Natürlich nachhaltig

So geht es dem Wald in Remscheid

Die Stadt Remscheid lässt vereinzelt tote Fichten, sogenannte Dürrständer, stehen.
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Die Stadt Remscheid lässt vereinzelt tote Fichten, sogenannte Dürrständer, stehen.
  • VonValeria Schulte-Niermann
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Den Wäldern in Nordrhein-Westfalen geht es nicht gut. Viele Hektar Wald müssen so aufgeforstet werden, dass sie dem Klimawandel trotzen können. Denn Bäume erbringen eine ganze Reihe an Ökosystemleistungen und sind ein wichtiger Klimaregulator. Was macht die Stadt Remscheid, um einen nachhaltigen Wald zu schaffen? Und sind in den Wäldern Wirtschaft, Erholung und Naturschutz vereinbar?

Von Valeria Schulte-Niermann

Remscheid. Die Fläche der Stadt Remscheid besteht zu 30 Prozent aus Wald. Auch die Fläche Deutschlands ist zu rund einem Drittel mit Wald bedeckt. In ihnen sind rund 2,5 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gebunden, sagt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Die Pflanzen speichern CO2 und geben Sauerstoff frei. So sind sie wichtige Klimaregulatoren. Doch wegen Hitze, Trockenheit und Schädlingsbefall der Jahre 2017 bis 2020 starben sehr viele Bäume.

Alle Folgen der Serie „Natürlich nachhaltig“

Natürlich nachhaltig

Laut dem Waldmonitor der Naturwald Akademie ist der Waldverlust in Nordrhein-Westfalen am größten. Hier sind seit 2018 rund 10,3 Prozent der Nadelwaldfläche und 1,3 Prozent der Laubwaldfläche verloren gegangen. So muss in NRW mit knapp 60 000 Hektar von deutschlandweiten 277 000 Hektar am meisten aufgeforstet werden.

Wald in NRW

Laut dem Umweltzustandsbericht Nordrhein-Westfalens von 2020 sind rund 27 Prozent der Fläche von NRW bewaldet. Die Fichte ist mit 30 Prozent noch immer die häufigste Baumart, gefolgt von der Buche (19 Prozent), der Eiche (17 Prozent) und der Kiefer (8 Prozent). Innerhalb von 30 Jahren stieg der Laubbaumanteil von 48 auf 59 Prozent beziehungsweise auf 503.000 Hektar wegen Sturm- und Dürreereignissen und aktivem Waldumbau zu Mischwald. 

Doch es sollen nicht wieder Monokulturen entstehen, sondern Mischwälder wachsen. Sie sind ökologisch stabiler, artenreicher und forstwirtschaftlich risikoärmer. Eine nachhaltige Waldbewirtschaftung und Holzverwendung sollen laut der „Waldstrategie 2050“ des BMEL zur Erreichung der Klimaschutzziele der Bundesregierung beitragen. Auch die Stadt Remscheid möchte dazu beitragen: „Da müssen wir die nötigen Rahmenbedingungen schaffen durch Initialpflanzungen, natürliche Verjüngung und angepasste Wildbestände“, sagt Remscheids Stadtförster Markus Wolff.

So sollen in Remscheid Mischwälder entstehen

Rückepferd Elli hilft beim Waldumbau.

So betreibt die Stadt Remscheid ihren Wald im Sinne einer naturgemäßen Waldwirtschaft. Dazu gehört, dass sie große Kahlflächen vermeidet. Denn hier kann sich im Sommer der Boden bis zu 50 Grad aufheizen. „Das ist natürlich vegetationsfeindlich“, sagt Markus Wolff. Abgestorbene Bäume sollen helfen, die Hitzespitzen abzufedern. Denn selbst tote Bäume geben noch Feuchtigkeit ab und spenden Schatten. Sie tragen zur Verbesserung des Mikroklimas bei, bieten vielen Tieren und Organismen einen Lebensraum und verbleiben als wichtige Biomasse im Wald. Stämme, die nicht liegenbleiben sollen, werden bodenschonend mit Rückepferden herausgezogen.

Warum gibt es trotzdem so viele kahle Flächen?

Solche Kahlflächen möchte die Stadt Remscheid vermeiden. Doch auch hier kann ein Mischwald entstehen.

Das ist eine andere Strategie des Waldumbaus, die Christian Langfeldt, Forstamtsleiter von Wald und Holz NRW betreibt. Von den toten Fichten, den Dürrständern, gehe eine große Gefahr für die Waldarbeiter aus. Diese müssen aber in den Wald, um Begleitvegetation zu entfernen, damit die angepflanzten Bäume besser wachsen können. Es geht also um Arbeitssicherheit. Auf den Freiflächen werden lichtliebende Baumarten wie Eiche oder Vogelkirsche gepflanzt. Auf einer Fläche sollen dann fünf verschiedene Arten wachsen, in der Hoffnung, dass mindestens eine gut mit dem Klimawandel zurechtkommt.

Markus Wolff vermutet aber auch, dass es einige Waldbesitzer einfacher finden, großflächig neu zu pflanzen, wenn keine Bäume mehr da sind. Zum anderen könne es sinnvoller sein, das Holz noch zu verkaufen.

Ein Kompromiss ist, Hochstümpfe stehenzulassen, also den Baum in bis zu acht Meter Höhe abzusägen. So hat die Stadt Remscheid das an der Panzertalsperre und in Hackenberg gehandhabt. Das Verkehrsrisiko ist behoben und trotzdem bietet der Stamm noch einige der oben genannten ökologischen Vorteile, sagt der Stadtförster.

Auf die richtige Waldstruktur kommt es an

Zwischen den Stämmen pflanzt die Stadt neu, sogenannte Initialpflanzungen. Selbst wenn Äste abbrechen oder ganze Bäume umfallen, gehen die frisch gepflanzten Bäumchen nicht komplett kaputt. Es überwiege der Vorteil, dass die alten Kronen den neuen Pflanzen Schutz geben. „Aber es sieht sehr wild und unaufgeräumt aus. Das ist gewöhnungsbedürftig“, sagt Markus Wolff.

Als Initialpflanzungen kommen je nach Standort Weißtanne, Douglasie, Stieleiche, Traubeneiche, Vogelkirsche, Ulme und Ahorn in Frage. Obwohl die Rotbuche stark mit Trockenheit zu kämpfen hat und viele alte Bäume sterben, wird sie weiterhin in Remscheids Wäldern wachsen.

Die Fichte wächst von selber wieder. Da müssen die Förster eingreifen.

Auch die Fichte wird noch weiterhin zu sehen sein, da sie sich selbst aussät. „Sie darf nicht Überhand nehmen, sonst haben wir nachher einen reinen Fichtenwald, den wir nicht haben wollen. Darum müssen wir eingreifen und dürfen den Wald nicht einfach so wachsen lassen“, betont Markus Wolff.

Neben diesen eher heimischen Baumarten können auch Arten aus mediterranen Gegenden gepflanzt werden, die vielleicht besser an den Klimawandel angepasst sind. Sie dürfen aber nur maximal zehn Prozent der Waldfläche ausmachen und nur da gepflanzt werden, wo es das Naturschutzrecht zulässt. „Wir gehen davon aus, dass nicht die Baumartenwahl entscheidend für eine Klimawandeltauglichkeit ist, sondern die Waldstruktur“, sagt Markus Wolff. Und: „Ohne Regen schafft es auch eine hier neu gepflanzte Baumart nicht.“ Die Waldstruktur soll artenreich sein, alte und junge Bäume sowie viel Totholz enthalten.

Junge Buchen wachsen im Schatten der toten Fichten.

Der Hauptteil der Aufforstung soll über die natürliche Verjüngung geschehen. Darum werden pro Hektar nur wenige Bäume gepflanzt. Die Pioniergewächse Birken, Weiden und Ebereschen sollen von selber wachsen und einen Vorwald bilden. Er bietet den Hauptbaumarten Schutz.

Im Sinne der ökologischen Waldpflege fördern die Förster die seltenen, also eher konkurrenzschwächeren Baumarten. „Da muss man alle Jahre mal nach schauen, dass die Bäume sich nicht gegenseitig totwachsen und damit die richtige Mischung im Sinne von Vielfältigkeit und Struktur auch entstehen kann“, sagt Markus Wolff.

Darum wird in Remscheid Wild gejagdt

Kunststoffhüllen schützen die Setzlinge vor Verbiss, müssen aber wieder entsorgt werden.

Dazu gehört auch, Setzlinge vor Verbiss zu schützen. „Durch Wild gibt es Entmischungsprozesse, da sie nur ausgewählte Pflänzchen fressen, und die Fichte stehen bleibt“, sagt Christian Langfeldt. Ohne Wild, in einem eingezäunten Bereich, werden mehr Bäume groß. Darum regulieren das Land und auch die Stadt Remscheid den Wildbestand in ihren Wäldern. Die Setzlinge können auch Kunststoffhüllen bekommen. Allerdings sehen diese nicht schön aus, kosten Geld und müssen wieder entsorgt werden.

Das ist das Ziel der Remscheider Forstwirtschaft

Die Stadt Remscheid betreibt einen wirtschaftlich genutzten Erholungswald. Die Erholung hat dabei Priorität, und die Wirtschaft findet im Rahmen einer naturgemäßen Waldwirtschaft und -pflege statt. „Das sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten einer Medaille“, sagt Markus Wolff.

Dass der Wald als Ort der Erholung eine wichtige Rolle spielt, zeigt der Bericht „Waldstrategie 2050“ vom BMEL. Laut diesem nutzen 68 Prozent der Deutschen den Wald mindestens einmal im Monat zur Erholung. So tragen Wälder auch zur physischen und psychischen Gesundheit bei. Der Wald bietet aber auch Erosionsschutz, Wasserhaltung, Wasserfilterung, Hochwasserschutz, Klimaschutz, Staubfilterung, Artenschutz, Lärmschutz, er ist CO2-Speicher und Sauerstoffproduzent. So hat der Remscheider Wald einen Wert von 26,6 Millionen Euro pro Jahr. Das hat die Studie „Inwertsetzung von Ökosystemdienstleistungen“ im Jahr 2014 berechnet.

Ein bewirtschafteter Wald liefert außerdem wichtiges regionales Holz. Wenn es als Bauholz oder für Möbel verwendet wird, bleibt das enthaltene CO2 gespeichert und wird nicht freigesetzt. Der Holzverkauf macht aber nur etwa 2,6 Prozent des Gesamtwertes des Remscheider Walds aus.

Alle genannten Ökosystemleistungen soll der Wald bestmöglich, dauerhaft und nachhaltig erbringen. Darum ist das Ziel der Remscheider Forstwirtschaft ein Dauerwald, der sich permanent verjüngt, viele Baumarten enthält und stabil gegen den Klimawandel gerichtet ist. „Unser Konzept des naturgemäßen Dauerwalds versucht, alle Ansprüche der Gesellschaft bestmöglich zu erfüllen“, sagt Markus Wolff.

Preis für Remscheids Forstwirtschaft

Für die erfolgreiche und vorausschauende Umsetzung des ökologischen Waldumbaus erhielt die Stadt Remscheid im Jahr 2019 den NRW-Preis für vorbildliche Waldbewirtschaftung. Sie wurde im NRW-Landtag durch die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald e.V. und das NRW-Umweltministerium verliehen. Außerdem ist der Wald der Stadt und des Forstverbands Remscheid nach den PEFC-Kriterien zertifiziert. Das belegt die nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes.

Waldgenossenschaft Remscheid

Die Waldgenossenschaft Remscheid eG wurde 2013 gegründet. Ihr Zweck ist der gemeinschaftliche Schutz des Waldes, indem sie Wald in der Region erwirbt und diesen nachhaltig naturgemäß bewirtschaftet.
www.waldgenossenschaft-remscheid.de

Forstverband Remscheid

Im Forstverband Remscheid sind rund 660 Privatwaldbesitzer mit rund 1200 Hektar als Körperschaft öffentlichen Rechts zusammengeschlossen.
forstverband-remscheid.de

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