Erinnerung an großes Unrecht

Niederländer stellten die größte Gruppe unter den Häftlingen im Zuchthaus Lüttringhausen

Kurz nach der Befreiung durch die Amerikaner Ende April 1945 im Zuchthaus Lüttringhausen: Vermutlich niederländische Häftlinge, die bereits Zivilkleidung tragen. Einer von ihnen (l.) bringt einen Kuchen. Sie feiern wahrscheinlich den Geburtstag der niederländischen Prinzessin Juliana. Foto: JVA-Archiv
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Kurz nach der Befreiung durch die Amerikaner Ende April 1945 im Zuchthaus Lüttringhausen: Vermutlich niederländische Häftlinge, die bereits Zivilkleidung tragen. Einer von ihnen (l.) bringt einen Kuchen. Sie feiern wahrscheinlich den Geburtstag der niederländischen Prinzessin Juliana.

Dritter Teil der RGA-Serie über die ausländischen Häftlinge im Zuchthaus Lüttringhausen in der Nazi-Zeit.

Von Armin Breidenbach

Remscheid. Von Januar 1933 bis Mai 1945 waren im Zuchthaus Lüttringhausen insgesamt etwa 10 000 Häftlinge aus politischen oder anderen Gründen eingesperrt. Unter diesen befanden sich über 1 000 ausländische Gefangene, von denen die meisten während des Zweiten Weltkriegs in Haft waren. In der Vorkriegszeit waren hingegen nur wenige Ausländer in Lüttringhausen inhaftiert. So wurden dort ab März 1941 – möglicherweise auch früher – Niederländer eingeliefert, die durch Militärgerichte in den besetzten Niederlanden zu Zuchthausstrafen verurteilt worden waren und diese in Deutschland verbüßen sollten.

Aber auch Niederländer, die während des Krieges als „Zivilarbeiter“ in Deutschland arbeiteten, hier auffällig und von deutschen Gerichten verurteilt worden waren, wurden nach Lüttringhausen verbracht. Allein an Hand der am 8. Februar 1950 vom Vorstand der Strafanstalt erstellten Listen aller ausländischen und staatenlosen Personen, die vom 3. September 1939 bis 8. Mai 1945 im Zuchthaus Lüttringhausen inhaftiert waren, ließen sich 294 Strafhäftlinge, 24 Untersuchungshäftlinge und 105 weitere Häftlinge ermitteln, die aus den Niederlanden stammten.

Als Kurier der Widerständler von „Dienst-Wim“ zum Tode verurteilt

Mit mindestens 423 Häftlingen stellten die Niederländer die größte Gefangenengruppe im Zuchthaus Lüttringhausen dar. Nach derzeitigem Forschungsstand waren etwa 150 von ihnen aus politischen Gründen dort eingesperrt gewesen. Dazu gehörte Adriaan Anton van Amerongen (15.7.1902 - 27.10.2001), der am 17. November 1941 wegen Feindbegünstigung von einem deutschen Militärgericht zu lebenslang Zuchthaus verurteilt worden war. Am 4. Februar 1942 wurde er in Lüttringhausen eingeliefert; am 27. September 1944 erfolgte seine Überführung in das Zuchthaus Hameln.

Ebenfalls zu den politischen Gefangenen zählte Derk Heero Schortinghuis (29.5.1912 - 21.6.1998), der als wichtigster Kurier der niederländischen Widerstandsorganisation „Dienst-Wim“ gegen die deutschen Besatzer gearbeitet hatte. 1944 wurde er in einem Massenprozess gegen Mitglieder dieser Gruppe vom deutschen Luftgaufeldgericht zum Tode verurteilt. Dieses Gericht hatte in jenem Prozess insgesamt 45 Todesurteile und vier Freiheitsstrafen verhängt; allerdings wurden die Todesurteile zunächst nicht vollstreckt. Schortinghuis wurde später mit weiteren zum Tode verurteilten niederländischen Gefangenen in das Gefängnis Anrath überführt.

Am 5. September 1944 wurde er von dort in das Zuchthaus Lüttringhausen eingewiesen, um am 2. November 1944 nach Hameln überstellt zu werden. Schortinghuis, der im April 1945 durch amerikanische Truppen befreit worden war, veröffentlichte vor 20 Jahren seine Erlebnisse im Widerstand und in der Haft in seinem Buch „Met de dood voor ogen“ („Mit dem Tod vor Augen“). Nachdem die amerikanischen Truppen am 15. April 1945 auch das Zuchthaus Lüttringhausen besetzt hatten, stand die Überprüfung und Entlassung dort einsitzender deutscher und ausländischer Gefangenen an.

Eine von den Alliierten eingesetzte Prüfungskommission legte fest, welche Gefangenen zu welchem Zeitpunkt zu entlassen seien. Nach den 1950 vom Vorstand der Strafanstalt Lüttringhausen erstellten Listen befanden sich am 15. April 1945 unter anderem noch knapp 200 Niederländer in jener Strafanstalt. Diese wurden fast alle bis Ende Mai 1945 aus der Haft entlassen. In den Wochen zwischen Befreiung und endgültiger Entlassung wurden die deutschen und ausländischen politischen Häftlinge bei offenen Zellentüren in einem Flügel des Zuchthauses zusammengelegt.

Nach Häftlingsberichten sei das Essen nun besser gewesen. Den niederländischen Gefangenen war sogar gestattet worden, am 30. April 1945 den Geburtstag der damals sehr beliebten niederländischen Prinzessin Juliana zu feiern.

Ein Dutzend starb

Längst nicht alle niederländischen Häftlinge hatten das Glück, die Haft in Lüttringhausen zu überleben. Wie die Sterbebücher des Standesamtes Lüttringhausen dokumentieren, starben in den Kriegsjahren 1941 bis 1945 zwölf oder 13 Niederländer im Zuchthaus Lüttringhausen, darunter die politischen Häftlinge Jan Willem Johny Blom, Pieter Goudswaard, Dirk Jan Hofman, Cornelis Leonardus Josephus van Lent, Abel Vlieger sowie auch Jakobus Winterdijk.

Nach dem Remscheider Adressbuch von 1935 diente das Zuchthaus Lüttringhausen „zur Vollstreckung der Zuchthausstrafen, die von den Gerichten des Oberlandesgerichtsbezirks Düsseldorf erkannt“ worden waren. 

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