Interview der Woche

Pandemie wird in Vergessenheit geraten

Prof. Dr. Peter Zimmermann forscht an der Bergischen Universität Wuppertal zur Entwicklung unter belastenden Lebenslagen. Sina Schuldt/dpa
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Prof. Dr. Peter Zimmermann forscht an der Bergischen Universität Wuppertal zur Entwicklung unter belastenden Lebenslagen.

Prof. Dr. Peter Zimmermann vom Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie über die Auswirkungen der Pandemie

Das Gespräch führte Alexandra Dulinski

Sinkende Inzidenzen, mehr Geimpfte. Ein Ende scheint in Sicht. Was hat die Pandemie mit uns gemacht?
Prof. Dr. Peter Zimmermann: Ich glaube, dass die Pandemie noch lange nicht besiegt ist. Psychisch ist die Pandemie für viele eine zusätzliche Belastung zur bisherigen Lebenssituation. Die Pandemie ist nicht vorhersehbar, verändert sich dauernd, mit erster Welle, zweiter und dritter Welle, „neuer Normalität“, ist schwer zu kontrollieren und dauert schon lange an. Dies ist für alle herausfordernd. Die schlimmsten psychischen Konsequenzen hat sie, wenn zur bisherigen Anzahl an Lebensbelastungen noch zusätzliche Belastungen hinzukommen, wie die Angst um die berufliche Existenz, der Verlust geliebter Menschen oder Beruf und Familie neu zu vereinbaren. Mehr Belastung ist gerade auch auf die Familien zugekommen. Je mehr Belastungsfaktoren vorher schon da waren, umso größer die psychische Belastung und das Risiko für psychische Probleme und das Gefühl, man kommt mit dem Leben nicht mehr so gut zurecht.
Sie sprechen von Belastungsfaktoren. Gibt es denn auch regelrechte Symptome, die damit einhergehen?
Zimmermann: Ich glaube nicht, dass es typische psychische Covid-Symptome gibt. Aus der Resilienzforschung ist bekannt, dass mit jedem zusätzlichen Risikofaktor psychische Probleme wahrscheinlicher werden. Als die Pandemie losging, zeigten sich im Sommer 2020 vermehrt Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen, noch nicht vermehrt Depression. Auch andere Studien zeigen weniger Lebenszufriedenheit vor allem bei Eltern, aber vorrangig ist bei vielen eher das Gefühl von Erschöpftsein. Die Pandemie wirkt sich unterschiedlich auf die Menschen aus. Einsamkeit vor allem im ersten Lockdown berichten vor allem junge Menschen, Senioren aber kaum. Auch deshalb weil es bei den Entwicklungsaufgaben Jugendlicher und junger Erwachsener um den Aufbau neuer Freundschaften oder Partnerschaften geht, dies haben Senioren meist schon abgeschlossen.
Sie sprachen über Familien. Kinder und Jugendliche gelten als Hauptverlierer. Viele Experten sprechen von der Generation Corona. Gibt es die überhaupt?
Zimmermann: Ich glaube nicht, dass man davon sprechen kann. Corona trifft nicht nur eine Generation. Es trifft alle. Man sollte die Generationen nicht gegeneinander ausspielen. Vor Corona litten etwa 15 Prozent der Kinder an Angststörungen, im letzten Sommer etwa 24. Das ist ein relevanter Anstieg, auch Krankenkassen melden mehr Behandlungen, aber die Mehrheit der Kinder leidet nicht verstärkt unter psychischen Problemen. Studien mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigen oft erstaunlich wenig Veränderung psychischer Probleme, wenn man den Durchschnitt betrachtet. Möglicherweise ist der Effekt nicht allein auf die Corona-Pandemie zurückzuführen, sondern psychische Probleme von Jugendlichen waren auch schon vorher da.
Der Effekt ist Corona nicht zuzuschreiben, woran liegt es dann?
Zimmermann: Nicht alleine. Die erhöhten Anforderungen und Umstellung des Lebens durch Corona trifft nicht alle gleich. Es kommt auf die Anzahl an Belastungen an, die vorher auch schon da waren. Je mehr Belastung, umso schwerer ist es, diese zu kompensieren. Studien zeigen, dass Kinder aus Familien mit vielen Belastungsfaktoren, wie wenig finanzielle Ressourcen, beengter Wohnraum, geringes Bildungsniveau, dort, wo Homeoffice der Eltern nicht ohne weiteres möglich ist, deutlich mehr psychische Probleme und Konflikte in Familien aufweisen als Kinder aus Familien mit besseren Lebensbedingungen. Corona verschärft den schon bestehenden Unterschied. Dort wo die Auswirkungen bewältigbar bleiben oder Corona die Lebensbedingungen entschleunigt, findet man keine drastischen Auswirkungen.
Kinder gelten als Verdrängungskünstler. Bricht das irgendwann heraus?
Zimmermann: Ich finde überhaupt nicht, dass Kinder Verdrängungskünstler sind. Sie sind sehr emotional und brauchen ihre Bezugspersonen, um ihre Emotionen zu regulieren und dies bei ihnen zu lernen, also jemanden, der sie beruhigt, ermutigt und strukturiert. Wenn Eltern selbst durch Corona belastet oder konstant genervt sind, fehlt den Kindern diese Unterstützung. Dann wird für die Kinder die Pandemie auch belastend. Kinder leben stärker im Hier und Jetzt als Erwachsene, die auch an die Probleme der Zukunft denken. Wenn Kinder also bei Belastung beruhigt werden, ist die Welt für sie schneller wieder in Ordnung als für Erwachsene.
Sie sagen, Erwachsene sind da anders. Wie wird sich die Pandemie auf Erwachsene auswirken?
Zimmermann: Auch bei Erwachsenen sind die Unterschiede in der Belastung und in den Auswirkungen groß. Wer erlebt, dass sein Lebensunterhalt oder die berufliche Zukunft bedroht ist, wer in medizinischen oder Pflegeberufen gefordert ist, wer jemanden verloren hat, ist klar belastet. Bei anderen sind die Belastungen weniger gravierend. Große, deutschlandweite Befragungen zeigen vielleicht auch deshalb, dass die Lebenszufriedenheit in der Pandemie im Schnitt gesunken ist, aber erstaunlicherweise nicht so stark, wie man vielleicht erwartet hätte. Neben den Belastungen ist die eigene Reaktion aber auch wichtig. Wenn man an der Pandemie und den beruflichen und gesellschaftlichen Einschränkungen nichts ändern kann, kommt es darauf an, wie man sich selbst an die Situation anpasst. Studien zeigen, wer Unsicherheit im Leben nicht gut aushalten kann, ist während der Pandemie stärker belastet. Die Fähigkeit zur Emotionsregulation, der Veränderung eigener negativer Gefühle, ist also auch während der Pandemie wichtig.
Was kann denn jeder selbst tun, um heil aus der Pandemie hervorzugehen?
Zimmermann: Studien deuten darauf hin, dass diejenigen, die sich bei schlechter Stimmung Dinge suchen, die ihnen gut tun, ihnen Spaß machen und selbstwirksam bleiben, auch in Corona-Zeiten weniger belastet sind. Was man tut, ist individuell verschieden. Manche verbringen ihre Zeit dauerhafter mit wenigen, aber ausgewählten Menschen, nutzen den Austausch mit ihrem Freundeskreis und der Familie, um die Belastung zu verringern, fangen Freizeitbeschäftigungen an, die vorher altbacken waren, wie Wandern oder spazieren gehen. Je häufiger man bewusst seine Emotionen wieder ins Positive verändert, umso besser.
Wie wahrscheinlich ist es, dass Menschen wieder in volle Stadien, Bars und auf Festivals gehen?
Zimmermann: Oh, das ist sehr wahrscheinlich. Das ist ein Grundbedürfnis nach Gemeinschaft bei vielen Menschen, vor allem für Extrovertierte. Die Öffnung der Pubs in England hat es gezeigt. Wer aber vorher schon ängstlicher war, wird noch zurückhaltend bleiben.
Werden manche Menschenansammlungen meiden?
Zimmermann: Ich glaube, dass es einen gewissen Prozentsatz an Personen geben wird, die noch länger vorsichtig sein werden, weil sie die Pandemie als reale Bedrohung erleben.
Das heißt aber, es wird doch irgendwann wieder so, wie es mal war?
Zimmermann: Langfristig vermute ich das sehr stark. An die Spanische Grippe erinnert sich keiner mehr. Auch, wenn das Internet alles besser dokumentiert, bei der Einschätzung von Gefährdung erinnert sich der Mensch meist eher nur an die letzte Zeit. Deutlich schwerer wird es für diejenigen, die jemanden verloren haben, deren Existenz kaputtging. Für andere wird das langfristig eine Zeit werden, an die man eher anekdotisch zurückdenkt.
Corona wird nicht das letzte Virus sein. Sind wir mit den Erfahrungen für die nächste Pandemie besser gerüstet?
Zimmermann: Ich glaube schon. Wir haben mehr Routine, Wissen und Tests, um die Ausbreitung von Viren zu bremsen, als zu Beginn. Ich vermute, dass Dinge, die vorher eher als seltsam gesehen und diskutiert wurden, wie das Tragen von Masken, von mehr Menschen als Schutzmaßnahme in Zukunft akzeptiert werden als früher. Außerdem ist der Mensch ein Gewohnheitstier. Wenn er etwas schon kennt, ist die Hemmschwelle niedriger, es erneut zu machen, vor allem, wenn man sich dadurch selbstwirksam fühlt. Vielleicht gilt das auch für Dinge, die man gelernt hat, um trotz Einschränkungen und mangelnder Planbarkeit immer wieder auch ein zufriedenes Leben führen zu können. Die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub galt lange Zeit als wichtige Eigenschaft für ein gelingendes Leben. In unserer Gesellschaft ist die schnelle Wunscherfüllung immer leichter und üblicher geworden. Das hat sich durch die Pandemie verändert. Vielleicht ist in diesen Zeiten geringerer Planbarkeit diese Fähigkeit wieder relevanter geworden.

Zur Person

Prof. Dr. Peter Zimmermann

Prof. Dr. Peter Zimmermann forscht zum Bereich Eltern-Kind-Bindung, Entwicklung unter belastenden Lebenslagen und zur Emotionsregulation im Lebenslauf. Er ist seit 2009 an der Bergischen Universität Wuppertal und leitet dort den Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie.

In unserem Live-Blog finden Sie alle Informationen rund um das Coronavirus in Remscheid. Der Blog wird laufend aktualisiert.

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