Albert-Schweitzer-Realschule

NS-Zeit überlebt, um davon zu erzählen

Henriette Kretz überlebte die Verfolgung durch die Nazis. In der Albert-Schweitzer-Schule berichtete sie über den Holocaust. Foto: Doro Siewert
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Henriette Kretz überlebte die Verfolgung durch die Nazis. In der Albert-Schweitzer-Schule berichtete sie über den Holocaust.

Die Jüdin Henriette Kretz schilderte Schülern, wie sie als Kind den Nazi-Terror überlebte.

Von Sabine Naber

Aufmerksamere Zuhörer als die Schüler der Albert-Schweitzer-Realschule hätte sich Henriette Kretz (84) am Montag im Forum der Schule nicht wünschen können.

Immer wieder reist die Holocaust-Überlebende von Antwerpen nach Deutschland, um Jugendlichen über ihre Erlebnisse während der Nazi-Zeit zu berichten, in der sie ihre ganze Familie verloren ha: „Nur mein Onkel und ich blieben am Leben. Alle anderen wurden ermordet, nur weil sie Juden waren“, sagt sie. Und betont: „Ich habe überlebt, um heute davon zu erzählen.“

Sie schilderte ihre Kindheit in Polen, wo ihr Vater als Arzt arbeitete und sie mit dem Kindermädchen Helen sonntags in die katholische Kirche ging. „Ich sah den Priester in seinem weißen Gewand bis zur Erde. Und habe mich gefragt, ob er wohl Beine hat. Dann habe ich seine Soutane aufgehoben. Ja, er hatte welche“, erzählte sie.

Die Deutschen hätten Polen in vier bis sechs Wochen erobert. Ihr Vater kam mit einem Lastwagen voller Verwundeter Polen ins Dorf. „Da wusste ich, dass Krieg etwas Furchtbares ist.“ Die Menschen seien von Westen nach Osten vor den Deutschen geflohen. Und von Osten nach Westen vor den Russen. „Ich war in einem russischen Kindergarten, als mein Vater in einem Erholungsheim in Sambor in der heutigen Westukraine arbeitete. Dort hing ein Bild von Stalin, der Vater genannt wurde. In Wirklichkeit aber ein ebenso blutiger Mörder war wie Hitler.“

Henriette Kretz durfte nicht in die Schule gehen, weil sie Jüdin war. „Hitler bezeichnete Juden und Zigeuner als Untermenschen. Sie hatten keinen Platz in seinem erträumten tausendjährigen Reich. Sie mussten verschwinden.“

Eine Nonne versteckte elf jüdische Kinder im Kloster

Als zwei deutsche Soldaten die Tür ihrer Wohnung mit einem Gewehrkolben einschlugen, wurde die Familie abgeführt. Mehrmals gelang es dem Vater, die Familie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Immer wieder mussten sie sich verstecken. Bei einer dieser Säuberungsaktionen wurde die Achtjährige in einem Frauengefängnis untergebracht. „Ich weigerte mich, zu essen. Ich wollte lieber verhungern, als erschossen zu werden.“

Wer damals Juden versteckte, der habe sein Leben riskiert. „Trotzdem gab es welche, die es taten. Das sind Helden“, sagt Henriette Kretz. Ein ukrainischer Feuerwehrmann sei ein solcher Held gewesen. Habe die Familie im Winter im Kohlenkeller versteckt, im Frühling auf dem Dachboden. „Nach den Monaten im immer dunklen Keller erschien uns der Dachboden wie der Eingang zum Paradies.“

Das Versteck flog im Sommer auf. Während Henriette weglief, hörte sie Schüsse. „Da wusste ich, dass ich keine Eltern mehr hatte.“ Sie wusste nicht wohin, erinnerte sich dann an eine Patientin ihres Vaters, die im Kloster lebte. Sie wurde ins Waisenhaus geschickt. „Nie im Leben habe ich mich so einsam gefühlt“, sagt sie. Und ist Schwester Cellina dankbar, die sie und zehn weitere jüdische Kinder versteckte, bis sie befreit wurden.

Wie durch ein Wunder wird sie von ihrem Onkel gefunden, reiste mit ihm nach Antwerpen. Außer ihrer eigenen Geschichte schildert die Holocaust-Überlebende, wie die Nazis die jüdische Frage lösen wollten: „70 000 Juden waren in der Schlucht bei Kiew erschossen worden. Junge SS-Offiziere, durch nationalsozialistische Propaganda gedrillt und überzeug, dass Juden Monster sind, taten es. Aber man erkannte, dass Erschießungen schlecht für die Moral der Truppe waren. Deshalb wurden schnell Vernichtungslager gebaut. Die Menschen dachten, in einer Dusche zu stehen. Aber statt Wasser kam Gas.“

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