Natürlich nachhaltig - Die große Nachhaltigkeitsserie

Marc Scheibel: „Wetterextreme werden nicht weniger“

Marc Scheibel vom Wupperverband.
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Marc Scheibel vom Wupperverband.

Marc Scheibel und Susanne Fischer vom Wupperverband über die Auswirkungen des Klimawandels im Bergischen.

Das Gespräch führte Katharina Birkenbeul

Herr Scheibel, zwei Wochen lang wurde auf der Weltklimakonferenz über den Klimawandel debattiert - mit dem Ergebnis: Es muss noch mehr dagegen getan werden. Wie ist die Lage im Bergischen?

Marc Scheibel: Der Klimawandel ist bei uns bereits deutlich spürbar. Wir erleben eine Spreizung zwischen den Extremen. Einerseits haben wir lange und viel ausgeprägtere Trockenzeiten als früher. Andererseits, wenn Niederschlag fällt, ist dies oft sehr konzentriert, dann haben wir zum Teil große Mengen innerhalb kürzester Zeit. Das bedeutet: Die Jahresniederschlagsmenge schwankt über die Jahre in gewohnten Bereichen, aber die Verteilung der Regenmengen im Jahresverlauf ändert sich deutlich. Die Extreme nehmen zu. Was wir hier auch erleben, spiegelt sich weltweit: Temperaturveränderungen und dadurch auch zum Beispiel die Verschiebung der Vegetationszeiten. Im Oberbergischen, wo es früher kälter war, ist der Temperaturanstieg deutlicher als in der rheinischen Tiefebene.

Marc Scheibel und Susanne Fischer vom Wupperverband wissen, extreme Wetterereignisse wie das Hochwasser im Juli werden häufiger. Aber es gibt Möglichkeiten im Bergischen, dem ein wenig entgegenzusteuern.

Können die Talsperren den Klimawandel im Bergischen mehr abmildern, als das anderswo ohne Talsperren möglich ist?

Scheibel: Ja, das ist definitiv so. Die Talsperren speichern Wasser und schaffen so bis zu einem gewissen Grad einen Ausgleich. Bei Hochwasser können sie Wellen mindern. Aber es gibt Grenzen, und ab einem gewissen Punkt sind technische Anlagen bei Extremereignissen auch überlastet. Eine Talsperre ist dann voll und kann kein Wasser mehr puffern. Wir brauchen das Wasser in den Talsperren für die Trinkwasser- und die Brauchwasserversorgung. Außerdem müssen wir in Trockenzeiten Wasser aus den Talsperren an die Unterläufe der Gewässer abgeben, das ist unter anderem wichtig für die Ökologie und die Nutzungen am Fluss.

Das ist also ein Spannungsfeld. Wenn Sie jedoch keine Talsperren haben, können Sie die starke Trockenheit und Hochwasser nicht ausgleichen. Dann gelangt bei dem nun häufiger vorkommenden ausgeprägten Regen sehr viel Wasser auf die Oberfläche und in die Gewässer. Das heißt, man hat höhere Abflüsse in den Gewässern als ohne Talsperren und man kann das Wasser nicht als Wasservorrat zwischenspeichern.

Susanne Fischer: In den Trockenphasen der letzten drei Jahre haben anderswo einige Flüsse sehr wenig Wasser geführt oder sind trockengefallen, es gab ökologische Probleme. Das konnten wir an der Wupper durch die Talsperren vermeiden. Wir haben in den Trockensommern sehr viel Wasser aus den Talsperren abgegeben, dadurch sind die Wassermengen in den Talsperren sehr stark zurückgegangen. Daran merkt man, dass die Bewirtschaftung der Talsperren bei sich ändernden Klimabedingungen eine größere Herausforderung ist.

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Gibt es hier Ansätze dem Klimawandel und den Auswirkungen entgegenzusteuern?

Scheibel: Die Frage ist, kann man den Klimawandel überhaupt aufhalten? Wir als Wupperverband schauen, was können wir von wasserwirtschaftlicher Seite aus tun als Anpassung an die Folgen des Klimawandels, zum Beispiel mit unserer Gewässerunterhaltung: mehr Platz für Gewässer schaffen, Gewässer renaturieren, Fließgeschwindigkeiten von Gewässern reduzieren. Die europäische Wasserrahmenrichtlinie wird sukzessive umgesetzt. In den Einzugsgebieten von Talsperren haben wir mit den Landwirten eine Kooperation und beraten zu nachhaltiger Landwirtschaft für Gewässer- und Trinkwasserschutz.

Bezogen auf die Talsperren ist eine Talsperrenbewirtschaftung mit einer flexibleren Steuerung erforderlich, um schneller angepasst und nicht mit starren Regeln agieren zu können. Dazu bedarf es natürlich auch möglichst guter Kenntnisse davon, wie sich das Wetter und natürlich langfristig das Klima entwickeln könnten. Für Prognosen und verbesserte Kommunikation im Extremfall arbeiten wir unter anderem mit dem DWD zusammen. Wie schon gesagt, einerseits muss eine ausreichende Wasserversorgung gewährleistet und andererseits Hochwasserschutz verbessert werden. Zudem muss die Infrastruktur angepasst werden.

Die Liste der Extremereignisse wird immer länger.

Marc Scheibel, Wupperverband

Das geht wie?

Scheibel: Häuser sollten klimaangepasst gebaut und umgebaut werden. Denken Sie an die Themen Energieeffizienz Dach- und Fassadenbegrünung. Zum weiteren Schutz vor Hochwasser oder Starkregen gibt es zum Beispiel Kellerfenster, die dem Wasserdruck standhalten, so dass kein Wasser eindringt, eine Rückstausicherung zur Vermeidung des Eindringens von Kanalwasser etc.. In der Städteplanung geht es etwa um Grünflächen oder Schwammstadt-Konzepte, um einerseits Schneisen für Luftaustausch bei Hitzeproblematik und andererseits Wasserrückhalt zu schaffen. Ein sehr wichtiger Aspekt ist auch die Vorbereitung auf solche Ereignisse: das persönliche Verhalten des Einzelnen, verständliche, verfügbare Informationen, bekannte und geübte Kommunikationswege und die Absprachen zwischen beteiligten Institutionen optimieren.

Fischer: In den Kommunen gibt es Aktivitäten zur Klimafolgenanpassung, was die Stadtentwicklung und Bauleitplanung angeht, das verzahnt sich mit unseren Themen. Wir werden mit den Städten prüfen, wo wir Verbesserung schaffen können, sei es an der Wupper oder auch an den Nebengewässern.

Wie wahrscheinlich sind weitere solcher extremen Wetterphänomene zurzeit?

Scheibel: Die Liste der Extremereignisse wird durch die letzten Jahre immer länger, die Abfolge von Starkregenereignissen, langen Trockenperioden über Jahre und dann wieder ein Extrem wie das Hochwasser vom 14./15. Juli. Wir können aktuell nicht davon ausgehen, dass dies wieder aufhört, es scheint sich eher zu häufen. Die Ausprägung, zum Beispiel bei extremen Starkregen, ist dabei eine Sache, aber auch die Häufung ist das Problem.

Was können die Bürger tun?

Fischer: Sich informieren und erkennen, ob man betroffen ist. Wichtig ist, das Risikobewusstsein zu schärfen und zu erkennen, dass wir alle gefordert sind.

Susanne Fischer

Scheibel: Wir haben zum Beispiel Infos zur Vorsorge auf unserer Internetseite, unter anderem über den Hochwasserpass des HKC (Hochwasserkompetenz-Centrum), hier kann jeder prüfen, was kann ich für mein Gebäude oder mein Grundstück tun. Oder die Hochwassergefahrenkarten des Landes. Es gibt mittlerweile auch Starkregengefahrenkarten z. B. des Landes NRW, der Kommunen Remscheid, Solingen, Wuppertal und vom Rheinisch-Bergischen Kreis. Wir als Wupperverband sind sehr aktiv im HKC zur Stärkung der Eigenvorsorge unterwegs. Es wäre wünschenswert, wenn diese Eigenvorsorge in Richtung Klimafolgenanpassung von der neuen Regierung gefördert werden würde.

Verbesserter Hochwasserschutz: So will der Wupperverband reagieren

Wagen wir eine Prognose: Wie sieht das Klima im Bergischen in 20 Jahren aus?

Scheibel: Im Moment, so scheint es mir, gehen alle Experten davon aus, dass wir die Klimaziele nicht mehr erreichen. Und ich glaube nicht, dass sich in den nächsten zwanzig Jahren die Situation wieder positiv verändert. Meine Einschätzung: Die Wetterextreme werden nicht weniger.

www.wupperverband.de

Zur Person

Marc Scheibel ist 51 Jahre alt. Der Diplom-Ingenieur ist seit 20 Jahren beim Wupperverband und ist dort Fachgruppenleiter für Wassermengenwirtschaft & Hochwasserschutz und stellvertretender Bereichsleiter für wasserwirtschaftliche Grundlagen. Zuständig ist er zudem für das Thema Klimaanpassung. Nebenbei ist er Dozent für Ingenieurhydrologie an der Hochschule Bonn.

Susanne Fischer ist ebenfalls 51 Jahre alt. Seit 22 Jahren ist sie beim Wupperverband, seit 2015 ist sie Leiterin der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit.

Serie

Serie: In der Serie „Natürlich nachhaltig“ beschäftigen wir uns mit dem Umweltschutz und Klimawandel im Bergischen. Alle Folgen finden Sie hier.

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