere pflegt Bereich B. Es ist wichtig, dass ich als Pfleger auch wirklich alles bei den Patienten mache: die Visite begleiten, Körperpflege, Essensausgabe et cetera. Das ist einer meiner Herzenswünsche. Ich möchte die Motivation der Pflegekräfte gern belohnen und sie auch nach außen hin wertschätzen. So dass Pflegekräfte gerne zahlreich nach Remscheid streben.

Apropos Wertschätzung: Haben Sie eigentlich eine Heldenprämie eingeführt? Und was verdient ein Pfleger am Sana-Klinikum?

Shmalia: Wir gehören zu den Kliniken, die aufgrund eines erhöhten Aufkommens der Versorgung von Corona-Patienten die vom Bundestag für den Krankenhausbereich beschlossene Prämienzahlung anteilig erhalten. Diese geben wir nach den Vorgaben, die der Gesetzgeber festgelegt hat, weiter. Zusätzlich ist im Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes festgelegt, dass eine weitere Corona-Prämie von bis zu 600 Euro – unabhängig davon, ob individuell eine besondere Belastung durch infizierte Patienten bestanden hat – ausgezahlt wird. Da wir diesen Tarifvertrag anwenden, erhalten unsere Pflegenden auch diese Sonderzahlung. Der Verdienst der Pflegekräfte richtet sich demnach auch nach dem Tarifvertrag. Uns ist und war es während der gesamten Zeit wichtig, den Mitarbeitern auch mit der einen oder anderen Aktion ein Zeichen unserer Anerkennung zu geben. Pflegekräfte verdienen unsere komplette Anerkennung, gerne auch monetär, aber bitte nicht nur. Die Politik ist gefragt, angesichts des bundesweiten Fachkräftemangels unseren Beruf attraktiver zu machen für junge Menschen.

Im Zuge der Corona-Pandemie ist erneut eine Diskussion um den Pflegeberuf entbrannt. Welchen Stellenwert hat er heute?

Shmalia: Für mich war, ist und bleibt der Pflegeberuf immer von hohem Stellenwert. Ich habe mich damals zur Ausbildung als Krankenschwester entschieden, weil es mein Kindheitstraum war. Ich bin stolz darauf. Ich liebe diesen Beruf. Der Pflegeberuf ist ein Beruf mit vielen Facetten und Entwicklungsmöglichkeiten. Und man lernt nie aus. Pflege ist das Bindeglied zwischen Arzt und Patient. Es ist gut, dass die Pflege weltweit derzeit diskutiert wird und anders wahrgenommen wird als vor der Pandemie. Denn es ist ein unverzichtbarer Beruf mit einer hohen Verantwortung.

Was halten Sie von dem Modell, wie es in skandinavischen Ländern praktiziert wird, bei dem Mütter mit Kindern jeweils in Teilzeit arbeiten und sich im Schichtdienst abwechseln?

Shmalia: Die Modelle kenne ich. Sie sind super, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Auch wir haben so ein Modell. Wir haben vor einem Jahr den ,flexing pool‘ installiert. Wir haben dabei um die 20 Pflegekräfte eingestellt – ein großer Teil sind Mütter, aktuell auch ein Vater. Das Schöne ist, dass sie den Dienstplan so angeben können, wie sie möchten. Sie bestimmen ihn selbst. Eine Mutter, die montags bis freitags um 9 Uhr startet und um 13 Uhr die Klinik verlässt, kann so ihre beiden Kinder in die Kita bringen und wieder abholen. Das Konzept kommt gut an. Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein wichtiges Thema.

Zur Person

Die gebürtige Solingerin Jasmin Shmalia (41) ist ausgebildete Krankenschwester. 15 Jahre hat sie im Klinikum Solingen gearbeitet, war dort Stationsleitung. 2013 absolvierte sie ein Masterstudium an der Hochschule Osnabrück im Bereich Management im Gesundheitswesen. Von 2013 bis Sommer 2019 hat sie im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke als Pflegedirektorin gearbeitet, ehe sie in selber Position ans Sana-Klinikum Remscheid wechselte. Shmalia ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Solingen. In ihrer Freizeit begleitet sie die Kinder zum Fußballplatz oder liest gern ein gutes Buch.

Der RGA hat vier Mediziner zu den Folgen der Corona-Pandemie für Kinder und Eltern befragt.

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