Mein Leben als Papa

Nie mehr zweite Liga: So ein Aufstieg fühlt sich an wie eine Meisterschaft

Mai 2021: Nach dem Abstieg suche ich Trost bei Hannes.
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Mai 2021: Nach dem Abstieg suche ich Trost bei Hannes.

RGA-Redakteur Gunnar Freudenberg erzählt vom Alltag mit seinen Söhnen Hannes (6) und Michel (3).

In der Saison 1992/93 war ich zum ersten Mal im Bremer Weser-Stadion. 3:0 gewann Werder gegen Dynamo Dresden, am Ende der Saison wurde mein Lieblingsverein Meister. Weitere Titel sollten folgen. Am 8. Spieltag der Saison 2021/22 verliert Werder mit 0:3 bei Dynamo Dresden und rutscht auf den zehnten Platz ab. In der zweiten Liga. Ich schaue zu Hannes und Michel rüber, die sich längst mit anderen Dingen beschäftigen und nach dem dritten Gegentor endgültig das Interesse verloren haben, ihrem fluchenden Papa vor dem Fernseher Gesellschaft zu leisten. Willkommen, nächster Tiefpunkt!

Schon der – leider verdiente – Abstieg meiner Grün-Weißen hat mich im Sommer hart getroffen. Hannes bemerkt erst nach und nach, dass in dieser Spielzeit alles anders ist. „Wo sind denn die richtigen Spieler hin?“, fragt er Anfang der Saison, als die Werder-Aufstellung eingeblendet wird. Rashica, Osako, die Eggestein-Brüder – viele seiner Lieblinge sind den Weg in die zweite Liga nicht mitgegangen.

Mai 2022: Der Sprung in den Pool und zurück in Liga 1 ist geglückt.

Spätestens nach der Klatsche in Dresden würde ich es auch Hannes und Michel nicht übelnehmen, wenn sie mich auf dem Werder-Weg alleine zurückließen. Dabei hatte ich ihnen doch versprochen, dass Werder in der zweiten Liga wieder häufiger gewinnt. Stattdessen verschweige ich ihnen jetzt sogar Ergebnisse vom Vorabend und schaue Spiele zum Teil nur noch heimlich.

Im tristen November aber wendet sich alles zum Guten. Der neue Trainer, den Hannes von Anfang an nie richtig mochte, tritt zurück, weil ihm ein gefälschter Impfpass nachgewiesen wurde. Mit dem neuen Coach Ole Werner heißt es plötzlich: Olé Werder! Sieg um Sieg klettern wir in der Tabelle nach oben. Pavlenka steht nach seiner Verletzung wieder im Tor, Stürmer Füllkrug trifft so oft, wie ich es immer schon versprochen habe, und Neuzugang „Ducksch, Ducksch, Ducksch“, der bei seinem Torjubel die Zunge rausstreckt, ist Hannes’ und Michels neuer Held. Was können Siege gegen Aue und Hannover sonntagmittags Spaß machen!

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Das furiose 4:1 auf Schalke verfolge ich ohne die Jungs mit meinem Vater im Stadion. Hannes habe ich nichts davon gesagt, er wäre sicher zu gerne mitgekommen. Aber das hätten seine und meine Nerven nicht mitgemacht. Saison-Höhepunkt für Hannes und Michel ist der letzte Spieltag: „Steigen wir heute auf, spring ich mit Werder-Trikot in den Pool“, verspreche ich ihnen. Nach dem 2:0 gegen Regensburg löse ich mein Versprechen unter lautem Gejohle der Jungs ein. Montags entern wir mit „Nie mehr zweite Liga!“-Gesängen den Kindergarten. Zweitliga-Zweiter, oh, wie ist das schön!

Hannes denkt nach der ersten Euphorie schon einen Schritt weiter: „Sind wir jetzt eine Fahrstuhlmannschaft – so wie Bielefeld?“, fragt er mich. „Das kann sein“, sage ich. „Oder wir werden nächstes Jahr Meister.“ Hannes grübelt. „Ein Aufstieg ist ja auch fast wie eine Meisterschaft“. Ich finde, da hat er recht.

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