Interview der Woche

Personalratsvorsitzender der Stadt: „Keine Luft mehr“ bei der Personaldecke

Torsten Helbig ist seit Oktober Personalratsvorsitzender bei der Stadt Remscheid. Foto: Roland Keusch
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Torsten Helbig ist seit Oktober Personalratsvorsitzender bei der Stadt Remscheid.

Interview: Torsten Helbig, Personalratsvorsitzender der Remscheider Stadtverwaltung.

Das Gespräch führte Sven Schlickowey

Herr Helbig, wir haben uns für dieses Interview um 17.30 Uhr verabredet. Sie sind Beschäftigter im öffentlichen Dienst, glaubt man den üblichen Vorurteilen, müssten Sie längst zuhause auf der Couch sitzen.

Torsten Helbig: Glaubt man den Kommentaren bei Facebook, müsste ich da schon seit 14 Uhr sitzen.

Wie sehr entsprechen solche Vorurteile der Realität?

Helbig: Wenn wir hier wirklich so wenig arbeiten würden, wie manche glauben, würden wir sicherlich nicht diesen Berg an Überstunden und Urlaubstagen vor uns herschieben, wie wir das derzeit tun. Hierfür brauchen wir eine nachhaltige Lösung. Optimalerweise durch die Einrichtung von Langzeitarbeitskonten.

Wie reagieren Sie auf solche Vorurteile?

Helbig: Ich kann sie gut wegstecken. Ich weiß aber, dass das vielen Kolleginnen und Kollegen nahe geht. Da ist es wichtig, denen immer wieder zu sagen, dass sie einen guten Job machen. Und sich nicht von den Meckerern irritieren zu lassen, die am lautesten schreien.

Die Diskussion um den Haushalt hat ja auch den Stellenplan der Stadt wieder in den Fokus gerückt. Wie beurteilen Sie aus Arbeitnehmersicht die personelle Ausstattung der Stadt?

Helbig: Aus Arbeitnehmersicht ist immer klar: Wir haben zu wenig Personal. Den Satz muss ich sagen. Ich sage ihn aber auch aus Überzeugung. Wir sehen ja gerade jetzt in der Pandemie, wie viele Menschen auf den Staat und damit auch auf die Stadtverwaltung angewiesen sind. Beim Wohngeld zum Beispiel sind die Antragszahlen durch die Decken gegangen, da brauchen wir dringend Stellenmehrungen.

Dass immer weniger Mitarbeiter immer mehr Aufgaben erledigen müssen, ist ja auch in der freien Wirtschaft üblich, in dem Zusammenhang fallen oft Stichworte wie Rationalisierung und Digitalisierung. Warum bekommt die Verwaltung das nicht so gut hin wie ein Wirtschaftsunternehmen?

Helbig: Weil bei einer Firma die Geschäftsleitung entscheiden kann, dass man effektiver werden will, und dann entsprechend investiert. In der Verwaltung hängt das von vielen verschiedenen politischen Aspekten ab. Eine Kommunalverwaltung muss da ganz anders reagieren, hat ein breiteres Publikum und muss alle Menschen mitnehmen.

„Wir sehen ja gerade jetzt in der Pandemie, wie viele Menschen auf den Staat und damit auch die Stadtverwaltung angewiesen sind.“

Torsten Helbig

Ärgert Sie manchmal der Vergleich mit der freien Wirtschaft?

Helbig: Ja, eindeutig. Natürlich ist Verwaltung nicht mehr wie in den 60er-Jahren, natürlich haben wir eine Service-Verpflichtung für unsere Mitbürger. Wir haben aber auch ganz andere Dinge zu leisten, unabhängig von der Ertragslage. Ein gewinnorientierter Betrieb, wenn sich da eine Leistung nicht mehr lohnt, wird die nicht mehr erbracht. Das können wir so nicht machen.

Zumal ja auch neue Aufgaben hinzukommen, in diesem Jahr zum Beispiel die beiden Kinderarztpraxen.

Helbig: Die Politik möchte den Stellenabbau und hat ihn auch so beschlossen, aus bekannten Gründen. Und gleichzeitig beschließt sie so ein MVZ. Da muss man schon mal fragen, wie das zusammenpassen soll. Und da sind wir jetzt wieder beim Vergleich mit der freien Wirtschaft: Würde das ein Unternehmer machen? Nein, das ist eine politische Entscheidung. Was auch gut ist, weil wir Daseinsvorsorge zu leisten und auf die Bedürfnisse der Bürger einzugehen haben. Und nicht nur darauf, was unserem Konto gut tut.

Da müsste Sie der Begleitantrag der Gestaltungsmehrheit zum Haushalt doch gefreut haben, schließlich sendet der das Signal, dass der Stellenabbau vorbei ist.

Helbig: Ganz klar, wir können hier nicht mehr weiter runtergehen. Wir haben einfach zu leisten und da sind wir auch nicht mehr disponibel. Alles, was disponibel war, ist in den letzten Jahren hinten runtergefallen. Da ist keine Luft mehr. Mittlerweile haben wir Riesenprobleme, wenn mal jemand länger ausfällt.

Können Sie jemandem, der nicht in einer Verwaltung arbeitet, erklären, was in den Jahren der Haushaltskonsolidierung bei der Stadt Remscheid passiert ist?

Helbig: Wir haben zum Beispiel kaum noch ausgebildet, in manchen Jahrgängen gar nicht. Wir merken jetzt gerade mit dem Weggang der Babyboomer, dass da ganz viel Wissen geht, Amtsleiter, Abteilungsleiter mit einem großen Wissensschatz. Diese Menschen fehlen, da müsste jemand nachrücken, aber auf dem Markt findet man keine passenden Leute. Denn die Berufe, die wir hier brauchen, gibt es auf dem Markt nicht.

Also wäre eine Ihrer Hauptforderungen die nach mehr Ausbildungsplätzen?

Helbig: Das ist dringend notwendig. Aber dafür müssen wir moderner werden und Kapazitäten schaffen. Denn wer überlastet ist und zu wenig Personal hat, hat ja eigentlich auch nicht die Zeit, junge Menschen gut auszubilden. Andere Städte haben zum Beispiel Ausbildungszentren, wir als Personalrat haben das auch vorgeschlagen, um geballt in größeren Gruppen ausbilden zu können.

Wie hoch ist der Bedarf in Zahlen?

Helbig: Allein bis zum Jahr 2023 werden wir bei der Stadt Remscheid 98 Auszubildende weniger einstellen und ausbilden, als wir es eigentlich müssten, nur um die Abgänge zu kompensieren.

Glauben Sie, dass die Stadt überhaupt die Chance hätte, so viele geeignete Bewerber zu finden? Schließlich klagt die Wirtschaft ja schon über einen Mangel in diesem Bereich.

Helbig: Ich persönlich bin davon überzeugt, dass eine Stadtverwaltung sehr gut mit privaten Arbeitgebern konkurrieren kann. Aber dafür muss man zeigen, wie sinnstiftend die Arbeit hier sein kann. Das müssen die Kommunen, auch Remscheid, erst noch lernen. Eine Stadtverwaltung, das hat das letzte Jahr gezeigt, macht ganz viel richtig. Wenn man das rüberbringt, ist sowohl die Akzeptanz in der Bevölkerung größer, als auch bei den Bewerbern.

Zur Person

Torsten Helbig ist seit Oktober 2020 Vorsitzender des Personalrats der Remscheider Stadtverwaltung, zuvor war der Diplom-Verwaltungswirt beim Ordnungsamt tätig. Darüber hinaus ist er Vorsitzender des Remscheider Ortsverbandes der Gewerkschaft Komba. Der 40-Jährige, der früher Handball und American Football gespielt hat, ist in Wuppertal aufgewachsen, lebt aber seit einigen Jahren mit seiner Frau in Lennep.

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