Natürlich nachhaltig

Remscheids Innenstadt ist eine Hitzeinsel

Die Remscheider Innenstadt, wie hier die Alleestraße, ist im Sommer eine Hitzeinsel. Stadtgrün kann für Abkühlung sorgen. Archivfoto: Knut Reiffert
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Die Remscheider Innenstadt, wie hier die Alleestraße, ist im Sommer eine Hitzeinsel. Stadtgrün kann für Abkühlung sorgen.
  • VonValeria Schulte-Niermann
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Pflanzen sind nicht nur schön anzusehen. Sie kühlen auch die Umgebung und fördern die Artenvielfalt - egal ob an der Straße, an Fassaden oder auf Dächern. Die Stadt Remscheid sieht Grün als Überlebensstrategie in Zeiten des Klimawandels und möchte für mehr Grün sorgen. Doch das ist gar nicht mal so einfach.

Von Valeria Schulte-Niermann

Remscheid. Im Corona-Jahr 2020 wurde bei einer Umfrage des Bundesamts für Naturschutz ermittelt, was Natur in der Stadt für die Menschen bedeutet. 82 Prozent antworteten Parks und öffentlichen Grünräumen. Diese Gebiete sind ihnen also wichtig.

Dabei sind Grünanlagen nicht nur Erholungsräume, sondern haben noch viele andere Vorteile: Jeder weiß, dass Hitze im Sommer unerträglich werden kann. Dagegen können Grünflächen helfen – ob am Boden, an Fassaden oder auf Dächern –, sie bieten Schatten und kühlen die Umgebung durch Verdunstung. „Grün kann Leben retten und ist der Schlüssel für die Klimaanpassung, um Hitzespitzen abzuflachen“, sagt Markus Wolff, Leiter des Stadtforstamtes Remscheid.

Wir haben mit dem Wupperverband über die Auswirkungen des Klimawandels im Bergischen gesprochen.

Natürlich nachhaltig.

Natürlich nachhaltig

Wenn das in den Pflanzen gespeicherte Wasser verdunstet, kühlt es die Umgebung und verbessert somit das Mikroklima. Bei Bepflanzung von Häusern wird auch das Dach gekühlt, was die Leistung einer Solaranlage erhöhen kann. Außerdem wird Regenwasser im Substrat gespeichert, was die Abwasseranlagen entlastet. Zuguterletzt fördert Stadtgrün die Artenvielfalt. Das schreibt die Verbraucherzentrale NRW auf ihrer Webseite.

Hier ist es in Remscheid am wärmsten

In Remscheid sind vor allem die Innenstadt und die Lenneper Altstadt Hitzeinseln. Aber auch fast alle Gewerbegebiete und Bebauungen entlang der B229. Denn diese Gebiete sind am dichtesten bebaut und bei windschwachem und sommerlichem Wetter hohen Temperaturbelastungen ausgesetzt. Das geht aus der Klimafunktionskarte der Stadt hervor.

Wenn ich Nachhaltigkeit ernst nehme, muss ich für Grün sorgen.

Sabine Ibach, Fachdienst Umwelt

Die Stadt habe die Vorteile von Stadtgrün erkannt und wolle mehr Grün im Rahmen der Nachhaltigkeitsstrategie umsetzen, sagt Sabine Ibach vom Fachdienst Umwelt. Die heißen und versiegelten Bereiche sollen dabei vorrangig umgestaltet werden. „Wenn ich Nachhaltigkeit ernst nehme, muss ich natürlich für Grün sorgen, für Natur und Umwelt. Das ist eine Überlebensstrategie für uns Menschen, wenn wir den Klimawandel betrachten, dann wird das existenziell werden, wie die Städte in Zukunft gestaltet sind“, sagt Sabine Ibach. Weil in den Städten oft kein Platz mehr für Bäume und Parks ist, wird das Thema Fassaden- und Dachbegrünung immer präsenter. In Remscheid sei laut Sabine Ibach aber noch nicht klar, wo Dach- und Fassadenbegrünung gepflanzt werden kann.

Welche Dächer für Begrünung von der Lage her geeignet sind, zeigt das Gründachkataster NRW. Hierfür wurden über 50 Millionen Dachteilflächen von rund 11,3 Millionen Gebäuden betrachtet. Jedoch ist nicht jedes Haus aufgrund der Statik dafür geeignet.

Stadt muss Bäume pflanzen, die klimatolerant und robust sind

Beim Pflanzen von Bäumen gilt es, einiges zu beachten. Die Auswahl der passenden Art ist dabei nicht ganz einfach. Denn Straßenbaume müssen robust sein. Sie haben mit Hitze, Bodenverdichtung und Schädlingen zu kämpfen. Aber auch mit einem zu kleinen Wurzelraum und Anfahrschäden, weiß Stadtförster Markus Wolff. Der Baum muss spezifisch auf den Standort angepasst sein. Aber: „Es gibt nicht den Wunderbaum“, sagt Markus Wolff.

So wird Remscheid eine gesunde Baum-Stadt

Wo Bäume aufgrund eines nicht artgerechten Standorts sterben, müssen sie gefällt werden. Dann können aber standortgerechte Bäume gepflanzt werden, die eine Zukunft haben. Die Stadt Remscheid erstellt dafür eine Zukunftsbaumliste. Stadtförster Markus Wolff nennt Amberbaum, Gleditschien und Baumhasel als mögliche Zukunftsbäume. Das Artenspektrum müsse auf jeden Fall breit aufgestellt sein, damit Schädlinge nicht zu viel Schaden anrichten, wie das bei Linden und Eichen der Fall sei.

Um möglichst gut passende Baumarten zu finden, kann die Straßenbaumliste der Deutschen Gartenamtsleiterkonferenz (Galk) helfen. Sie gibt neben Aussehen und Größe an, wie klimatolerant und straßenbaumtauglich eine Art ist. Exoten aus Südeuropa kommen besser mit den immer wärmer und trockener werdenden Verhältnissen zurecht als einheimische Arten. Da in Städten keine freie Natur ist, sind hier laut dem Bundesnaturschutzgesetz auch exotische Arten erlaubt.

Die Technischen Betriebe Remscheid würden gern mehr Grün in der Stadt schaffen, weiß Markus Wolff. Allerdings scheitern viele Standorte an den Anleiterflächen, die im Falle eines Brands für die Feuerwehr frei gehalten werden müssen, wie in der Alleestraße.

Baumschutzsatzung: Ersatzpflanzungen und Zahlungen sollen Fällungen ausgleichen

Damit Bäume nicht willkürlich gefällt werden, gibt es in Remscheid eine Baumschutzsatzung. Die Stadt will damit den Baumbestand erhalten und somit das Klima verbessern sowie das Stadtbild gestalten.

Bei Fällanträgen werde immer die Erhaltungsmöglichkeit der Bäume geprüft. Fällungen gibt es trotzdem. Im Jahr 2020 wurden 275 Entfernungen genehmigt. Laut Verwaltung waren die Bäume wegen Erkrankungen wie dem Eschentriebsterben oder Pilzerkrankungen sowie Trockenschäden nicht mehr verkehrssicher. 112 Bäume wurden wegen Bauanträgen gefällt, als Ausgleich sollen 165 Ersatzbäume gepflanzt werden.

Als Ersatzpflanzungen wurden im Winter 2020/2021 46 Bäume im Gewerbegebiet Großhülsberg (Projekt „Grün statt Grau“) gepflanzt. Weitere 26 Straßenbäume wurden im übrigen Stadtgebiet gepflanzt. Als Ausgleichszahlungen nahm die Stadt im Jahr 2020 über 40 000 Euro ein. Dazu erklärt die Stadt: „Insgesamt führte der Fachdienst Umwelt in den vergangenen sechs Jahren 267 Neupflanzungen von Bäumen in Remscheid durch. Die Ausgleichszahlungen wurden vielfältig zum Schutz des Baumbestands verwendet. Hierzu zählen Optimierungen der Baumstandorte, Pflanzungen, Schnittmaßnahmen, Vergrößerung und Anlage von Baumscheiben, Bewässerungs- und Pflegemaßnahmen.“

Der Fraktion Die Linke geht die Baumschutzsatzung aber nicht weit genug. Sie forderte Änderungen. So sollen schon Bäume ab einem Stammumfang von 80 cm statt 120 cm geschützt sein. Außerdem sollen auch Scheinakazien, Birken, Pappeln, Fichten und Weiden geschützt werden, die bisher von der Baumschutzsatzung ausgenommen sind. Die Linke kritisiert unter anderem, dass mehr Bäume gefällt als nachgepflanzt wurden, obwohl eine Nachpflanzung die Leistung eines alten, großen Baums nicht ersetze. Im September 2021 wurde der Antrag vom Stadtrat abgelehnt.

Förderung vom Land NRW

Das Umweltministerium NRW fördert mit dem Projekt „Grüne Infrastruktur“ Kommunen dabei Grün- und Erholungsflächen zu schaffen und aufzuwerten. Auch das Sonderprogramm „Klimaresilienz in Kommunen“ fördert Klimaanpassungsmaßnahmen, wie Dach- und Fassadenbegrünung. Die Bundesregierung fördert Stadtgrün mit der Initiative „Grün in der Stadt“ und bietet einen „Masterplan Stadtnatur“.

www.gruen-in-die-stadt.de

Das können Bürger tun

  • Jeder Bürger kann Verantwortung für den Baum vor der eigenen Haustür übernehmen, ihn im Sommer gießen und den TBR melden, wenn der Baum krank erscheint.
  • Der Garten kann naturnah gestaltet werden, um Tieren und Pflanzen einen Lebensraum zu bieten.
  • Weitere Infos zum Thema Begrünung am Haus liefert die Verbraucherzentrale NRW. Sie bietet auch eine Anleitung für Dachbegrünung auf Garagen oder Gartenhäuschen.
    www.mehrgruenamhaus.de

Serie

Alle Folgen zur Serie „Natürlich nachhaltig“ finden Sie hier.

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