Ein Jahr Corona in Remscheid

Oktober / November: Das Virus gewinnt deutlich an Tempo

Remscheid wird zur Bühne von Hetzern, die Sana-Intensivstation arbeitet am Limit

Remscheid. Nur kurzzeitig fällt die Sieben-Tage-Inzidenz Anfang Oktober unter den Schwellenwert von 50. Dann steigt sie rasant. Vom 12. auf den 30. Oktober schnellt die Vergleichszahl von 43 auf 254,2. Das ist der höchste Wert, der in Remscheid zwischenzeitlich gemessen wird.

Die Stadt erhält Verstärkung: Am 1. Oktober rücken zehn Soldaten der Bundeswehr an. Für das Gesundheitsamt nehmen sie Abstriche in den Alten- und Pflegeheimen. Im Gespräch mit Neuinfizierten versuchen sie, die Ansteckungsketten nachzuvollziehen. Die Remscheider sind froh über die Helfer in Uniform. Ohne sie wäre die Nachverfolgung der Infektionsketten längst nicht mehr leistbar.

Am 5. Oktober wird der Theodor-Heuss-Platz vor dem Rathaus zur Bühne von Hetzern und Wirrköpfen. Annähernd 250 Kundgebungsteilnehmer bereiten zwei Rednern einen jubelnden Empfang, die alles Mögliche sind, aber von einer Lungenkrankheit verstehen sie nichts. Die Demonstranten klatschen und jubeln selbst dann noch, als von der Lkw-Bühne solche Sätze zu hören sind: „Heute sitzen die Faschisten in den Regierungen und die Demokraten stehen auf der Straße.“

Das Ziel dieser Querdenker ist eindeutig: Nach der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 ist die Corona-Pandemie für sie ein weiteres Vehikel, um das politische Klima im Land zu vergiften. Die gute Nachricht: Die Remscheider machen dabei in übergroßer Zahl nicht mit. Die meisten Teilnehmer der Demo sind aus anderen Landstrichen nach Remscheid gekommen. Um ihre Heimatstadt nicht noch einmal Verschwörungsideologen und rechten Hetzern zu überlassen, veranstalten einige Remscheider zum zweiten angekündigten Aufmarsch eine Gegendemonstration. Am Ende fällt der Protest gegen die Schutzmaßnahmen buchstäblich ins Wasser: Am 25. Oktober regnet es ohne Unterlass und statt 1500 Teilnehmern stehen nur ein paar Dutzend vor dem Rathaus. Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz kommentiert das trocken: „Auf das bergische Schmuddelwetter ist eben Verlass.“

Wir müssen davon ausgehen, dass die intensivmedizinsche Versorgung nicht mehr lange ausreicht.

Oberbürgermeister von Remscheid, Solingen und Wuppertal

Er dient dem Kampf gegen Corona und eröffnet seinen Betreibern zugleich ein neues Geschäftsfeld: Am 7. Oktober nimmt auf der Alleestraße ein Corona-Walk-In seine Arbeit auf. In dem roten Container an der „Zange“ können sich die Remscheider gegen Bezahlung testen lassen. Schon bald ist der Walk-In mit bis zu 400 Tests pro Tag überlastet. Denn die Remscheider kommen in großer Zahl. Jene vor allem, die in Urlaub fahren wollen. Zunächst müssen sie für den Test selbst in die Tasche greifen, dann muss der Steuerzahler dafür zahlen, weil die Regierenden das so für richtig halten.

8. November: Der Frust nimmt zu. Auch unter Jugendlichen. Ordnungskräfte lösen eine Corona-Party auf. 30 Jugendliche haben auf einem Spielplatz gefeiert. Auch auf den Sportplätzen ist nach wie vor viel los. Bis zum Ende des Jahres sprechen die Ordnungsbehörden 318 coronabedingte Platzverweise aus und leiten 1034 Bußgeldverfahren ein.

Ab dem 17. Oktober muss die Stadt analog zu Landesrecht die Regeln verschärfen. Es gelten eine Sperrstunde für die Gastronomie und weitere Beschränkungen für Treffen im öffentlichen Raum. Am 21. Oktober kommt in der Innenstadt die Pflicht zum Tragen der Maske hinzu. Ein Remscheider klagt dagegen und scheitert.

In den Kliniken steigen die Patientenzahlen. Dennoch starten die Schulen nach den Herbstferien am 26. Oktober wieder in den Präsenzunterricht. Die Rufe nach geteilten Klassen werden lauter. Nach einem Modell, wie es die Solinger fahren wollen. Dort sollen ab November die Klassen halbiert werden. Der Plan: Die eine Hälfte wird in der Schule unterrichtet, die andere arbeitet daheim. Nach einer Woche wird gewechselt. Die Landesregierung verbietet das „Solinger Modell“ einen Tag, bevor es starten soll.

Sie haben Tische rausgeräumt, Acrylscheiben und Luftfilter installiert und auch die neue Sperrstunde akzeptiert: Die Gastronomen haben alles unternommen, um das Infektionsrisiko zu begrenzen, und nicht ein einziger Infektionsfall lässt sich auf einen Gastronomiebetrieb in Remscheid zurückführen. Nicht wenige sehen sich deshalb zu Unrecht bestraft, als die Branche Anfang November erneut schließen muss. Nur der Einzelhandel bleibt noch geöffnet.

Am 3. November schaltet das Sana-Klinikum seine Corona-Ampel auf Rot. Die Intensivstation arbeitet am Limit. Solingen bietet Hilfe an, will Intensivpatienten aus Remscheid aufnehmen. Angesichts der sich verschärfenden Situation in den Kliniken schreiben die drei bergischen Oberbürgermeister einen Brandbrief: „Bei Inzidenzwerten von weiterhin über 200 und der bereits hohen Auslastung der Intensivbetten mit Beatmung müssen wir davon ausgehen, dass insbesondere die intensivmedizinische Versorgung der Bürgerinnen und Bürger in unseren Städten nicht mehr lange ausreichen wird, um Menschenleben zu retten“, heißt es in dem Schreiben an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und seinen NRW-Kollegen Karl-Josef Laumann (beide CDU). Ihre Forderung: Die Kliniken sollen nicht notwendige Eingriffe verschieben, so Kapazitäten für Corona-Patienten freihalten und dafür finanziell entschädigt werden.

23. November: Im Rathaus mehren sich die Drohmails: Wenn er ihm weiter das Recht auf saubere Atemluft verwehre, dann sei er seines Lebens nicht mehr sicher, lässt ein Schreiber den Oberbürgermeister wissen. Doch der steht nicht als einziger im Fokus der Wirrköpfe: In zeilenreichen Schreiben wird Gesundheitsamtsleiter Dr. Frank Neveling aufgefordert, Impfstoff auch für Hunde bereitzuhalten. Andere halten fest, dass sie sich auf gar keinen Fall impfen lassen. Dabei hat sie dazu niemand aufgefordert. -ric-

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