Gedenken

Pferdestall: Jugend engagiert sich im Verein

Kranzniederlegung durch den Verein Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall - hier zum Jahrestag des Bombenangriffs auf Remscheid im 2. Weltkrieg - durch Francesco Lo Pinto (vorne rechts), Andrea Blesius und Nick Jannis Schmeißer, die der Opfer gedachten. Archivfoto: Roland Keusch
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Kranzniederlegung durch den Verein Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall - hier zum Jahrestag des Bombenangriffs auf Remscheid im 2. Weltkrieg - durch Francesco Lo Pinto (vorne rechts), Andrea Blesius und Nick Jannis Schmeißer, die der Opfer gedachten.
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Gedenk- und Bildungsstätte lebt von der Arbeit des Nachwuchses - Heute stilles Gedenken an die Holocaust-Opfer.

Von Andreas Weber

Remscheid. Mit den Obermayer Awards 2021 wurden Montag in Berlin vier Bürger und zwei Vereine aus Deutschland virtuell ausgezeichnet. Zu den Preisträgern gehört das Alternative Kultur- und Bildungszentrum (AKuBiZ) in der Remscheider Partnerstadt Pirna. Die US-amerikanischen Obermayer Awards werden seit 21 Jahren an Einzelpersonen oder Gruppen verliehen, die sich in der Erinnerungsarbeit für einst lebendige jüdische Gemeinden engagieren und Vorurteile und rechtsextreme Tendenzen in der heutigen Zeit bekämpfen.

Sie würdigen auch Bürger, die die Bedeutung der jüdischen Bevölkerung für die deutsche Gesellschaft über Hunderte von Jahren aufzeigen, bevor die Nationalsozialisten ihren Vernichtungszug begannen. Ausgezeichnet wird darüber hinaus kreatives Engagement zur Bekämpfung von Vorurteilen und Rassismus, um der zunehmenden Verbreitung von Vorurteilen etwas entgegenzusetzen.

Seit 20 Jahren ist AKuBiZ in der historisch-politischen Bildung und in der Gedenk- und Erinnerungsarbeit tätig. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet die Remscheider Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall e.V. höchst engagiert in derselben Richtung und wird vielleicht eines Tages auch mal Preisträger sein. 71 Mitglieder zählt der Verein, in dem sich, wie bei AKuBiZ, viele junge Menschen einbringen. Im zehnköpfigen Vorstand übernehmen allein sechs Verantwortung, die Studenten oder sogar noch Schüler sind.

„Wir wollen als Verein kein EMA-Projekt sein.“
Hans Heinz Schumacher

Groß geworden sind in Remscheid viele von ihnen im Geschichts-Projektkurs des EMA-Gymnasiums. Bis heute wird er von Lehrer Klaus Blumberg geleitet. Tina Horky, die im fünften Semester Sonderpädagogik und Geschichte an der Uni Leipzig studiert, ist eine von ihnen. „Durch diesen Projektkurs bin ich zu Geschichte als Studienfach gekommen“, zollt die 21-Jährige sowohl Blumberg wie auch ihrem ehemaligen Gymnasium Respekt. Bei Horky war es das Interesse am Nationalsozialismus, das sie motivierte, die dunkle Seite der hiesigen Lokalhistorie in den 30er- und 40er-Jahren aufzuarbeiten. Für sie stellte sich die Frage: Was ist damals schiefgelaufen? Und: Was können wir daraus lernen?

Fragen, denen auch Nick Jannis Schmeißer, Physik-Student an der Uni Wuppertal, in der Vereinsarbeit nachgeht. Auch er gelangte über das EMA-Gymnasium zu den Rechercheuren. Wie Horky ist er Vorstandsmitglied. Der 21-Jährige wird als 2. Vorsitzender neben Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz heute bei einem stillen Gedenken im kleinen Rahmen zum Internationalen Holocaust-Gedenktag vor der Pferdestall-Gedenkstätte einen Kranz niederlegen. „Der Geschichtsunterricht in der Schule war viel Politik, viel Grundwissen wurde dabei vermittelt“, sagt Schmeißer.

Die Empathie für diese Themen entsteht hier vor Ort durch Gesichter, durch Zeitzeugen, durch Überlebende. Eins ist klar: „Wir wollen als Verein kein EMA-Projekt sein“, betont Hans Heinz Schumacher, der Vorsitzende. Auch an anderen weiterführenden Schulen gibt es Geschichts-AGs. Albert-Einstein-Gesamtschule und Leibniz haben angedeutet, dass sie sich bei den aktuell geplanten Gedenkstätten für Sinti/Roma, die möglicherweise am Blaffertsberg und am Gründerhammer errichtet werden könnten, als Paten einbringen werden.

Im Pferdestall-Verein wären sie sehr willkommen. Dessen Kommunikation findet seit Monaten via Bildschirm statt. Dem Einsatz der Mitglieder ist dies nicht abträglich. „Wir tauschen uns über Video öfters aus als früher“, findet Hans Heinz Schumacher. Große Veranstaltungen im Pferdestall am Quimperplatz mussten 2020 jedoch bedingt durch Corona abgesagt werden. Die zur Reichspogromnacht am 9. November fiel aus, obwohl alles geplant war mit NRW-Innenminister Herbert Reul als Ehrengast. Nächste Aktion könnte die Verlegung von weiteren Stolpersteinen in Remscheid in Höhe Klausener Straße/Klauser Delle sein.

Am 2./3. März 1943 wurden in Wuppertal, Solingen und Remscheid rund 200 Sinti und Roma aus „Zigeunerlagern“ deportiert. Darunter auch aus einem, das unweit der geplanten Stelle für die Stolpersteine in einem Waldstück aufgebaut war. Der Verein Pferdestall hofft, den Stolperstein-Künstler Gunter Demnig für die Verlegung gewinnen zu können.

Bislang widmete sich Verein der Opfer-Recherche, in Zukunft wollen sich die Mitglieder auch an die Täterforschung mit lokalem Bezug wagen. Das wird eine heikle Aufgabe, wie alle ahnen. „Da wird uns bestimmt viel Wind entgegenblasen“, meint Schumacher, lässt aber keinen Zweifel: „Aufklärung ist wichtig.“

Gedenktag

1996 wurde der 27. Januar von Bundespräsident Roman Herzog als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus eingeführt. Am 27. Januar 1945 war das Konzentrationslager Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit worden. Dort waren 1,1 Millionen Menschen ermordet worden. Seit 1996 findet jährlich eine Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag statt.

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