Täter weiter flüchtig

Nach Schüssen: Die Opfer müssen sich verstecken

Weiter auf der Flucht: der mutmaßliche Schütze Bayram Ö.Foto: Polizei
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Weiter auf der Flucht: der mutmaßliche Schütze Bayram Ö.
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Nach den Schüssen in der Geibelstraße: Die Polizei bringt die Familie von Bayram Ö. an geheimen Orten unter.

Remscheid. Bayram Ö., der am 7. Juli auf seine Ex-Frau und den gemeinsamen Sohn geschossen und schwer verletzt haben soll, ist untergetaucht. Gestern brachte die Polizei die Familie in Sicherheit. Vom Haus in der Geibelstraße ging es für die Mutter, den Sohn und weitere Familienangehörige an jeweils unbekannte Orte.

Rückblick: Am 7. Juli fallen in der Geibelstraße in Alt-Remscheid mehrere Schüsse, abgefeuert aus einer kleinkalibrigen Waffe. Von mehreren Kugeln getroffen brechen eine 47-jährige Frau und ihr 24-jähriger Sohn im Hauseingang zusammen. Sie sind schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Der Schütze flüchtet in einem Auto. Nachbarn rufen den Rettungsdienst und die Polizei.

Als Täter gilt der Ex-Mann der 47-Jährigen. Bayram Ö. (53) soll mit ihrer Lebensweise nicht einverstanden gewesen sein. Unter seinen türkischen Landsleuten gilt er als „harter Mann“, der keinen Widerspruch duldet. Wochen vor dem Mordanschlag kündigt er seine Tat an. „Ich werde dich und deine Mutter umbringen“, ruft er seinem Sohn auf einem Supermarktparkplatz zu. Der erstattet Anzeige wegen Bedrohung, doch weil die Polizei den Vater nirgends antreffen kann, legt die Behörde den Fall bald zu den Akten.

„Da wir nicht wissen, wo er ist, schließen wir nichts aus.“

Dr. Dorothea Tumeltshammer, Staatsanwaltschaft

Nach den Schüssen auf offener Straße verläuft die Großfahndung der Polizei ergebnislos. Ein versuchter Zugriff in einer Wohnung durch schwer bewaffnete Spezialeinsatzkräfte in Essen, wo die Familie ursprünglich lebte, schlägt ebenfalls fehl. Bayram Ö. bleibt verschwunden. Für seine Opfer wiegt das besonders schwer, denn: „Da wir nicht wissen, wo er ist, schließen wir nichts aus“, sagt Dr. Dorothea Tumeltshammer, bei der Staatsanwaltschaft Wuppertal Sprecherin für Kapitalsachen.

Das gilt für den Aufenthaltsort des Mannes. Das gilt aber auch für eine mögliche Wiederholung der Tat. Bereits unmittelbar nach den Schüssen versuchte die Polizei, die Familie vor Ort zu schützen. Ein Streifenwagen stand vor dem Haus in der Geibelstraße, wo außer Mutter und Sohn weitere Familienangehörige lebten.

Gestern rückte die Polizei ab. Nachdem die 47-Jährige und der 24-Jährige das Krankenhaus verlassen konnten, brachte die Polizei sie andernorts unter. Die Anonymität soll sie vor der Gewaltbereitschaft des eigenen Vaters und Ehemanns schützen.

„Die Ermittlungen dauern an“, sagt derweil die Staatsanwältin. Auch die öffentliche Fahndung nach Bayram Ö. geht weiter. Wer ihn antrifft, soll ihn nicht ansprechen, sondern umgehend die Polizei verständigen. Der „harte Mann“ gilt als gefährlich. Möglicherweise ist er auch weiterhin bewaffnet.

Polizeibekannt

Die Schüsse vom 7. Juli führten die Polizei nicht zum ersten Mal zu dem Haus in der Geibelstraße. Nachbarn berichten von Fällen häuslicher Gewalt. Der Polizei lag zudem eine Anzeige des Sohnes gegen den eigenen Vater vor. Die Polizei stellte die Ermittlungen jedoch ein.

Mittlerweile hält sich Bayram Ö. seit etwa einem Monat versteckt. Sollte er gefasst werden, droht ihm eine Haftstrafe von nicht unter fünf Jahren.

Standpunkt: Das war vorschnell

Kommentar von Axel Richter

axel.richter@ rga.de

Hätte die Polizei die Familie in der Geibelstraße beschützen müssen? Hätte die Staatsanwaltschaft den gewaltbereiten Ehemann und Vater zudem per Haftbefehl suchen müssen, nachdem sie ihn nirgends angetroffen hatte, um ihn mit Worten zur Räson zu bringen? Natürlich hätten sie das. Doch hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Schenkt man den Strafverfolgern im Bergischen Land Glauben, so gehen in jeder Woche Dutzende Anzeigen wegen Bedrohung bei ihnen ein. Nicht für jeden Beschuldigten können sie einen Haftbefehl ausstellen. Das würde die Ressourcen schlicht überfordern. Es erfordert deshalb kriminalistischen Sachverstand, vor allem aber viel menschliches Fingerspitzengefühl, um den Ernst der Lage zu erfassen. Vielleicht hat es im konkreten Fall an dem einen oder dem anderen gemangelt. Vielleicht auch an beidem. Diesen Fragen muss sich die Polizei im Nachhinein stellen und klären, warum die Anzeige, die der Sohn wegen Bedrohung gegen den eigenen Vater richtete, nur einen Monat vor der Tat zu den Akten gelegt wurde. Denn das war, wie wir heute wissen, zumindest vorschnell.

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