Meine erste Platte

Oma hat beim Kartoffelschälen die Internationale gesungen

Die Liedermacher der linken Musikszene wie Hannes Wader gehörten zu Fritz Beinersdorfs Favoriten. Foto: Roland Keusch
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Die Liedermacher der linken Musikszene wie Hannes Wader gehörten zu Fritz Beinersdorfs Favoriten.

Fritz Beinersdorf erste Platte war ein Geschenk – Eine Single von den Rolling Stones

Von Peter Klohs

Remscheid. Fritz Beinersdorf grübelt. „Meine erste Platte“, sinniert er, „ach Gott. War das jetzt ‚Help’ von den Beatles oder ‚I can’t get no satisfaction’ von den Rolling Stones?“ Und schon sind wir mitten in der Fachsimpelei. Gehörte er denn nicht, wie viele damals, zu einem der musikalischen Lager? Eher der hippe Beatles-Fan oder eher Liebhaber der raueren Töne der Stones? „Nein“, antwortet der ehemalige Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke im Remscheider Stadtrat. „Das war mir damals völlig egal. Und ist es heute auch noch. Beide Bands haben gute Musik gespielt.“

Und dann kommt ihm die Erkenntnis: Seine erste Platte war die von den Rolling Stones. Die hat er jetzt nicht mehr zur Verfügung („Ich habe nur noch CDs.“), aber die Beatles-Single lässt sich für das Foto noch besorgen. „Die Stones-Single hat mir eine damalige Freundin geschenkt“, weiß Beinersdorf. „Ich habe alle meine Platten geschenkt bekommen. Geld ausgegeben habe ich für Schallplatten nie.“

Fritz Beinersdorf, der in ein paar Tagen 77 Jahre alt wird, wuchs gemeinsam mit zehn Geschwistern in einem politisch links geprägten Elternhaus auf. „Wir haben alles Geld sofort zu Hause abgegeben“. Und er erinnert sich schmunzelnd: „Die Oma hat beim Kartoffelschälen immer die Internationale gesungen.“

Erste Berührungen mit Musik erfuhr der junge Fritz als Sänger in einem Chor. „Das war der legendäre Klampfenchor in Remscheid“, erzählt er, „und dort singen zu können, war schon etwas Besonderes.“ Nach der Bundeswehr besuchte Beinersdorf die Burg Waldeck. Bei einem dort stattfindenden Musik-Festival wurde er auf Hannes Wader aufmerksam. „Da bin ich dann auf den Geschmack gekommen. Aber die Volkslieder, die auch Wader damals sang, hatten einen schlechten Ruf, weil viele von denen von den Nazis gesungen worden waren. Aber bei Wader ist es Spaß.“

Bei den Essener Songtagen 1968 gab es außer Folk, Liedermacher, die zumeist Protestsongs sangen, und Rock – auch den exzentrischen Frank Zappa zu hören. „Den habe ich tatsächlich live gesehen.“ Kurz beneide ich ihn. „Dieter Süverkrüp, Franz Josef Degenhardt, den 2011 verstorbenen Liedermacher aus Schwelm, die Kölner Polit-Rockband Floh de Cologne, Lokomotive Kreuzberg aus Berlin, das war eine komplette Bewegung, deren Musik mich immer fasziniert hat. Später kam noch das Folk-Duo Zupfgeigenhansel hinzu, die uns mit ihrer Platte ‚Jiddische Lieder’ auch das Leid und das Leben des jüdischen Volkes nahe brachte.“

Mitorganisator eines Konzertes von Harry Belafonte

Auch die Musik von Mikis Theodorakis (Canto General mit Texten von Pablo Neruda) und Miriam Makeba (Pata Pata) hörte er gerne an. „Bis heute.“ Für Harry Belafonte war Fritz Beinersdorf Mitorganisator eines Konzertes in der Düsseldorfer Philipshalle.

Aber auch klassische Musik kann der gelernte Destillateur genießen. „Ich höre sehr gerne Johann Sebastian Bach und Beethoven. Und auch die Musik von Richard Wagner. Der war ja nicht nur antisemitisch, sondern auch revolutionär.“ Beinersdorf lässt keinen Zweifel daran, dass er Werk und Künstler trennen kann. „Ich kann viele Arten von Musik mit Gewinn anhören“, sagt er. „Nur ‚tümelnde’ Texte lehne ich ab.“ Und er gibt anschauliche Beispiele zum Besten, die man, wenn man will, auch heutzutage noch haufenweise in der Schlagermusik vorfinden kann.

Zur Person

Fritz Beinersdorf, fast 77 Jahre alt, war bis zum September 2020 Fraktionsvorsitzender der Partei Die Linke im Remscheider Stadtrat und zog sich nach der Diagnose einer schweren Krankheit von allen politischen Ämtern zurück. Heute geht es dem gelernten Destillateur gut, und er schaut positiv in die Zukunft. Obwohl Musik für ihn nicht mit einem politischen Inhalt verknüpft sein muss, hat ihn die linke Musik-Szene Zeit seines Lebens begleitet.

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